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Syrische Kulturerbe : Nichts ist gut in Palmyra

  • -Aktualisiert am

Seit Palmyra zurückerobert wurde, ist das Ausmaß der kulturellen Zerstörung bekannt. Nun wird diskutiert, wie man das Vorhandene erhalten kann. Bild: dpa

Die Welt muss sich engagieren, weil das syrische Kulturerbe eine aussöhnende Kraft birgt, die dem Land wieder auf die Beine helfen kann. Sonst hätte der IS das letzte Wort.

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          Das Vorderasiatische Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte in den vergangenen Wochen syrische Restauratoren zu Gast. Sie erzählten natürlich von zu Hause, von Bomben und Zerstörungen, vom Willen zum Weiterleben. Ins Archäologische Zentrum der Staatlichen Museen zu Berlin waren sie jedoch vor allem gekommen, um von ihren deutschen Kollegen zu erfahren, wie man sehr empfindliche und durch die schwierigen Lagerungsbedingungen im bürgerkriegsgeschüttelten Syrien besonders gefährdete Objekte erhalten und bewahren kann. Als sie am Ende ihres Trainingsprogramms den Kittel auszogen, waren sie um einiges Wissen reicher, auch darüber, was ihren Museen derzeit fehlt. Es war vor allem ein dringlicher Wunsch: Unterstützt uns mit säurefreiem Verpackungsmaterial für hochempfindliche Keilschrift-Tontafeln!

          Zehntausende dieser einzigartigen Schriftzeugnisse frühester Hochkulturen der Menschheit hatten Mitarbeiter der syrischen Antikenverwaltung aus den von Zerstörung und Plünderung bedrohten Provinzmuseen in Damaskus zusammengezogen, um sie in Sicherheit zu bringen. Doch ohne gute Lagerung wären sie auch dort bald verloren. In einer Hölle wie Syrien mag uns das als nachrangiges Problem erscheinen. Und doch ist es eine Episode, die Hoffnung macht, weil sie zeigt, dass die Menschen dieses Landes auch um ihre kulturelle Identität kämpfen.

          Assad und seine Unterstützer sind keine Retter des kulturellen Erbes

          Dieser Wunsch der syrischen Restauratoren kam mir auch deshalb in den Sinn, weil nach der Befreiung von Palmyra fast ein internationaler Wettstreit darüber ausgebrochen ist, wie dem Land denn nun am besten zu helfen sei. Nicht immer ging es dabei um das, was Syrien wirklich braucht. Wenn Valerij Gergiev mit dem Orchester des St. Petersburger Mariinsky-Theaters im römischen Theater von Palmyra vor syrischem und russischem Militär und einigen eingeflogenen Claqueuren musizierte, dann ist das ein Propagandacoup mit schalem Beigeschmack. Er kann nämlich nicht vergessen machen, dass am selben Ort im Jahr zuvor syrische Soldaten von IS-Schergen hingerichtet wurden und weiterhin Tausende Menschen im syrischen Bürgerkrieg sterben.

          Tun wir also doch bitte nicht so, als wäre schon alles in bester Ordnung. Natürlich war die syrisch-russische Befreiung Palmyras von den Schergen des IS ein wichtiger Sieg für die Kultur; doch dieser Sieg macht Assad und seine Helfershelfer noch lange nicht zu Rettern des kulturellen Erbes. Auch Assads Soldaten plünderten vor der Einnahme durch den IS in den Ruinen von Palmyra, und ihre Raketen und Granaten schlugen schonungslos in antiken Säulen und Mauern ein, wenn auch nur die geringste Aussicht auf minimalen militärischen Vorteil bestand.

          Unesco steht vor einer Bewährungsprobe

          Wenn eines Tages die Waffen schweigen, müssen es die Syrer selbst sein, die entscheiden, wie es mit ihrem Land weitergehen soll. Bevor es so weit ist, gilt es nationale Alleingänge zu vermeiden und mit allen im Gespräch zu bleiben, mit dem Regime genauso wie mit Oppositionsgruppen und mutigen Aktivisten. Wir können uns die Gesprächspartner nicht aussuchen, auch können wir nicht auf den Tag X warten, wenn Assads blutige Herrschaft über Syrien einmal enden wird.

          Das von der Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Maria Böhmer, und der Generaldirektorin der Unesco, Irina Bokova, initiierte Berliner Expertentreffen ist deshalb der einzig richtige Weg, um auf der Fachebene gemeinsam mit den Syrern über Wege zur Rettung ihres kulturellen Erbes und zum Wiederaufbau der Welterbestätten zu sprechen. Vorbereitet wurde die von der Gerda Henkel Stiftung unterstützte Tagung gemeinsam vom Deutschen Archäologischen Institut, dem Welterbezentrum der Unesco, der Deutschen Unesco-Kommission und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Weltgemeinschaft muss sich engagieren, auch weil das Kulturerbe Syriens eine aussöhnende Kraft birgt, die dem geschundenen Land wieder auf die Beine helfen kann.

          Bei der Konferenz muss es zu allererst um eine langfristige Strategie, um eine Roadmap für Syrien gehen. Dazu gehört ein Aktionsplan mit Maßnahmen zur Dokumentation der Schäden und zum Wiederaufbau zerstörter Stätten, zur Aus- und Weiterbildung syrischer Museumsfachleute („capacity building“), zum Aufbau einer Infrastruktur für den Schutz des kulturellen Erbes und nicht zuletzt auch zum Eindämmen von Raubgrabungen und illegalem Antikenhandel. Die Unesco steht mit ihrem Syrien-Engagement vielleicht vor der größten Bewährungsprobe ihrer Geschichte. Dass sie eine entscheidende Expertise einbringen kann, hat sie spätestens durch ihr Engagement in der kambodschanischen Tempelanlage von Angkor Wat unter Beweis gestellt, die sie nach Jahren des Bürgerkriegs und der Zerstörungswut während der Herrschaft der Roten Khmer retten und rekonstruieren konnte.

          Kulturelle Syrien-Hilfe auch ein Thema in St. Petersburg

          Wenn sich nun renommierte Experten aus aller Welt, darunter Archäologen, Denkmalpfleger, Architekten und Städteplaner, ausgerechnet in Berlin treffen, um darüber zu beraten, wie das Kulturerbe zwischen Aleppo, Damaskus und Raqqa wirksam zu schützen ist, dann hat das auch etwas mit der veränderten Rolle Deutschlands und seiner großen Kultureinrichtungen zu tun. Es geht nicht mehr nur um das Sammeln und Erforschen von Kulturgut, sondern immer stärker auch um ihren Schutz vor Ort. Die modernen Zeitläufte haben den klassischen Museumsbegriff des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts verändert und zu einem neuen Selbstverständnis geführt.

          Die Kollegen unseres Vorderasiatischen Museums und des Museums für Islamische Kunst machen es vor: Versierte Museumsleute sind heute keine Gralshüter gesammelten Wissens mehr, sondern interdisziplinär geschulte und international vernetzte Experten, sowohl Krisenmanager als auch Diplomaten in ihrer Sache. Die Museen können einen fachlichen Dialog führen, der unabhängig ist von der politischen Großwetterlage, und dieses Potential müssen wir nutzen. Das gilt gerade auch für die Kontakte zu russischen Kollegen. Deshalb bin ich mir mit dem Direktor der St. Petersburger Eremitage, Michail Piotrovskij, sehr einig, dass die Syrien-Hilfe auch Thema der im Juli tagenden Arbeitsgruppe Kultur des Petersburger Dialogs sein muss. Wir stehen vor einer globalen Aufgabe, die die Hilfe aller braucht, gepaart mit dem nötigen politischen Fingerspitzengefühl.

          Das kulturelle Gedächtnis als  Erfolgsgeschichte der Vielfalt

          Die Berliner Syrien-Konferenz wäre schon ein Erfolg, wenn wir uns auf ein gemeinsames Vorgehen all derer verständigen könnten, die zur Hilfe bereitstehen, und zwar inhaltlich wie ausdrücklich auch finanziell. Selten war das kulturelle Erbe der Menschheit so bedroht wie heute. Die derzeitigen Konflikte und Bedrohungsszenarien sind ganz andere als vor dreißig Jahren. Deshalb müssen sich die Unesco-Mitgliedstaaten stärker einbringen. Momentan mangelt es dieser wichtigen UN-Organisation aber schlicht an einer angemessenen finanziellen Ausstattung, besonders seit die Vereinigten Staaten und Israel aufgrund der Palästina-Entscheidung vor einigen Jahren ihre Beiträge nicht mehr entrichten. Dabei braucht es die Unterstützung möglichst vieler Länder. Die Unesco muss mit allen reden, und sie kann es auch!

          Die vielfältigen geplanten und bereits anlaufenden Aktivitäten diverser Länder und Institutionen in Bereichen wie Dokumentation und Digitalisierung, Konservierung und Restaurierung, Weiterbildung und Kulturgutschutz müssen wir in Berlin besprechen, aufeinander abstimmen und international noch besser vernetzen, um zu einer wirklichen Roadmap zu kommen. Mir persönlich geht es aber auch um die Frage, welche Botschaften Orte wie Palmyra künftig wieder aussenden sollen. Der islamistische Terror konnte die eindrückliche Erzählung dieser einzigartigen multikulturellen und multireligiösen Handelsmetropole nicht auslöschen.

          Wie sich hier in den ersten Jahrhunderten nach Christus zwischen Römischem Reich, Persien, Indien und China Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und kultureller Zugehörigkeit begegnet sind, und wie sie Toleranz und Integration tagtäglich lebten, ist von entscheidender Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Es ist genau die Botschaft, die wir brauchen, um all den Angstmachern und Geschichtsverfälschern auch hierzulande etwas entgegenzusetzen, nämlich eine Erfolgsgeschichte der Vielfalt.

          Gerade weil Palmyra immer ohne Angst vor dem anderen oder dem Fremden war, und gerade weil die versuchte Auslöschung dieser Botschaft durch die IS-Schergen nicht triumphieren darf, braucht diese antike Oase auch keine Trümmerhaufen als Mahnmale – welch absurde Vorstellung! Palmyra muss ihre großartigen Bauten zurückerhalten. Und ich warne davor, Palmyra in hiesige Debatten um die Sinnhaftigkeit von Wiederaufbauprojekten einzuspeisen, weil die Dinge in Syrien völlig anders liegen. Was wäre das für eine zivilisierte Welt, wenn sie dem IS das letzte Wort überließe und damit letztlich vor Terrorismus und Hass kapitulierte?

          Dabei geht es nicht um die banale Vorstellung vom Nachbau gesprengter Welterbestätten durch 3D-Ausdrucke wie zuletzt auf dem Londoner Trafalgar Square. Wir müssen vielmehr die ganz konkrete Frage lösen, welche Maßnahmen zur Rekonstruktion aufgrund des jeweiligen Befundes am angemessensten sind. Wir brauchen Palmyra zurück, möglichst vollständig, weil die Welt von heute gerade solche Orte friedlichen Zusammenlebens als Vorbild und Mahnung benötigt. Zumindest darin sollte sich die Weltgemeinschaft auf der Berliner Syrien-Konferenz einig sein.

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