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Berliner Stadtentwicklung : Lack und Leder gegen Luxus

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Love, Sex und Dreams: Das älteste Sexkaufhaus Berlins, das LSD, markiert den Eingang zur Kurfürstenstraße. Bild: ddp

Die Kurfürstenstraße soll vom Rotlichtviertel zum Edelwohngebiet mutieren. Das gefällt nicht allen Berlinern, und die Stadtplaner haben keine Ideen. Bericht aus einem Kiez, der viel über den Zustand der Stadt verrät.

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          Die Kurfürstenstraße im Berliner Westen ist etwa sechshundert Meter lang. Am einen Ende der Straße befindet sich das erste Sexkaufhaus der Stadt, genannt „LSD“, am anderen Ende, in einer alten, großbürgerlichen Prachtvilla, Berlins vielleicht einziges richtiges Kaffeehaus, das „Einstein West“. Dazwischen liegen eine alte Kirche, ein Matratzenkaufhaus und ein Straßenstrich. Und damit hat man schon einen Teil des Problems benannt.

          Der Kiez rund um die Kurfürstenstraße ist nämlich beides: bürgerliche Kultur einerseits und lackummantelte Körperschau andererseits. Und diesem Nebeneinander von Straßenstrich und Wohnviertel, Einzelhandel, Kindergärten und Galerien soll durch eine Handvoll Bauprojekte nun ein Ende gesetzt werden. „Der große Ausverkauf“ titelte das Stadtmagazin „Zitty“ im Frühjahr und prophezeite, dass auf dem Trottoir, wo heute noch die Prostitution floriert, bald schon ein Laufsteg für die Reichen und Schönen entstehen wird. Nur: Muss man das bedauern? Ist es wirklich „urban“, wenn junge Prostituierte in alte Mazdas steigen, die von dicken älteren Herren aus dem Umland gesteuert werden?

          Ist das die Ironie der Geschichte?

          Ein bisschen miefig, anziehend, hart, aber nicht bedrohlich - so wird in der Presse über die Kurfürstenstraße geschrieben. Seit eh und je. Vielleicht liegt es daran, dass viele Journalisten ihre berufliche Laufbahn nur einen Steinwurf entfernt in den Redaktionsgebäuden auf der Potsdamer Straße begannen. „Ich datiere die guten alten Zeiten auf Anfang der achtziger Jahre“, schreibt Michael Sontheimer 1991 für die „taz“, danach wurde nur noch „Gemütlichkeit inszeniert“. Auch Rüdiger Schaper trauert 1998 im „Tagesspiegel“ einem alten Etablissement hinterher, das einem Bettgeschäft weichen musste. Heute, fast zwanzig Jahre später, beweint eine jüngere Generation von Journalisten das Aus des Bettenhauses.

          Ist das die Ironie der Geschichte? Es ist zumindest eine nicht ganz unironische Ablehnung dessen, was Stadt ausmacht: Veränderung. Dazu gehört auch das Kommen und Gehen von Matratzenfachhandlungen. Dabei sind die meisten Journalisten irgendwann in die Stadt gekommen, weil sie die Starre ihrer Dörfer, die öden Neubausiedlungen der Kindheit nicht mehr ertragen konnten. In der Stadt geben sie sich dann allzu oft der fauserischen Romantisierung des Schmuddelbezirks hin.

          Zwei Dinge laufen nun ineinander - einerseits diese unverständliche und larmoyante Romantisierung, und andererseits die verständliche Klage darüber, dass unsere Städte immer öfter zu polierten Konsumlandschaften und öden Edelwohnvierteln werden. Da wird dann der öffentliche Raum, der ja auch immer Gedächtnis einer Stadt ist, entweder mit purem Gigantismus (Potsdamer Platz) oder geschichtsgläubiger Rekonstruktion (Stadtschloss) überschrieben. So heißt es auch auf der Website der Projektentwickler, die bald in der Kurfürstenstraße den „Kurfürstenhof“ entstehen lassen: „Seit Karl Friedrich Schinkel bringt die deutsche Hauptstadt immer wieder architektonische Highlights hervor. Wir wollen unseren Teil dazu beitragen.“

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