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Bernie Sanders im Wahlkampf : Lächeln ist nur etwas für Karrieristen

Rufer in der Stadt: Bernie Sanders Bild: AP

Nach Meinung vieler Demokraten redet der Clinton-Rivale Bernie Sanders zu viel. Denn eigentlich spricht er nur noch fürs Protokoll, auch Ende der Woche im Vatikan. Szenen eines Wahlkampfs, der entschieden scheint.

          Er redet und redet. Und hört nicht auf zu reden. Er redet weiter, auch wenn er Hände schütteln oder Schecks einstecken könnte. Am Freitag fliegt Bernie Sanders nach Rom. Er unterbricht den Wahlkampf im Bundesstaat New York, nur um im Vatikan eine Rede zu halten, obwohl er in den Umfragen fünf Tage vor der Vorwahl am Dienstag mehr als zehn Punkte hinter Hillary Clinton zurückliegt. Eine Audienz ist nicht vorgesehen, Fotos von Bernie Sanders im Zwiegespräch mit Papst Franziskus wird es nicht geben. Vor fünfundzwanzig Jahren veröffentlichte Johannes Paul II. eine Enzyklika aus Anlass des hundertsten Jahrestags von „Rerum novarum“, der sozialpolitischen Enzyklika Leos XIII., und dieses doppelte Jubiläum ist Sanders, dem jüdischen Sozialisten aus Brooklyn, allemal eine Rede wert. Das vatikanische Rednerpult wird er sich in vorbildlicher sozialistischer Manier teilen, mit Evo Morales und Rafael Correa, den Präsidenten von Bolivien und Ecuador.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Nach Meinung der grauen Eminenzen der Demokratischen Partei redet Sanders zu viel. Der Statistikpapst Nate Silver hat verkündet, dass Sanders den Vorsprung von Frau Clinton schwerlich noch aufholen kann. In der Sicht der Parteistrategen redet Sanders nur noch fürs Protokoll, zum Mitschreiben für die Feinde, die Republikaner, die Belastungsmaterial gegen die unabwendbare Kandidatin Clinton sammeln. Vor ein paar Tagen weigerte sich Sanders, seiner Rivalin die Eignung für das Amt des Präsidenten zu bescheinigen. In Fernsehinterviews bemühte er sich anschließend um Entschärfung dieses Urteils über die Parteifreundin, doch je länger er redete, desto schlimmer machte er alles: Er bescheinigte Frau Clinton die Papierform eines auf die Präsidentschaft zulaufenden Lebens, äußerte aber Zweifel an ihrer Urteilskraft. Die republikanischen Wahlkampffilmemacher werden dankbar sein für diese kostenlose Materiallieferung.

          Missglücktes Wortspiel

          In den Fernsehdebatten der Kandidaten hatte Sanders lange ritterliche Entsagung praktiziert. So lehnte er es ab, der früheren Außenministerin einen Vorwurf aus der Umlenkung ihres dienstlichen Elektrobriefverkehrs in einen privaten Kanal zu machen, obwohl dieses Arrangement, seit Monaten Gegenstand einer Untersuchung des FBI, eines der Hauptthemen seiner Kampagne perfekt illustriert: Die Arroganz der Macht bewirkt den Verlust öffentlicher Kontrolle. Aber je länger sich der Zweikampf hinzog, desto persönlicher ist die Auseinandersetzung geworden. Das Ritual des Duells zwingt den Akteuren seine Logik auf. In Brooklyn, auf dem weitläufigen Gelände der einstigen Kriegsmarinewerft, treffen Sanders und Clinton morgen zum neunten Mal aufeinander.

          Am Freitag letzter Woche hat Sanders am Broadway eine Vorstellung von „Hamilton“ besucht, der revolutionären Rap-Oper von und mit Lin-Manuel Miranda. Der Senator und seine Frau erhielten Sondertickets für Prominente zum Preis von 167 Dollar pro Platz; auf dem Schwarzmarkt werden vierstellige Summen bezahlt. Das Stück stellt die Politik der persönlichen Zerstörung als Systemfehler der demokratischen Verfassung dar. Die Rivalität von Alexander Hamilton und Aaron Burr, Nachbarn in New York, Kollegen im Anwaltsberuf, Konkurrenten um die Gunst der Damenwelt, schlägt mit fataler Notwendigkeit in den Kampf um Leben und Tod um; der Ehrgeiz des Aufsteigers Hamilton und das Ressentiment des Aristokraten Burr stimulieren sich wechselseitig, Fermente der Maßlosigkeit.

          Einer der Merkverse aus dem soeben in Buchform mit Kommentaren des Autors erschienenen Textbuch von „Hamilton“ lautet: „In New York you can be a new man!“ Darf man im Establishment der Demokratischen Partei Hoffnung haben, dass morgen Abend ein neuer Sanders die Bühne betritt? Man wird es ihm sofort ansehen: falls er lächelt. „Talk less, smile more“: Diesen Ratschlag Burrs schlägt Hamilton, der Immigrant aus der Karibik, in den Wind der Geschichte. Sanders wurde in New York geboren und wird wohl schon deshalb keine Notwendigkeit sehen, sich dort neu zu erfinden. Die Moral der Geschichte Alexander Hamiltons dürfte für ihn die Treue zur revolutionären Sache um den Preis des persönlichen Opfergangs sein.

          Sanders wurde am Freitag im Theater ebenso laut bejubelt wie Miranda. Als der Vorhang gefallen war, ließ er sich mit dem Ensemble fotografieren. Einen Tag später hatte Frau Clinton ihn wieder einmal geschlagen: Sie durfte sich im Rampenlicht bewähren und mit Leslie Odom, Jr., dem Darsteller Burrs, auf die Bretter einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Hilton-Hotel treten. Odom trug sein Burr-Kostüm, Frau Clinton eine Art goldene Mao-Jacke. Dritter im Bunde war der Autor des Kurzdramas: Bürgermeister Bill de Blasio. Das Stückchen fiel durch. Nicht lustig erschien schon dem Publikum im Saal und dann erst recht den Kritikern in den sozialen Medien das Wortspiel mit einer rassistischen Redewendung. De Blasio ist berüchtigt dafür, dass er zu amtlichen Terminen zu spät kommt. Im Sketch entschuldigt er sich bei Hillary für sein spätes „endorsement“: Er habe sich „on C.P. time“ bewegt. Der schwarze Schauspieler spielt Irritation, denn „C.P.“ steht in dieser Formel für „colored people“. Die bemühte Pointe aus dem Mund der Kandidatin: die Auflösung der Abkürzung als „cautious politician“.

          Unvorsichtigerweise hatte sich Frau Clinton diese Worte in den Mund legen lassen, und ihre Selbstrechtfertigung nach heftigem Beschuss mit virtuellen faulen Eiern machte alles nur noch schlimmer: Der Text sei ja nicht von ihr. Beim Lächeln über den verbalen Fehltritt der Gegnerin wird sich Sanders nicht erwischen lassen. Seine Fans tragen T-Shirts, auf denen sein Gesicht von einer feministischen Parole aus dem alltäglichen Straßenkampf von New York gerahmt wird: „Don’t ask me to smile!“

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