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Bernhard und Suhrkamp : Haltbarkeitstest

  • -Aktualisiert am

Wie schön, alle sind dem Untergang nochmal davongekommen: Thomas Bernhard (rechts) mit seinem Verleger Siegfried Unseld 1984 in Frankfurt. Bild: Barbara Klemm

Wie feiert man einen toten, ohnehin zu Lebzeiten schon immer schlechtgelaunten Dichter? Suhrkamp macht es vor: Mit Wein und Essigwurst.

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          Ein Dichter, der vor vier Wochen 85 geworden wäre, wäre er nicht seit 26 Jahren tot – ist das ein guter Grund zum Feiern? Unter Umständen schon. In diesem Fall sind die Umstände der Abschluss der zweiundzwanzigbändigen Werkausgabe dieses Dichters, und obwohl er meistens schlecht gelaunt war und als Untergangsverliebter galt, wiewohl er immer betonte, er sei glücklich, darf man vermuten, es hätte ihm gefallen, wie im Hause Suhrkamp andere Dichter, jüngere, lebendige, aus seinen Werken lasen und hinterher Essigwurst und keinen Tafelspitz aßen, weil den der Hund am Morgen schon gefressen hatte.

          Es handelt sich natürlich um Thomas Bernhard. Wobei die Gedichte, mit denen Ralf Rothmann die Lesung begann, genau so klangen, wie er sie angekündigt hatte, nämlich, als hätte Bernhard beim Dichten „ein zu enges Hemd an“, man hört die Sätze förmlich nach Luft schnappen, selbst wenn es heißt „bring mir den Schnaps“, denn gesoffen wird viel. Kein Wunder, schob doch nicht einmal der Großvater im „Speckhändler“ dem Enkel ein Stück Speck für seine Verzweiflung zu.

          Die Lüge, das Kontaktmittel zu allen Menschen

          Die Gedichte sind eigentlich lausig, aber später dehnte sich Bernhards so viel lyrischere Prosa herrlich aus, vor allem Uwe Tellkamps Performance einiger Seiten aus dem „Kalkwerk“ machte ihr Beine, ließ die Sätze auf die Zuhörer los wie Kettenhunde, die durch den Raum und bis unters hohe Dach preschten, schnaubten, sich schüttelten und kurz zur Ruhe fanden, bevor sie wieder losrasten, auf die große Illusion aller Dichter zu, in diesem Fall stellvertretend die von „Konrad“, der eine Studie im Kopf hat, aber noch nicht auf Papier: „Plötzlich sei es wieder vollkommen ruhig gewesen, und er, Konrad, habe an die Arbeit gehen können, er setze sich an den Schreibtisch, da sei auch der erste Satz, denke er und er schreibe den ersten Satz. Noch eine Reihe solcher Sätze, denke er und die Studie lasse sich endlich aufschreiben. Aber an die Hunderte und an die Tausende Male habe er dasselbe gedacht, soll Konrad zu Wieser gesagt haben, daß er nur ein paar Sätze zu schreiben habe, und dann auf einmal nach und nach alles. . .“ und so weiter, bis er glaubt, „die Studie nach ein paar Sätzen in einem einzigen Zuge niederschreiben zu können, in Augsburg und in Innsbruck und in Paris und in Aschaffenburg und in Schweinfurt und in Bozen“ und an zahllosen anderen Orten, selbst in Mannheim.

          Und dann klopft es, eine Störung, wie immer, die Sätze sind futsch. Aber nur die von Konrad, nicht die von Bernhard. Auch Tellkamp hat noch Luft für den Satz von der Lüge, die das einzige Kontaktmittel zu allen Menschen sei, und die Komik drückt die Verzweiflung durch die hohen Fenster hinaus in die nasskalte Berliner Nacht. Bernhards Text erweckt alle Verzagten zum Leben, seine Sprache bebt wie eh, und in der Welt, die er uns schafft, werden wir nicht schonungslos in die Verdammnis geschickt. Später gibt es Wein, und die Wurst und Gläser zerbrechen, fürs Glück von allen, die lachen, weil nichts komischer ist, als im Untergang nochmal davongekommen zu sein.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

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