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Berliner Startup-Szene : Das nächste große Ding

  • -Aktualisiert am

Beim Pitch-Marathon in Berlin stellen junge Firmengründer Investoren ihre Ideen vor. Bild: Gyarmaty, Jens

Die Hauptstadt träumt davon, das nächste Silicon Valley zu werden. Doch zunächst einmal lassen hier alte Konzerne außerhalb ihrer Strukturen neue Ideen ausbrüten. Kann das Neue nicht im Alten entstehen?

          Sergiej Rewiakin steht auf einer Bühne in einem Restaurant in Wedding und hat fünf Minuten Zeit, seine Idee zu erklären, deshalb hält er ja auch einen Staubwedel in der Hand. Da ist wenigstens gleich klar, dass es ums Putzen geht. Bei ihm war es jedenfalls so, dass er dazu nie Lust hatte, er konnte nicht immer seine Freundin bitten, und eine Putzfrau zu suchen, war ihm zu umständlich. Außerdem nahm er an, dass es anderen Menschen ähnlich ging. Also entwickelte er eine Plattform, auf der man sich im Internet eine Putzfrau nach Hause bestellen kann. In Berlin ist er damit schon auf dem Markt, aber mit zweihundertfünfzigtausend Euro könnte er sich nach Hamburg und München ausdehnen. Dazu müsste er nur einen der Investoren überzeugen, die vor ihm sitzen.

          “Das hier ist Ihre Chance in diese Achterbahn einzusteigen“, sagt er.

          Der Pitch Marathon ist eine Veranstaltung für Firmengründer, die Investoren suchen. Es gibt vierzig Konkurrenten, jeder hat fünf Minuten, die kommen aus Deutschland, aber alle sprechen Englisch, und nachdem - von der Bonusmeilensuchmaschine für Vielflieger über die verschließbare Lieferbox für Delikatessen bis hin zum Terminplaner für Kosmetikbehandlungen - bald jeder im Saal eine Idee vorgestellt hat, ist nur unklar, wer denn die Investoren sind. Offenbar gibt es mehr Ideen als Geld, was schon eines der Dinge ist, die man über die Berliner Start-ups so liest, und man liest ja sehr viel im Moment.

          Bill Gates hat auch investiert

          Berlin, heißt es, sei das neue Silicon Valley. Innerhalb weniger Jahre ist hier eine Szene entstanden, die Firmen wie Zalando hervorgebracht hat, das im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro Umsatz machte. Namen wie Soundcloud und Researchgate fallen, als kenne sie heute jeder. Hollywood-Schauspieler investieren Millionen in Firmen, die bisher keinen Euro Gewinn gemacht haben, aber Bill Gates macht das auch. Es gibt eine eigene Internetzeitung über Start-ups, eine Talkshow und eine Seite, die sich Silicon Allee nennt, nach einem Wortspiel aus der „New York Times“, was bedeutet, dass es auch einen Artikel aus der „New York Times“ geben muss. Alle zwanzig Stunden wird eine neue Firma ins Handelsregister eingetragen. Leute, die eben noch Studenten waren, verkaufen ihre Idee an große Konzerne und werden plötzlich Millionäre. Das nächste große Ding soll eine App sein, heißt es, die vier junge Schweden entwickelt haben und die Handyfotos zu einer Art Daumenkino zusammensetzt. Angeblich ist die digitale Branche in der Hauptstadt schon so groß wie der Tourismus, was man gar nicht glauben kann; die Stadt ist doch voller Touristen. Jetzt ist sie auch noch voller Start-ups. Wie kommt es auf einmal zu dieser Explosion des Neuen?

          Jeder Bewerber im Pitch-Marathon hat nur fünf Minuten Zeit zu erklären, wie seine Geschäftsidee funktioniert.

          Zwei Magazine haben vor kurzem versucht, die Szene in einer Grafik darzustellen. Eines ordnete die Start-ups danach, wem sie gehören, das andere danach, was sie herstellen. Auch wenn beide Grafiken wegen der vielen Pfeile und Felder eher verwirren, machen sie doch klar, dass die gängige Vorstellung, in Berlin würden sich ein paar junge Leute mittags im Café treffen, ihre Laptops auspacken, ein Programm schreiben, das etwas kann, was es bisher nicht gab, und es kostenlos ins Internet stellen, wo es innerhalb weniger Tage von Millionen Menschen benutzt wird, falsch ist. Hinter vielen bekannten Startups stehen letzlich große Konzerne wie Bertelsmann, Springer, Otto, Tengelmann oder die Deutsche Telekom. Außerdem lassen sich die meisten Start-ups in die Geschäftsfelder Online-Handel, Spiele, Medien oder Werbung einsortieren. Das heißt nicht, dass in Berlin nichts Neues entsteht. Es ist nur seltener, als man glaubt.

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