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Berliner Museumsinsel : Warten auf die Schöne

  • -Aktualisiert am

Möglichst schnell soll Nofretete auf die Berliner Museumsinsel ziehen - und mit ihr die Besuchermassen. Allein das fehlende Geld sorgt für Verzögerungen im „Masterplan Museumsinsel“.

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          An diesem Morgen in Berlin, an dem über das fernere Schicksal der Museumsinsel nichts Entscheidendes gesagt, sondern wieder einmal die Vision ihrer dereinstigen Vollendung emphatisch beschworen werden soll, steht eine kalte Wintersonne gleichmütig über dem Lichthof der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Während sich unter dem Glasdach Architekten und Stadtplaner nebst neugieriger Bürgerschaft versammeln, um die immer gleichen Fragen an die immer gleichen Personen zu richten, verteilen draußen, auf dem Bürgersteig, zwei fröstelnde Frauen Prospekte, die offenbar in aller Eile gedruckt wurden.

          Auf dem Deckblatt sind zwei Fotografien des Stülerschen Neuen Museums zu sehen, jenes spätklassizistischen Großbaus, der derzeit nach den Plänen des britischen Architekten David Chipperfield wieder aufgebaut wird. Freilich nicht originalgetreu. Der Wiederaufbau, so heißt es im offiziellen Sprachgebrauch, solle einer "enthistorisierenden Rekonstruktion ebenso entgehen wie einer romantisierenden Alt-Neu-Rhetorik oder der Monumentalisierung seiner Zerstörung". Doch wie es aussieht, ist nicht jedermann bereit, die kriegsbedingten Einbußen des einst prachtvoll mit Kaulbach-Fresken ausdekorierten Treppenhauses widerspruchslos zugunsten einer purististisch-nüchternen "Treppenhalle" zu akzeptieren. In der Tat läßt die Gegenüberstellung der Bilder einstiger Opulenz und künftiger Prosaik auch im unvoreingenommenen Betrachter ein wehes Gefühl zurück. Ob jedoch die "Gesellschaft Historisches Berlin e. V.", die mit der kleinen Streitschrift erneut eine "kritische öffentliche Diskussion" entfachen möchte, mit einer historisierenden Wiederherstellung befriedet werden kann, darf bezweifelt werden.

          Herkulischer Sanierungsplan

          Denn die Ausstellung "Masterplan Museumsinsel" im Lichthof der Berliner Bauverwaltung belehrt auch den letzten Zweifler, daß die 1999 vorgestellten Konzepte zur Generalsanierung der fünf Museen und ihrer baulichen Verkopplung durch die sogenannte "Archäologische Promenade" unverändert ausgeführt werden sollen. Ästhetische Fragen, die etwa die alten Divergenzen zwischen Traditionalisten und Modernisten wieder entfachen könnten, sind offenkundig definitiv entschieden, falls - und das könnte die ironische Pointe sein - der Fortgang der Bauarbeiten nicht so zögerlich vorangehen sollte, daß die nächste Generation als Bauherr andere Entscheidungen trifft.

          Ausgesprochene Überraschungen bieten die Modelle, Aufrisse, Texttafeln und Computervisualisierungen nicht, zumal sie des öfteren schon in Räumen des Pergamonmuseums zu besichtigen waren. Und doch hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gute Gründe, der geneigten Öffentlichkeit - insbesondere den politischen Amtsträgern - ab und zu den herkulischen Sanierungsplan ins Gedächtnis zu rufen. Zwar liegen mancherlei Entwürfe vor, etwa für die "Archäologische Promenade", die auf der "Null-Ebene", gleichsam im Souterrain, vom Bodemuseum bis zum Alten Museum am Lustgarten die Vision einer durchgängigen "Passage" erfüllen soll. Auch sind unter der "Kleinen Kuppel" des Bodemuseums bereits die Anschlußkopplungen erstellt - doch fehlt für die Vollendung des kühnen Plans noch das Geld.

          Ziellos Irrende

          Nicht anders verhält es sich mit Bauten, die der "strukturellen" Erschließung eines gigantischen Museumskomplexes durch das millionenfach erhoffte Publikum dienen sollen. Weder für Chipperfields Eingangsgebäude sind bislang die entsprechenden Mittel in Aussicht gestellt worden, noch ist derzeit an einen Ausbau der gegenüber dem Kupfergraben befindlichen Kasernen zu "Museumshöfen" für die Administration, Restaurierungsstätten und Archive zu denken, geschweige denn an einen Erweiterungsbau für das Bodemuseum. Solche Träume des Generaldirektors der Berliner Museen, Peter-Klaus Schuster, dürften noch lange Zeit Schäume bleiben.

          Wozu, fragt man sich etwas ratlos, zeigt die Berliner Bauverwaltung hinlänglich bekannte Pläne, wenn nicht ein bestimmter Zweck erfüllt werden soll? Die Absicht tritt klarer zutage, besinnt man sich der Ankündigung, daß schon 2005 das Ägyptische Museum auf die Museumsinsel ziehen soll, in ein transitorisches Domizil im Obergeschoß des Alten Museums am Lustgarten. Warum die Eile? Nun, mit der vielbewunderten Büste der Königin Nofretete zieht auch das Publikum in Berlins historische Mitte. Um etwa fünfhunderttausend Besucher, schätzt Peter-Klaus-Schuster, dürfte der Strom derer anschwellen, die der Museumsinsel und ihren Schatzhäusern ihre Aufwartung machen. Wäre es da nicht wünschenswert, wenn wenigstens der "diaphane Kubus" des Eingangsgebäudes alsbald die ziellos Irrenden aufnehmen könnte?

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