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Berliner Stadtschloss : Ein Leuchtturm würde hier nur den Blick verstellen

Das Stadtschloss soll auf dem Berliner Schlossplatz wieder errichtet werden Bild: dpa

Torschlosspanik: Zehn Tage vor der Entscheidung im Architektenwettbewerb zum Berliner Humboldt-Forum rumort es in der Jury. Die Architektin Weinmiller poltert, wer hier nicht für einen Neubau sei, verrate die Zunft. Auch der Juryvorsitzende kann sich nun besseres vorstellen.

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          Beim Thema Humboldt-Forum gibt sogar der „Spiegel“ seine sonst eisern geübte Flapsigkeit auf. Die Befürworter der Schlossrekonstruktion, schreibt das Nachrichtenmagazin in seiner neuen Ausgabe, hätten es nicht geschafft, „bei den Menschen auch nur einen Funken echter, tiefer Begeisterung zu entfachen“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und der Berliner „Tagesspiegel“ fürchtet einen „Museums-Wolpertinger“ im Inneren des Bauwerks, mindestens aber „ein großes Kuddelmuddel“. O Menschen! O Monster! Noch fehlt eine Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz und der Gewerkschaft der Tierpräparatoren zu dem drohenden Unheil. Aber worum geht es?

          Verrat am Beruf?

          Am Freitag nächster Woche wird der Sieger des Architektenwettbewerbs für die Bebauung des Berliner Schlossplatzes bekanntgegeben. Die Vorgaben der Ausschreibung sind eindeutig: Gebäudeform nach dem Vorbild („Kubatur“) des Hohenzollernschlosses, Barockfassaden an drei Seiten, Rekonstruktion des Schlüterhofs. Eine Kuppel über dem Haupteingang im Westen ist denkbar, eine Art DDR-Hommage an der östlichen, von historischen Elementen freien Spreefront ebenso. Dreißig Entwürfe haben es in die Endrunde geschafft; unter ihnen muss eine Jury aus acht Architekten und sieben politisch-kulturellen Funktionsträgern den besten auswählen. Und da beginnt der Zwist.

          Denn natürlich sind die meisten der acht „Fachpreisrichter“ - im Unterschied zu den „Sachpreisrichtern“ der Politik - nur zähneknirschend einer Jury beigetreten, deren Aufgabe eine einzige Misstrauenserklärung an die zeitgenössische Architektur darstellt. Und je länger die Juryarbeit dauert, desto stärker wird der Druck der düpierten Branche auf ihre Vertreter im Preisgericht. Der Brite David Chipperfield, das prominenteste Mitglied der Jury, hat schon vor einem Jahr das Fehlen einer Schlossdebatte beklagt. Nun lässt sich seine Kollegin Gesine Weinmiller mit dem Satz zitieren, wer als Architekt nicht für einen modernen Neubau sei, verrate seinen Beruf. Und der Juryvorsitzende Vittorio M. Lampugnani erklärt gewunden, er sei „ein Gegner der Behauptung, das alte Schloss wäre das Beste, was an dieser Stelle stehen kann“.

          An die Tradition Preußens anknüpfen

          Überraschend sind diese Stellungnahmen nicht. Überraschend ist, dass sie erst jetzt kommen, zehn Tage vor der endgültigen Entscheidung. Niemand ist im November 2007 gezwungen worden, sich dem Preisgericht zur Verfügung zu stellen. Ein Boykott der Architektenzunft hätte die Ausschreibung des Bundesbauministers womöglich zu Fall gebracht. Wer aber jetzt mit dem Popanz des „modernen Neubaus“ wedelt, zeigt nur, dass er die Aufgabe der Wettbewerbsjury falsch verstanden hat. Sie besteht nicht darin, einen Leuchtturm heutiger Baukunst auf den Schlossplatz zu stellen. Nein, diese Jury hat den Auftrag, eine politische Entscheidung ästhetisch zu unterfüttern.

          Denn das Stadtschloss mitsamt seinem Inhalt, dem Weltkulturenmuseum im Zeichen der Brüder Humboldt, ist mehr als alles andere ein Symbolprojekt der Berliner Republik. Der Bundestag hat diesen Bau mit großer fraktionsübergreifender Mehrheit beschlossen, weil er am deutlichsten ausdrückt, an welche Tradition das wiedervereinigte Deutschland in seiner Hauptstadt anknüpfen will: an das liberale, tolerante, reformerische und vornationale Preußen der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

          Forum der Weltkultur - man muss es nur wollen

          Man kann diese Traditionssehnsucht und ihr schönfärberisches Geschichtsbild kritisieren, so wie man die Bebauung des Schlossplatzes überhaupt in Frage stellen kann; auch der leere Platz wäre ja ein hochsymbolischer Ort. Aber der Parlamentsbeschluss vom Juli 2002 steht, und die Mehrheit, die ihn damals getragen hat, wäre auch heute noch dieselbe. Die deutsche Politik hat sich längst entschieden. Was fehlt, ist ein entschiedenes Bekenntnis ihrer wichtigsten Repräsentanten zum Wiederaufbau des Schlosses. Dafür wäre jetzt der richtige Augenblick.

          Aber Politik, auch wenn der „Spiegel“ das gern anders hätte, ist ja kein Exerzierplatz des Echten und Tiefen, sondern eine Kunst des Machbaren. Sie kann im Notfall auf die Begeisterung der Fachleute verzichten. Worauf sie nicht verzichten kann, ist eine nüchterne Einschätzung der Zukunftsaussichten ihrer Projekte. Deshalb muss, ganz gleich, wie der Architektenwettbewerb ausgeht, das Konzept des Humboldt-Forums noch einmal geprüft werden. Den Widerspruch zwischen Schlosshülle und kulturgeschichtlicher Museums-Mall, den es festschreibt, kann kein noch so raffinierter Entwurf auflösen.

          Vor sechs Jahren war die Humboldt-Idee ein Silberstreifen über dem umkämpften Schlossplatz. Heute, ein Jahr vor Baubeginn, wirkt sie nebulöser denn je. Am Potsdamer Platz hält die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Sammlungen bereit, die Innen und Außen des Schlossneubaus in Einklang bringen könnten: Gemäldegalerie, Kunstgewerbemuseum, Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek. Auch sie bilden ein Forum der Weltkultur. Man muss es nur wollen.

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