https://www.faz.net/-gqz-6whxy

Bernd Neumann wird siebzig : Bremen, Bonn und Berlin

Hüter der Kultur mit politischem Instinkt: Bernd Neumann hat dem Amt des Kulturstaatsministers eine Tradition gegeben und sorgt aktiv für kulturpolitischen Fortschritt. Jetzt wird er siebzig.

          2 Min.

          Sechs Jahre Dienst als Realschullehrer. Vierzehn Jahre als Fraktionsvorsitzender und Oppositionsführer in Bremen. Neunundzwanzig Jahre als Vorsitzender der Bremer CDU. Vierundzwanzig Jahre als Mitglied des Deutschen Bundestags. Acht Jahre als Staatssekretär im Bundesforschungsministerium. Das sind nicht unbedingt Erfahrungen, mit denen man seine Eignung für das Amt eines Kulturstaatsministers beweist. Als Bernd Neumann im Herbst 2005 in dieses Amt berufen wurde, mutmaßten viele, hier werde ein Kulturfremder zum Hüter der Bundeskulturpolitik gemacht. Inzwischen behauptet das niemand mehr. Die jüngste wichtige Nachricht aus Neumanns Behörde lautete, dass sich sein Etat im siebten Amtsjahr noch einmal um fünf Prozent erhöht. Wo andere kappen müssen, baut er an.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Man darf die Leistung, die allein in diesen Zahlen liegt, nicht unterschätzen. Als Neumann anfing, gab es den "Staatsminister für Kultur und Medien" gerade sieben Jahre. Der Verleger Michael Naumann hatte die Stelle erfunden, die Kunstkritikerin Christina Weiss und der Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin sie nach ihm bekleidet. Aber das Amt war keineswegs gesichert, es hatte zwar ein Budget und einen Dienstsitz im achten Stock des Kanzleramts, aber keine Tradition. Neumann hat sie ihm gegeben. Inzwischen ist er neben der Bundeskanzlerin das am längsten amtierende Kabinettsmitglied. Die Kräfte in Neumanns eigener Partei, die noch vor wenigen Jahren seine Behörde als Totengräberin des Kulturföderalismus verdammten, haben resigniert oder sich mit ihm verbündet.

          Kulturpolitik als Handwerk

          Das liegt auch daran, dass sich der Wind in der Kulturpolitik gedreht hat. Die Länder stehen unter Sparzwang, viele Städte sind überschuldet, die Rufe nach Beihilfen des Bundes für Kultureinrichtungen werden lauter. Längst hat sich der Einflussbereich seines Ressorts aus der Hauptstadt in die Fläche ausgedehnt, ins föderale Wimmelbild der Gedenkstätten, Museen und Festspielhäuser. Neumann selbst sucht mit zahllosen Auftritten in der Provinz jene Nähe zu den Gegenständen, die anderen Berliner Granden oft fehlt. Dabei kann er sich auf seine in Bremer Oppositions- und Bonner Regierungsjahren erworbenen politischen Instinkte verlassen.

          Kulturpolitik ist bei Neumann ein Handwerk; ihre Mittel, Kompromiss und Kooperation, wirken banal, aber sie zahlen sich aus. Auf diese Weise hat er etwa aus der Kopfgeburt eines "Zentrums gegen Vertreibung" ein zukunftsfähiges Projekt gemacht und die Unruhestifterin Erika Steinbach geschickt ausmanövriert. Auch Themen wie Urheberrecht, Provenienzforschung, Digitalisierung und Schutz des Kulturerbes hat Neumann frühzeitig aufgegriffen. Dass sein Etat von 1,3 Milliarden Euro im Vergleich mit seinen Kollegen dennoch ein Klacks ist, steht auf einem anderen Blatt.

          Wie ernst dieser Staatsminister für Kultur und Medien den Titel seines Amtes nimmt, zeigt eine Presseerklärung vom November 2010. Darin protestiert Neumann gegen die Pläne der ARD, ihren Sendeplatz für Dokumentationen am Montagabend zu streichen. Kein einziger der Länderkultusminister hat in der Sache interveniert. Dafür brauchen wir Bernd Neumann, der heute siebzig Jahre alt wird.

          Weitere Themen

          Hört auf die inneren Stimmen!

          Neue Serie bei TV Now : Hört auf die inneren Stimmen!

          Egomane auf Selbstfindungstrip: „Tilo Neumann und das Universum“ erzählt die melancholisch-witzige Geschichte eines Mannes, der sein Leben wieder in den Griff kriegen will.

          Topmeldungen

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Hochhäuser in Frankfurt: Der Blick auf die Bankentürme ist positiv, der auf die Zinsen äußerst negativ.

          Ausweichmanöver : Wie Sparer den Negativzinsen entkommen

          Wenn ihre Bank Negativzinsen einführt, reagieren Kunden sehr unterschiedlich: Die Spanne reicht von Ertragen über Flüchten bis zu allerhand Tricks.
          Im Gespräch: Günther Jauch – hier bei einer Moderation zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit – wundert sich über Hass.

          Günther Jauch über Drohungen : „Ich bin völlig angstfrei“

          Günther Jauch war Werbegesicht einer Impfkampagne, erkrankte dann an Corona – und bekam den Hass von Impfgegnern ab. Ein Interview über seine Erkrankung, unzuverlässige Schnelltests und Pöbler, die sich nicht verstecken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.