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Bernhard Bueb in der Diskussion : Von der Großvaterisierung der Autorität

  • -Aktualisiert am

Diese Schüler wollen von einem verständnisvollen Unternehmer gecoacht werden. Bild: ddp

In diesem Buch stolpert man mit dem Autor durch viele offene Türen: Bernhard Buebs Provokation endet mit dem Aufwärmen alter Ideale, die man sich bei der Erziehung von Kindern besser nicht vor Augen halten sollte.

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          Offenbar hat es Bernhard Bueb darauf angelegt, dass man in sein Buch nicht aufrechten Ganges, sondern nur stolpernd hineingerät. Denn es fällt schwer, über diesen Titel „Von der Pflicht zu führen“ nicht zu stolpern. Er gibt einem Reizwort eine neue Chance und setzt darauf, dass irgendwelche Leute die Messer wetzen und für Aufregung sorgen. Natürlich war damit zu rechnen, dass irgendwann das über den „Führer“ verhängte Tabu geknackt werden würde, zumal allerorten das Wort leadership gehätschelt wird. Na gut, aber muss jetzt gerade die Erziehung auf Führung getrimmt werden?

          Es wird vielleicht nicht jedem gleich auffallen, aber Bueb fällt im Jahr 2008 zurück hinter den Stand, der spätestens mit Theodor Litts Buch „Führen oder Wachsenlassen?“ erreicht worden ist - und dieses Buch ist immerhin schon 1927 erschienen. Damals konnte jeder, der es wissen wollte, zur Kenntnis nehmen, dass dieser Gegensatz an Fruchtlosigkeit kaum zu überbieten ist. Nicht mal Rousseau glaubte, dass Erziehung darin besteht, Kinder einfach wachsen zu lassen, und nicht mal ein von sich selbst überzeugter ehemaliger Internatsleiter sollte glauben, dass Erziehung sich aufs Führen reduzieren lässt. In uralten Schützengräben räkeln sich Bueb und seine Gegner herum. Beide Seiten liegen falsch. Die einen schaffen sich als Eltern und Erzieher selber ab, indem sie sich den Kindern als beste Freunde oder gute Kumpel andienen und auf diese Weise für ein großes Durcheinander und scheinheilige Gleichmacherei sorgen. Die anderen sehen im Generationenspiel ein bloßes Führungsproblem.

          Eltern im Rückspiegel

          Das unschuldigste deutsche Wort aus der Führer-Familie ist der Bergführer. An ihm wird deutlich, worum es beim Führen geht: Man muss den Weg wissen und vorausgehen. Deutlich wird daran auch, warum die Führerfigur auf den Erzieher nicht so ganz passt. Ja! Natürlich sollen Eltern ihren Kindern Vorbilder sein. Doch schon der gute alte Hegel wusste, dass die Kinder die Eltern „hinter sich“ haben: Den Kindern gehört die Zukunft, also muss man als Erwachsener auch damit leben, dass man von ihnen, wenn sie ins Leben hineinwachsen, nur im Rückspiegel gesehen wird. Haltungen können die Erwachsenen vorleben, als Führer vorausgehen können und sollen sie nicht. Am Bild vom Erzieher als Führer ist etwas schief - also auch am Titel von Buebs neuem Buch.

          Wenn man dann in Buebs Buch mehr schlecht als recht, mehr unwillig als ungeduldig hineinstolpert, dann allerdings wandelt sich das Bild. Der leichte Unmut weicht der Langeweile. Ach, wie sehr wünschte ich mir, dass Bueb mir irgendetwas Inspirierendes zu sagen hätte! dass er mir wenigstens eine einzige harte Nuss zu futtern gäbe! Stattdessen begnügt er sich mit der Feier einer Führungsfigur, für die bevorzugt Unternehmer als Vorbild herangezogen werden, die sich rührend um ihre kranken Mitarbeiter kümmern und täglich dem Mann an der Werkbank einen Besuch abstatten. „Das Bild des Unternehmers weckt“, so erklärt Bueb freudestrahlend, „wohlwollende Assoziationen im Volk.“ „Der Lohn dafür, dass einer sich der Führung eines Mächtigeren anvertraut und bereit ist, dessen Willen zu erfüllen, muss der Schutz sein, den der Mächtige bietet.“ Wie Erzieher von diesem Unternehmertum, diesem „Modell der Führung“ lernen sollen, bleibt im Dunkeln. Gelobt wird dann noch Ronald Reagan, weil er während seiner Präsidentschaft seine Mitarbeiter dazu zwang, ihre Memoranden auf eine Seite zu beschränken. Bueb feiert dies als Gipfel der Führungskunst des Delegierens. Das ist so komisch, dass es schon wieder traurig ist.

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