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Berliner Schloss : Zwei Wahrheiten über Franco Stella

Der italienische Architekt Franco Stella. Bild: dpa

Neue Vorwürfe gegen den Architekten Franco Stella: Seine Verträge sind nicht rechtmäßig, weil er fiktive Mitarbeiter angegeben hat. Aber bauen soll er das Berliner Schloss trotzdem - ein Debakel für die Politik.

          Die Teilnahmekriterien für den Gestaltungswettbewerb zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses waren eindeutig formuliert: Mindestens dreihunderttausend Euro Jahresumsatz oder vier feste Mitarbeiter in den zurückliegenden drei Jahren musste jeder Bewerber nachweisen. Damit wollte das Bundesbauministerium, zu jener Zeit von Wolfgang Tiefensee (SPD) geführt, sicherstellen, dass an dem Ende 2007 ausgelobten Wettbewerb für das Prestigeprojekt des Bundes möglichst viele große und international angesehene Architekturbüros teilnehmen würden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt zeigt sich, dass der Sieger des Wettbewerbs, der italienische Architekt Franco Stella, die Kriterien des Auslobers nicht erfüllt hat. Wenn man dem Kunstmagazin „art“ glauben darf, dem Unterlagen der italienischen Pensionskasse zugespielt wurden, hat Stella in den Jahren vor 2007 nur für einen einzigen Angestellten seines Büros - seinen langjährigen Mitarbeiter Michelangelo Zucchini - Sozialbeiträge gezahlt, und das auch nur für eine Halbtagsstelle. Die drei weiteren Mitarbeiter, deren Existenz er vor zwei Jahren vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf durch ein Schreiben der Architektenkammer seiner Heimatstadt Vicenza nachweisen wollte, waren demnach reine Fiktionen.

          Kein staatliches Examen abgelegt

          Schon beim Prozess in Düsseldorf hatte es Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Stellas Angaben zur Größe seines Büros gegeben. Die drei Architekten, die er zwischen 2004 und 2006 „zur Erstellung eines geistigen Werks“ beschäftigt haben wollte, waren sämtlich Angestellte der Möbeldesignfirma seines Bruder Alberto Stella im oberitalienischen Thiene. Zudem hatte keiner von ihnen das staatliche Examen abgelegt, das zur Ausübung des Architektenberufs berechtigt. Das Oberlandesgericht sah davon ab, die Plausibilität dieser unternehmerischen Konstruktion genauer unter die Lupe zu nehmen. Statt dessen stellte es lapidar fest, die Anforderungen an die Prüfung von Wettbewerbsteilnehmern durch den Bund dürften „nicht überspannt“ werden; ein „Übermaß von Eignungsprüfung“ könne niemand verlangen.

          Die Computergrafik zeigt eine Nordwest-Ansicht  des geplanten Neubau des Berliner Schlosses

          Allerdings ging es in Düsseldorf in der Hauptsache nicht um die Frage, ob Stella die Wettbewerbskriterien erfüllt hat, sondern um die Rechtmäßigkeit seiner Architektenverträge mit dem Bauherrn, die das Bundeskartellamt in einer vorhergehenden Entscheidung verneint hatte. Diesen Bescheid hob das Oberlandesgericht in seinem Urteil auf. Seitdem ist das Bauprojekt Berliner Schloss zwar mit Verzögerung, aber im Kern planmäßig angelaufen. Inzwischen hat Stella seinen Siegerentwurf mehrfach den Anforderungen des Hauptnutzers, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und den Zwängen eines vom Bund gedeckelten Budgets angepasst. Erst vor drei Wochen hat der Haushaltsausschuss des Bundestages den aktualisierten, auf Kuppelschmuck und Innenhofportale verzichtenden Entwurf der Stiftung Berliner Schloss- Humboldtforum mitsamt der Erhöhung der Baukosten auf 590 Millionen Euro gebilligt (Trotz Kostenanstiegs: Bundestag billigt Wiederaufbau des Berliner Schlosses). Damit ist der Weg frei für die Grundsteinlegung im übernächsten und den Baubeginn im darauffolgenden Jahr.

          Die Großmannssucht von Wolfgang Tiefensee

          Nun aber rächt sich die Unschärfe des Düsseldorfer Urteils in Bezug auf Stellas tatsächliche Wettbewerbseignung. Der Verdacht, den das Oberlandesgericht im Dezember 2009 nicht diskutieren wollte, wird durch die Daten aus Italien bestätigt. Die Bundesregierung und ihre als Bauherr fungierende Stiftung, die weder einen zweiten Architektenwettbewerb ausloben noch den Bauauftrag an die nächstplazierten Teilnehmer des ersten - die Büros Eccheli-Campagnola, Kleihues + Kleihues, Christoph Mäckler und Kollhoff Architekten, die sich den dritten Preis teilten - weiterreichen können, sehen sich genötigt, einem Wettbewerbssieger den Rücken zu stärken, der sie allem Anschein nach belogen hat.

          Dabei liegt die schlimmste Pointe dieser Geschichte weder in der öffentlichen Beschädigung Stellas, dessen berufliches Ansehen nach dem Prozess von 2009 ohnehin angeschlagen war, noch in den möglichen Zivilklagen, mit denen sich Architekten, die durch die Teilnahmekriterien vom Schlosswettbewerb ausgeschlossen waren, an deutsche Gerichte wenden könnten. Nein, das wahre Debakel liegt in dem Schlaglicht, das der Vorgang auf die ausführenden Organe der Kulturpolitik des Bundes wirft. Der Kleinmut der politisch Verantwortlichen im Umgang mit Stella ist nur das Echo der Großmannssucht von Wolfgang Tiefensee, der das Architektenfußvolk per Zugangsbeschränkung aus dem Schlossprojekt heraushalten wollte. Franco Stella hätte nicht am Wettbewerb für das Berliner Schloss teilnehmen dürfen. Und doch hat er ihn gewonnen, weil sein Entwurf die Vorgaben der Ausschreibung am besten erfüllte. Diese beiden Wahrheiten unter einen Hut zu bringen wird in den kommenden Monaten ein Großprojekt der politischen Rhetorik sein.

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