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Syrische Kulturerbe : Nichts ist gut in Palmyra

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Das kulturelle Gedächtnis als  Erfolgsgeschichte der Vielfalt

Die Berliner Syrien-Konferenz wäre schon ein Erfolg, wenn wir uns auf ein gemeinsames Vorgehen all derer verständigen könnten, die zur Hilfe bereitstehen, und zwar inhaltlich wie ausdrücklich auch finanziell. Selten war das kulturelle Erbe der Menschheit so bedroht wie heute. Die derzeitigen Konflikte und Bedrohungsszenarien sind ganz andere als vor dreißig Jahren. Deshalb müssen sich die Unesco-Mitgliedstaaten stärker einbringen. Momentan mangelt es dieser wichtigen UN-Organisation aber schlicht an einer angemessenen finanziellen Ausstattung, besonders seit die Vereinigten Staaten und Israel aufgrund der Palästina-Entscheidung vor einigen Jahren ihre Beiträge nicht mehr entrichten. Dabei braucht es die Unterstützung möglichst vieler Länder. Die Unesco muss mit allen reden, und sie kann es auch!

Die vielfältigen geplanten und bereits anlaufenden Aktivitäten diverser Länder und Institutionen in Bereichen wie Dokumentation und Digitalisierung, Konservierung und Restaurierung, Weiterbildung und Kulturgutschutz müssen wir in Berlin besprechen, aufeinander abstimmen und international noch besser vernetzen, um zu einer wirklichen Roadmap zu kommen. Mir persönlich geht es aber auch um die Frage, welche Botschaften Orte wie Palmyra künftig wieder aussenden sollen. Der islamistische Terror konnte die eindrückliche Erzählung dieser einzigartigen multikulturellen und multireligiösen Handelsmetropole nicht auslöschen.

Wie sich hier in den ersten Jahrhunderten nach Christus zwischen Römischem Reich, Persien, Indien und China Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und kultureller Zugehörigkeit begegnet sind, und wie sie Toleranz und Integration tagtäglich lebten, ist von entscheidender Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Es ist genau die Botschaft, die wir brauchen, um all den Angstmachern und Geschichtsverfälschern auch hierzulande etwas entgegenzusetzen, nämlich eine Erfolgsgeschichte der Vielfalt.

Gerade weil Palmyra immer ohne Angst vor dem anderen oder dem Fremden war, und gerade weil die versuchte Auslöschung dieser Botschaft durch die IS-Schergen nicht triumphieren darf, braucht diese antike Oase auch keine Trümmerhaufen als Mahnmale – welch absurde Vorstellung! Palmyra muss ihre großartigen Bauten zurückerhalten. Und ich warne davor, Palmyra in hiesige Debatten um die Sinnhaftigkeit von Wiederaufbauprojekten einzuspeisen, weil die Dinge in Syrien völlig anders liegen. Was wäre das für eine zivilisierte Welt, wenn sie dem IS das letzte Wort überließe und damit letztlich vor Terrorismus und Hass kapitulierte?

Dabei geht es nicht um die banale Vorstellung vom Nachbau gesprengter Welterbestätten durch 3D-Ausdrucke wie zuletzt auf dem Londoner Trafalgar Square. Wir müssen vielmehr die ganz konkrete Frage lösen, welche Maßnahmen zur Rekonstruktion aufgrund des jeweiligen Befundes am angemessensten sind. Wir brauchen Palmyra zurück, möglichst vollständig, weil die Welt von heute gerade solche Orte friedlichen Zusammenlebens als Vorbild und Mahnung benötigt. Zumindest darin sollte sich die Weltgemeinschaft auf der Berliner Syrien-Konferenz einig sein.

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