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Humboldt-Forum : Drei Freunde und die Welt

Drei Männer mit großen Ideen: Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger zusammen mit Monika Grütters vor dem Gerippe des Berliner Stadtschlosses Bild: dpa

Kultusministerin Grütters stellt in Berlin mit Glanz in den Augen die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums vor. Diese stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, ein Sammelsurium von Ideen zur Wirklichkeit zu machen.

          3 Min.

          Das Podium im Presse- und Informationssaal der Bundesregierung wird von zwei gigantischen Leinwänden gerahmt. Man erkennt Augen, hochkant und quer, die in satten Blau- und Gelbtönen schwimmen, die Pupillen wie schwarze Kugeln im Farbenstrom. Ernst Wilhelm Nays „Augenbilder“ aus den sechziger Jahren gehören zu den Hauptwerken im Gemäldeschatz des Bundeskanzleramts. Die Augen der Welt sollen aber demnächst auf dem Humboldtforum ruhen, und deshalb stellt Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, an diesem Dienstagmittag die drei Gründungsintendanten des bundeskulturellen Großprojekts vor, oder besser: die drei Mitglieder der Gründungsintendanz, denn bei diesem Trio kommt es auf jedes Wort an.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sie sollen „das Zusammenwirken aller Akteure“ hinter den Schlossfassaden „entwickeln“, dabei „inhaltliche Schwerpunkte setzen“ und „die kuratorische Gesamtverantwortung“ tragen, heißt es in dem Papier, das vor dem Saal ausliegt und dem man auch entnehmen kann, dass den drei Experten ein weiteres neunköpfiges internationales Expertenteam zur Seite stehen wird, um ihnen die Last der Gesamtkuratorenschaft zu erleichtern.

          Europa blickt auf Berlin

          Neil MacGregor, Horst Bredekamp und Hermann Parzinger sitzen rechts von Monika Grütters, die ins Publikum strahlt, als hätte sie bei Günther Jauch die Millionenfrage gewonnen. Die drei, sagt sie, seien nicht nur Persönlichkeiten von enormer Ausstrahlung, sondern auch drei Freunde, und damit ist der Ton der Veranstaltung gesetzt, ein fast übertrieben harmonischer Dreiklang, der sich durch keine zweifelnde Nachfrage erschüttern lässt. Erst ganz am Schluss sagt Bredekamp, man sei in dem Trio „zum Miteinander verpflichtet“, und MacGregor, der als nomineller Leiter ein wenig mehr primus ist als seine pares in der Gründungsintendanz, erklärt, falls es Differenzen gebe, dann werde man halt besonders lange Konferenzen haben. Reden, bis Konsens vom Himmel fällt, nach diesem Motto haben schon viele ökumenische Konzile getagt; warum nicht auch die Intendanz des Humboldtforums?

          Einig sind sich die drei Intendanten darin, dass sie sehr viel Arbeit vor sich haben. Am deutlichsten formuliert es Parzinger, der als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zugleich den längsten institutionellen Hebel in der Hand hält: Man müsse das Konzept „in ein Programm bringen“. Also die Idee zur Wirklichkeit. Das Gerede in ein Tun. Und auch das Fernziel hat Parzinger im Blick: das Humboldtforum „so zu bespielen, dass es brummt“. Neil MacGregor dagegen, der von allen ersehnte Museumsflüsterer aus London, rettet sich vor den Zumutungen der Konkretion in Komplimente: „Das denkende Europa“ blicke seit zweihundert Jahren „mit großen Augen“ auf Berlin; die hiesigen Sammlungen seien „überwältigend“, die Museumsinsel ein Symbol der Autonomie des Geistes. Erst gestern habe ihm Simon Rattle eine SMS geschickt: „Es ist eine wunderbare Stadt. Du wirst es lieben.“ Ach, Berlin. Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller sitzt übrigens mit auf dem Podium; er freut sich still, sagt dann ein paar passende Floskeln und freut sich weiter.

          Mühen der Ebene

          Was also soll das Humboldtforum im rekonstruierten Berliner Schloss nun werden? „Ein Schloss der Toleranz, der Demokratie, was auch immer“ (Parzinger). „Ein Mikrokosmos der gesamten Welt“ (Bredekamp). „Eine neue Geistesgeschichte der Menschheit“ (MacGregor). Die Begriffe, scheint es, in welche die drei Weisen aus dem Übermorgenland ihr Museumskind einkleiden wollen, können gar nicht groß genug sein. Was aber, wenn der Kleine noch ein Däumling ist? Im ersten Stock des Forums beispielsweise will sich seit Neuestem die Weltstadt Berlin als „Welt. Stadt. Berlin“ präsentieren; daneben sollen Stücke aus den Sammlungen der Humboldt-Uni zu sehen sein. Bredekamp erwähnt das Lautarchiv der Universität, das mit dem Lautarchiv der Preußenstiftung vereinigt werden könne. Die Mühen der Ebene stehen den drei Geistes-Tenören noch bevor. Archive vereinigen, das ist eine Arbeit, die keine Virtuosen braucht, sondern Geduld.

          MacGregor, Bredekamp und Parzinger würden „auf der operativen Ebene“ von einer neu geschaffenen „Stabsstelle Humboldt-Forum“ unterstützt, die von Andreas Scholl, dem Direktor der Berliner Antikensammlung, als „Chefkoordinator“ geleitet werde, heißt es im Infoblatt zu der Veranstaltung. Die bisherigen Mitarbeiter der gleichnamigen Stabsstelle innerhalb der Preußenstiftung würden dem neuen Ressort „zugeordnet“. Es klingt nach einer Expedition durch vermintes Terrain: Der Reservegeneral tritt an den Ausguck, die Pionierkompanie wird in die marschierenden Truppen eingegliedert. Wo Freud in der Seele das innere Afrika erkannte, da wartet im Humboldtforum ein inneres Afghanistan, vor dem die beteiligten Institutionen schon jetzt die Reihen schließen.

          Dann ist das „intellektuelle Richtfest“ (Monika Grütters) vorbei. Bis zum Oktober haben die drei Gründungsintendanten nun Zeit, sich auf ihren Einsatz vorzubereiten. Die Augen auf den Bildern von Ernst Wilhelm Nay folgen ihnen auf ihrem Weg aus dem Saal im Kanzleramt, hinaus in den Alltag Berlins, der schon so viele Konzepte verschlungen hat.

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