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Berliner Mauer : Provisorisch, aber mit brutalem Willen

Die Brücke als Grenzmauer - wenn obendrauf eine S-Bahn hielt, verschwanden ihre Fahrgäste ins Nirgendwo dahinter: Wollankstraße, Berlin-Pankow Bild: BArch, DVH 58 Bild-GRxx-xx-077, Rekonstruktion und Interpretation Arwed Messmer

Die verriegelte Stadt: Eine Berliner Ausstellung dokumentiert die Mauer, als sie noch aus Gartenzäunen, Fischreusen, Leitern und Pappe bestand.

          Später, in den achtziger Jahren, hätten diese Stadtpanoramen, die jetzt im Berliner Haus am Kleistpark gezeigt werden, ganz anders ausgesehen. Arwed Messmer hat die Bilder, aufgenommen Mitte der sechziger Jahre von DDR-Grenzsoldaten, rekonstruiert und neu zusammengefügt zu einer Geschichte der Teilung der Stadt.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Entstanden ist ein Kunstwerk der besonderen Art, pathosfrei, aber überwältigend. Durch die Säle des Hauses mäandert noch einmal das, was alle als „Mauer“ kennen, ausgewählt aus unzähligen Einzelbildern und 1059 Panoramen, die allesamt in den Begleitbänden zu sehen sind – der Grenzverlauf um ganz Berlin herum als verwunschene, entleerte Landschaft des Schreckens. Dieser Sperrzaun in seinem frühen, provisorischen Zustand erinnert eher an ein umzäuntes Jagdgebiet – ein Eindruck, den die grotesken Wachtürme, individuell herausgeputzt von ihren Nutzern, noch verstärken –, nur sollten dort keine Hasen, Wildschweine oder Rehe daran gehindert werden, die Seiten zu wechseln und eigene Wege zu gehen, sondern Menschen.

          Auch fast ohne Stein erfüllte diese hermetische Grenze – die glatte hohe Betonmauer, die im kollektiven Gedächtnis bewahrt ist, kam erst später – schon denselben Zweck: eine Millionenstadt in zwei Welten zu trennen. Wer das nicht akzeptierte, riskierte sein Leben, zumindest Gefängnis. Alles, was sich anbot zum Wegsperren, wurde verwendet: schrundige Haus- oder Fabrikmauern, Garten- oder Drahtzäune, Stacheldraht, Zementplatten, Fischreusen; für die Türme mit oder ohne Balkon Latten oder Pappe, Rauhputz und Leitern. Man nahm, was sich fand, im Land herrschte ewig Mangel an allem, und man war darum geübt im Provisorischen. Doch das zwanghaft Lückenlose dieses Projekts lässt keine Zweifel aufkommen, dass hier ein brutaler Wille am Werk war, der Tatsachen schaffen wollte für die Ewigkeit.

          Glienicke/Nordbahn, Jungbornstraße: die Menschenjäger auf der Wacht, im Visier die westliche Stadt hinter Stacheldraht Bilderstrecke

          Eine unerhörte Mammutarbeit der Kuratoren

          Die Schriftstellerin Annett Gröschner hat zu diesen Panoramen der weggesperrten westlichen Stadt, den verriegelten Feldern, Wäldern, Wiesen und Seen bizarre Alltagssätze gestellt, die sie im Archiv entdeckte; Klopfzeichen aus dem wahren Leben, zu einer Zeit gesendet, da die Teilung zwar schon manifest, aber der Wahnsinn noch nicht als das Normale akzeptiert worden war. Es sind Sätze, die man noch von hüben nach drüben wechselte, oder solche, die ein lauschender Grenzer protokolliert hatte – im Kontext der Grenzpanoramen allesamt beklemmend absurd. Messmer und Gröschner vollenden mit „Inventarisierung der Macht“ ihr Langzeitprojekt zur „Berliner Mauer aus anderer Sicht“. Es ist der Gegenentwurf zweier Künstler zur offiziellen Gedenkdidaktik, der, lässt man sich auf ihn ein, zu erstaunlichen Erkenntnissen führt.

          Man betritt zuerst eine Art Lesesaal, in der Mitte ein langer Tisch, auf dem akkurat angeordnet Mappen mit den Panoramen und anderen Dokumenten liegen. Eine unerhörte Mammutarbeit der beiden Kuratoren, die aus dem Material des Bundesarchivs eine lesbare Erzählung geschaffen haben. Eine Topographie der Mauerjahre mit exakten (erst von Messmer und Gröschner ermittelten) Daten zu den fotografierten Orten. Der Schrecken stellt sich erst beim Lesen der vielen vertrauten Straßennamen unter den Bildern ein; Straßen, die fast drei Jahrzehnte lang mit ihren Häusern und Menschen eine Weltengrenze markierten.

          Wie ein Memorial für einen großen Hundemissbrauch

          Grenzerporträts, Türme, Hunde, Leitern und Unterstände, Utensilien und Protagonisten der Macht, sind zu riesigen thematischen Tableaus gestaltet, deren reine Ästhetik täuscht. Sie zeigen, genau hingeschaut, wie das Eigene verschwindet in der Serie, und heben es gleichzeitig hervor. Es ist die fiktionalisierte Dokumentation perfiden Staatsterrors, deren Wahrheitsanspruch man sich nicht entziehen kann.

          Das Tableau mit den Visitenkarten der Grenzhunde, vornehme darunter oder einfach nur Rolf oder Rex, mutet an wie ein Memorial für diesen großen Hundemissbrauch. Im Begleitbuch (zwei dicke Bände) schreibt Annett Gröschner über das Schicksal dieser Tiere. Ein spannender, erschütternder und akribisch recherchierter Bericht, auch über das alltägliche Innenleben der Grenzregimenter mit defizitärer Tierliebe. So bezahlte nicht nur der Grenzhund Trux seinen Fluchtversuch mit dem Leben und wurde wie jeder, „der es nicht über die Mauer schaffte, in die Pathologie gebracht“. In einem kleinen Raum sind die Wände tapeziert mit beklemmenden Textcollagen, die Annett Gröschner aus Grenzdienst- und Ehrenbüchern geborgen hat; eine literarische Flaschenpost aus dem Herzen der Finsternis.

          Inventarisierung der Macht: Bis zum 21. August im Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6–7 (Berlin-Schöneberg).

           

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