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Berliner Schulmangel : Behördenschlaf

  • -Aktualisiert am

Es wird eng: In Berlin fehlen die Schulen. Bild: dpa

In Berlin fehlen Schulen, und zwar viele. Die Behörden denken deshalb nach, und zwar lange. Geholfen ist damit erst einmal niemandem.

          Die Berliner Verwaltung, die vor allem in der eigenen Stadt einen denkbar schlechten Ruf genießt, denkt über sich nach. Immerhin, sie baut eine milliardenteure U-Bahn-Linie, die keiner braucht. Konnte unerschrocken zusehen, wie sich die Sanierungskosten eines geliebten Opernhauses auf mehr als 400 Millionen Euro verdoppelten und weiht gern und stolz Luxuswohnanlagen ein.

          Seit November, heißt es, werde intensiver nachgedacht, über ein Problem, dass sich offenbar doch nicht aussitzen lässt. Sie sind noch zu keinem Ergebnis gekommen, wie man es künftig verhindern könnte, dass Jahr um Jahr mehr Kinder in Schulen drängen, die jetzt schon in großer Zahl überfüllt sind. Zehntausende Schulkinder sind überzählig; nicht wenige Grundschulen, in denen doppelt so viele Kinder lernen wie ursprünglich vorgesehen. Das geht überhaupt nur noch irgendwie, weil Berlin deutscher Meister im Ganztagsschulwesen werden wollte und jetzt die einst geschaffenen Freizeiträume für den Unterricht nutzt.

          Kinder da, Schule nicht

          Ein hartes Kinderleben. Sie müssen auf Schulhöfe verzichten, weil man in die zuweilen sogenannte modulare Ergänzungsbauten klotzt. Container also, schön bunt, aber schlecht belüftet und hellhörig. Sei’s drum. Es gibt immer mal wieder Prognosen, wie schnell die deutsche Hauptstadt wachsen wird, was Politiker dann stolz in die Welt hinausposaunen. Doch haben Großbezirke wie Marzahn und Pankow die Prognosen für 2030 jetzt schon erfüllt. Vor allem Pankow, der bei jungen Familien europaweit angesagteste Hauptstadtbezirk.

          Doch ist hier jedes freie Grundstück an den Meistbietenden verkauft worden, die Schuldenstadt brauchte Geld, Kinder kamen in dieser Rechnung nur am Rande vor. Eigentlich ein klarer Fall von Kindeswohlvernachlässigung. Aber ein ehrgeiziger Finanzsenator hatte sich noch mit einer schwarzen Jahreshaushaltsnull aus dem Amt verabschieden können, sozusagen Ritterschlag trotz Schulnotstand. Erst als die Neuberliner in die neuen „Stadtvillen“, die wie Pilze, vor allem in Pankow, aus dem teuren Baugrund schossen, gezogen waren, merkten sie, was fehlt: Schulen. Wie viele genau, vermag immer noch keiner zu sagen. Allein in Pankow sollen es akut – was heißt: Kinder da, Schule nicht – etwa acht Schulen sein, längerfristig sogar zwanzig.

          Berlin hat elf Bezirke. Die zehntausend Flüchtlingsschulkinder kommen noch dazu. Deren Zahl steigt ebenfalls, trotz Erdogan. Erst seit klar ist, dass in die überfüllten Klassenzimmer nicht noch mehr Flüchtlingskinder gestopft werden können und diese dann in den unwirtlichen, integrationsfeindlichen Containerdörfern und Hangars unterrichtet werden müssten, wachen Berlins Behörden langsam auf. Überstürzen aber nichts und denken nun also schon seit einem halben Jahr darüber nach, warum es hier satte zehn Jahre braucht von der Erkenntnis, dass und wo eine Schule gebaut werden sollte, bis zu deren Fertigstellung. Es wurde durchaus, nur ergebnislos über so epochale Fragen diskutiert wie: Sollte man die Landeshaushaltsordnung anpassen? Oder – sehr beliebt – „auf der Verwaltungsebene optimieren“? Und weil das alles doch sehr kompliziert ist, haben die Zuständigen jetzt um Fristverlängerung gebeten. So verrinnt die Zeit und so manche Berliner Kindheit.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

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