https://www.faz.net/-gqz-t2zq

Bertolt Brecht : Bert und ich

  • -Aktualisiert am

Das ist ja wie in Woodstock: Augsburg feiert Brecht. Albert Ostermeier pfiff den Augsburgern wie Zugereisten ein lustvoll lebendig dialektisch Liedchen vor: Brecht zum Angewöhnen.

          „Inhaltsfuchtel“, sagt Pastior. „Bückware“, sagt Pohl. „Influenzgestalt“, sagt Pastior. „Sound des Realen“, sagt Pohl. „Arger Sportsfan“, sagt Lentz. „Ohrwurm“, sagt Fiebig. „Ein Schauer“, sagt Schrott. „Die leichte Briese“, sagt Papenfuß. „Bert, Bert, Bert“, sagt Begemann. „Der Vogel Brecht“, sagt Cosic, „das alte Exemplar“. „Ein großer Menschheitssänger“, sagt Kratzert, „wie Homer“. „Unser Shakespeare“, sagt Grönemeyer. „Ein komplettes Vergnügen“, sagt Thieme. „Der erste Pop-Schriftsteller“, sagt Ostermaier. „Rein. Sachlich. Böse“, sagt Brecht. - „,Brecht' sagen, Brecht meinen“, dichtet die Spoken-Word-Poetin Nora Gomringer und bringt damit das offene Ziel von vier Augsburger Tagen voll mit dem Dichter Bertolt Brecht auf einen Punkt: Fast jeder trägt Brecht auf der Zunge - fragt sich nur, warum.

          Der Unterschied zwischen einem Winter in Augsburg und einem Sommer in Augsburg ist in diesem Jahr das Lied, welches der pilgernde Passant auf seinen Lippen durch die Gassen trägt: „Nachtmusik“ versus „Dreigroschenoper“. Dem einen, Mozart, huldigte man überschwenglich zum 250. Geburtstag - obwohl er hier weder geboren, noch gestorben ward: Mozart zum Anfassen. Doch um den anderen, Brecht, der am 14. August fünfzig Jahre tot ist, der hier 1898 geboren wurde, zu würdigen, griff man sich einen jüngeren Erbverwalter aus München, den dichtenden Realitätsromantiker Albert Ostermaier. Der stellte nun ein internationales Brecht-Festival auf acht Podeste der Stadt (denen er den zweifelhaften Namen „poetische zone“ verlieh) und pfiff den Augsburgern wie Zugereisten, ganz gleich, ob retro aus dem Filmpalast oder barock aus dem Palasthof, ein lustvoll lebendig dialektisch Liedchen vor: Brecht zum Angewöhnen.

          Kühlschrankpoesie oder Reim auf alles

          „abc“ - das dichterische täglich Brot im Titel des dreiteiligen Festivals, in diesem Jahr der Lyrik, im nächsten der Prosa und 2008 den Dramen Brechts gewidmet, signalisierte profan den gründlichen Neuanfang für das „Deklinieren“ des bis unlängst lieber irritiert ignorierten, weil kommunismuslastigen Augsburger Kindls. Und zwinkerte man sich das etwas zudringliche Motto „Von Brecht lernen“ nicht zurecht, so lockte der Dichter hier mit der gleichen Verve wie eine Doppelstunde „Mutter Courage“: Brecht in der Schule - die rückblickende Autorenriege jaulte geschlossen. Doch in der Praxis, und das war schon nach dem eröffnenden Marathon „Lyrik.6 - die Radionacht für Brecht“ klar, ging es für Autoren wie Publikum ja gar nicht so sehr darum, von Brecht zu lernen, sondern darum, von Brecht gelernt zu haben, und dieses nun, erstmals endlich oder zum wiederholten Male zufrieden, selbstreflexiv festzustellen. (Eine Perspektive, die Saam Schlamminger für seine Videoinstallation „Der Radwechsel“ noch global ausweitete, indem er Menschen in zwanzig Ländern Brecht-Übersetzungen lesen ließ.) Denn mit „abc“ meint Ostermaier nicht nur das poetische (Neu-)Buchstabieren oder den Brechtschen Wunsch nach einem „C“ im Alphabet der Genügsamen, sondern auch die Abkürzung für „Augsburg Brecht Connected“. Verbundenheit also, Brechtische Schizophrenie. Brecht und ein Doppelpunkt und dann bereits man selbst.

          Weitere Themen

          Literarische Triebabfuhr

          Roman von Corinna T. Sievers : Literarische Triebabfuhr

          Corinna T. Sievers hat einen Roman über eine nymphomane Zahnärztin geschrieben. „Vor der Flut“ soll provozieren, schlingert aber nur zwischen Geschmacklosigkeit und unfreiwilliger Komik durch die Feuchtgebiete der Genreliteratur.

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.