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Berliner Neubeginn : Was man vom Museum erwartet

Natürlich ist das, was mit dem Direktorenwechsel in Berlin stattfindet, erst einmal ein Verwaltungsakt - aber dieser Verwaltungsakt könnte, wenn die Beteiligten es sich zutrauen, dann doch zu einem Neubeginn führen, der weit über Berlin hinaus Auswirkungen hätte.

          Natürlich ist das, was an diesem Freitag stattfindet, erst einmal ein Verwaltungsakt - aber dieser Verwaltungsakt könnte, wenn die Beteiligten es sich zutrauen, dann doch zu einem Neubeginn führen, der weit über Berlin hinaus Auswirkungen hätte. Als Nachfolger von Peter-Klaus Schuster wird Michael Eissenhauer zum Generaldirektor der 16 staatlichen Museen, Udo Kittelmann, bisher am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, wird Herr über die Alte und die Neue Nationalgalerie - und damit auch über den Hamburger Bahnhof, das sogenannte „Museum für Gegenwart“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort fanden in jüngster Zeit einige interessante Ausstellungen statt - zum Werk des Fotografen Wolfgang Tillmans und zu Joseph Beuys -, aber insgesamt krankte die Vorstellung davon, was ein Museum sein und leisten solle, an einem heftig ausgeprägten Boa-Constrictor-Syndrom: Da verleibten sich die Museen, als gäbe es kein Morgen und auch sonst keine Kunst mehr, eine schwerwiegende Privatsammlung nach der anderen ein, Marzona, Flick, zuletzt Scharf-Gerstenberg, die dann verwaltungstechnisch schwer im Magen lagen und andere Aktivitäten lähmten.

          Ort der Forschung

          Statt gezielt und präzise auszuwählen, wurden die Sammlungen als ganze Brocken verschluckt, womit man - die traurige Präsentation der Sammlung Scharf-Gerstenberg im östlichen Stülerturm-Annex ist ein Beispiel - weder sich noch den Werken einen Gefallen tat. Was viel zu selten vorkam, waren thetische Ausstellungen, die wissenschaftliche Marken setzten und das Museum nicht nur als Showroom, sondern als Ort verstanden, an dem Forschung sichtbar und sinnlich nachvollziehbar wird - so, wie es anderswo etwa in Frankfurt mit der Ausstellung zu „Turner, Hugo und Moreau“ passierte, die den Blick auf die Geschichte der Abstraktion grundlegend veränderte. Auch fehlte es ausgerechnet in Berlin, wo an Gegenwartskünstlern nun wirklich kein Mangel herrscht, an einer kontinuierlichen Folge von Ausstellungen, die aktuelle Tendenzen in der Gegenwartskunst bündelten, sichtbar und verständlich machten. Dabei müssen solche Ausstellungen von Gegenwart im Museum (das ja auch einmal ein Ort der Aufklärung war) nicht, wie so oft, nur ein museales Gütesiegel für den gezeigten Künstler sein, über das sich vor allem die Galeristen freuen, sondern könnte auch einmal eine kritische Analyse dessen werden, wofür die gezeigte Kunst steht.

          Kittelmann kann also vieles ändern. Er könnte einerseits, wie er es selbst vor kurzem in einem Interview forderte, das Museum als Ort der systematischen Forschung ernster nehmen und andererseits seine Häuser an die Spitze einer Entwicklung setzen, die sich anderswo schon abzeichnet und deren Ziel es ist, neue Formen für die Präsentation von Kunst zu finden: In Manchester bespielten Künstler unter der Direktion von Hans Ulrich Obrist eine Theaterbühne und brachen so aus der immergleichen Museumsschachtel aus, in Paris wurde mit der Ausstellung „Academia: qui es-tu?“ (siehe Die Privatausstellung „Academia: Qui es-tu?“ in Paris) versucht, Kunstwerke anders - nicht wie im klassischen Museum über ihre Freistellung und erklärende Etiketten, sondern in einem gedrängten ästhetischen Labyrinth - erfahrbar zu machen, und das sind nur zwei Beispiele für eine Welle von Ausstellungen, die grundlegend Neues versuchen.

          Was wird aus dem Humboldtforum?

          Es muss einen Diskurs darüber geben, wie wir Kunst sehen wollen, was wir vom Museum erwarten - und da wäre wünschenswert, wenn Kittelmann und Eissenhauer sich, statt nur die programmatische Fahrrinne ihres Vorgängers auszubaggern, an Schusters Willen zur kompletten Neuerfindung der Museumslandschaft ein Beispiel nähmen und grundlegend über das nachdächten, was ein Museum sein könnte. Diese Diskussion kann auch vor dem Hintergrund der Debatte um das sogenannte „Humboldtforum“ nicht schaden, wenn dieses Mammut-Renommierprojekt mehr werden soll als ein um seltsames Kulturentertainment und bürgernahe Trommelkursgastronomie erweitertes, im nostalgischen preußischen Umhängemäntelchen daherkommendes Museum für außereuropäische Kunst. Erste Bitten an die Verantwortlichen, zu konkretisieren, was es mit dem wohlklingenden Humboldtforum denn auf sich habe, führten zu erstaunlichen Sottisen wie der Idee eines öffentlich einsehbaren Ateliers für außereuropäische Künstler. Die Seelenruhe, mit der erklärt wird, für konkrete Ideen sei es noch viel zu früh, steht in einem eigenartigen Missverhältnis zu dem Tempo, mit dem auf einen raschen Baubeginn gedrängt wird - und die Art, wie sich einige Beteiligte mit einem atemberaubend schwammigen Konzept unter dem Arm aus dem Staub zu machen versuchen wie mit einer veruntreuten Clubkasse, hilft auch nicht, Zweifel abzubauen.

          Das zur nationalen Selbstverständnisfrage aufgenonnerte Humboldtforum ist aber nur ein Thema, bei dem zügig präzisere Konzepte gebraucht werden. Ein anderes ist die grundlegende Frage, die Schuster mit der Vision eines am Ende seines Museumsrangiersystems freigeräumten Hamburger Bahnhofs stellte: die nach einem Ort für das beginnende einundzwanzigste Jahrhundert, an dem Kunst anders gezeigt, erlebt, produziert wird. Diese Frage müssen seine Nachfolger auch dann beantworten, wenn aus Kostengründen erst einmal nichts aus der großen Schusterschen Museumsrochade wird.

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