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Berliner Stadtplanung : Sandkuchen

Ein sandgrauer Trumm: Das „Zoofenster“ von Christoph Mäckler. Bild: Caro / Sorge

Der Neubau am Bahnhof Zoo wird gerne gelobt. Dabei ist Christoph Mäcklers „Zoofenster“ nur ein Symptom von Berlins jämmerlicher Stadtplanung. Eine Polemik.

          5 Min.

          Alle lieben das Berliner „Zoofenster“. Es ist „zeitlos modern“ und „langlebig, nachhaltig“ (“Tagesspiegel“), „prestigeträchtig“ (“Welt“), es hat „Grandezza“ (“SZ“) und „Wucht“, es gibt der City West, wie die Gegend um Ku’damm und Tauentzien jetzt heißt, einen Blickfang, einen Anker, eine Mitte. Man kommt sich wie ein Spaßverderber vor, wenn man in diesen Jubelchor nicht mit einstimmt, wie einer, der die neueste Melodie nicht kennt, die von den Dächern des Zeitgeists heruntergepfiffen wird.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sei’s drum. Vielleicht muss man, um zu ermessen, worüber hier geredet wird, an einem Berliner Wintermorgen auf der Kantstraße in Richtung Bahnhof Zoo laufen. Da schiebt sich, gleich hinter der Kreuzung Kant-/Joachimsthaler, an der sich das „Karstadt Sporthaus“ mit seinen Trainingshosen und das „Beate Uhse Museum“ mit nachweihnachtlichen Reizwäschekollektionen im Dirndl- und S/M-Stil gute Nacht sagen, ein sandgrauer Trumm ins Bild, der sich offenbar nicht entscheiden konnte, ob er Hochhaus, Mittelhaus, Parkhaus, Ladengalerie, Schiffsbug, steinernes Tortenstück oder hauptstädtischer Großpoller werden wollte, und deshalb alles zugleich geworden ist - und alles in derselben Verkleidung.

          Statt städtebaulichen Räumen

          Der unentschlossene Koloss warf sich also einen Mantel aus bleichem Kalkstein über, in den eine sehr große Maschine kleine und mittelgroße Vierecke gestanzt hatte, in die anschließend getöntes Glas gegossen wurde wie Wasser in Eiswürfelformen. Nur ganz oben, dort, wo bei Menschen der Kopf und bei Robotern das Steuerungsmodul sitzt, fiel die Lücke etwas größer aus, so dass auf der Ostseite sieben Stockwerke vollständig verglast werden konnten - eben das „Fenster“, von dem der Architekt Christoph Mäckler spricht.

          Es sei ihm, schreibt Mäckler - der zuletzt einen sehr respektablen, ideenreichen Entwurf beim Gestaltungswettbewerb zum Humboldtforum eingereicht hat -, um „die Schaffung städtebaulicher Räume“ gegangen, welche „die Komplexität des Ortes“ unterstrichen. Zur Komplexität des Ortes aber, an dem das „Zoofenster“ liegt, gehört, dass er den Breitscheidplatz mit der noch eingerüsteten Gedächtniskirche begrenzt, die zentrale stadträumliche Freifläche West-Berlins. Und dieser Breitscheidplatz wird von dem neuen Großbau - der trotz seiner Glashöhlen eben kein Fenster ist, sondern ein breiter, oben abgeplatteter Eckzahn - überschattet, übermannt, in die Knie gezwungen.

          Eine lange Geschichte

          Der Platz duckt sich vor dem neuen Riesen - der selbst kein städtischer Raum ist, sondern dessen kalte Verneinung - so wie er sich vor dem Zwilling des „Zoofensters“ ducken wird, der demnächst, ebenfalls rund 120 Meter hoch und von einem Kölner Investor finanziert, auf der anderen Seite der Kantstraße emporwachsen soll. So werden sie den Eingang zur City West bewachen, zwei steinerne Götzen, entsprungen einer Weltstadtphantasie, die zu Berlin nicht passt und niemals passen wird.

          In seinem demnächst im Galiani-Verlag erscheinenden Buch „Berlin ist zu groß für Berlin“ untersucht der Schauspieler und Autor Hanns Zischler die Ursprünge jenes „Ausdehnungshungers“, mit dem die Stadt immer wieder ihre gewachsene Form zerstört. Statt sich zu verdichten und zu integrieren, spreizt sie sich in die Höhe und die Breite, plustert sich auf, wirft sich in Pose. Eine der Wegmarken dieses Prozesses ist für Zischler die Sprengung des alten Berliner Doms anno 1893, an dessen Stelle die heutige monumentale Hutschachtel entstand.

          Der neue Dom zerstörte das Spiel der Proportionen, das Schinkel und Lenné mit dem Alten Museum und dem Lustgarten geschaffen hatten, und setzte dem altpreußischen Berlin dröhnend eine wilhelminische Haube auf. Zischler zitiert den Dramatiker Carl Sternheim: „Fortgesetzt riss man erst Hingebautes ab, baute gewaltiger neu, baute in Erde und Luft. Errichtete Denkmäler reihen- und gruppenweise, demolierte, um größere Apotheosen hinzusetzen, verbrauchte atemlos“ - Sätze, die man ohne Abstriche auf die Nachkriegszeit, die neunziger Jahre und die Gegenwart Berlins übertragen kann.

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