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Berliner Unterwelten : In den Katakomben von Berlin

Im Sog der Tiefe: eine Wendeltreppe führt in das unterirdische Berlin hinab Bild: Matthias Luedecke

Unter der Oberfläche von Berlin liegen die gigantischen Flakbunker, die Hitler für den Luftkrieg errichten ließ. Wer sich vom Verein Berliner Unterwelten durch diese Bunker führen lässt, taucht in die historischen Abgründe der Hauptstadt ein.

          5 Min.

          Hier ist wahrhaftig die Unterwelt. Zwischen geborstenen Wänden, durch Schwaden feuchter Kühle, windet sich eine Treppe hinab ins Dunkel, das den Blick aufsaugt wie schwarzes Löschpapier. Im Weitergehen heben sich Grautöne aus der Finsternis, Bögen und Kuben aus nassem Beton, hinter denen hier ein zugiger Abgrund, dort eine gespenstische Höhle klafft. Meterdicke Betonbrocken, nur von einem dünnen Netz angerosteter Stahlstreben gehalten, hängen von der zerbrochenen Decke herab. Schuttlawinen aus Erde, Ziegeln und zerbrochenem Hausrat ragen von allen Seiten in die feuchten Verliese hinein. Es ist still zwischen den Steinen, selbst das Echo wird von ihren grauen Massen erstickt. Im Winter, heißt es, ist hier das Paradies der Fledermäuse.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Eingang zu diesem Orkus liegt nur zehn Fahrminuten vom Brandenburger Tor entfernt, unter einem Hügel mitten im Volkspark Humboldthain. Der preußische Weltentdecker gab dem Park den Namen, der braune Diktator aus Österreich brachte ihm den Beton. In Frühjahr 1942 wurde hier nach eigenhändigen Entwürfen Hitlers für die gigantische Summe von fünfundvierzig Millionen Reichsmark einer von drei Berliner Flakbunkern errichtet, deren Stahlbetonmauern und gepanzerte Geschütztürme die Zivilbevölkerung des Wedding vor Bomben schützen und die alliierten Luftflotten vom Himmel über der Hauptstadt vertreiben sollten. Nach dem Krieg lag der Bunker, dessen Außenwände im Mai 1945 selbst den stärksten russischen Artilleriegeschossen widerstanden hatten, im Verwaltungsgebiet der Franzosen, die ihn zweimal vergeblich zu sprengen versuchten. Bei der dritten Sprengung zerbrach der Betonkoloss in zwei Teile. Seine südliche Hälfte wurde mit Trümmerschutt verfüllt und als Parkhügel bepflanzt, seine Nordwand thront als Überbleibsel des Bombenkriegs über der Gleislandschaft am Berliner Nordbahnhof.

          Historische Abgründe

          Das Dunkel wird hell. Lampen flammen auf, an den Wänden hängen Schautafeln, auf denen man die Geschichte der Ruine in allen Details nachlesen kann. Wer eine Führung des Vereins Berliner Unterwelten durch den Hochbunker im Humboldthain bucht, taucht selbst in einen der historischen Abgründe, an denen Berlin so reich ist. Während die klamme Novemberkälte in die Kleider kriecht, die hier unten das ganze Jahr über herrscht, sieht man Fotos von Lungenkranken, die nach Kriegsende 1946 zwischen den Geschütztürmen in der Sonne lagen. Ein anderes Bild zeigt den Imponierbau im neobabylonischen Stil, zu dem der Architekt und Speer-Mitarbeiter Friedrich Tamms den Bunker nach dem erwarteten Sieg Nazi-Deutschlands umbauen sollte. Der Entwurf ist so genau ausgearbeitet wie sonst nur wenige Modelle von Speers und Hitlers Zukunftsstadt Germania.

          Von Sprengversuchen französischer Pioniere gezeichnet: im Innern des Flakbunkers der Luftwaffe

          Seit fünf Jahren bringt der Unterwelten-Verein geschichtshungrige Berlin-Besucher in die Höhlenwelt am Humboldthain. Drei andere Besichtigungstouren führen durch den ehemaligen Schutzbunker am U-Bahnhof Gesundbrunnen, den der Verein als Luftkriegsmuseum hergerichtet hat, durch zwei Zivilschutzräume aus den siebziger Jahren am nahe gelegenen Blochplatz und in der Weddinger Pankstraße und in die frühere Rohrpostzentrale in der Oranienburger Straße. Denn nicht nur die Nazi-Zeit, auch das Deutsche Kaiserreich und der Kalte Krieg haben ihre Spuren im Berliner Untergrund hinterlassen. Wer in der immer noch funktionsfähigen Anlage unter der Pankstraße steht und erfährt, dass hier im Ernstfall kaum dreieinhalbtausend Menschen Schutz vor der atomaren Vernichtung gefunden hätten, weiß kaum, welche dieser subterranen Erbschaften er unheimlicher finden soll.

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