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Kritik an ARD-Reform : Die Grünen, ganz unten

Hat viel vor, hat viel auszuhalten: ARD-Programmdirektorin Christine Strobl. Bild: dpa

Die Berliner Grünen kritisieren den Plan der ARD-Programmdirektorin Christine Strobl, das Erste zu verändern. Dabei greifen sie zu persönlichen Unterstellungen. Frauenfeindlich klingt es auch.

          2 Min.

          Die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl muss dieser Tage reichlich Kritik über sich ergehen lassen. Zwar hat sie den Plan zu Reformen im ersten ARD-Programm und in der ARD-Mediathek mit ihrem Stellvertreter Florian Hager und dem Chefredakteur Oliver Köhr verfasst, im Feuer steht sie aber allein.

          Die Vorschläge sind weitreichend. Die Zahl der Ausgaben der Politmagazine im Ersten soll von 90 auf 66 schrumpfen, stattdessen soll es ein neues, von den Magazinredaktionen bespieltes, politisches Format geben, mehr Information in der Mediathek, eine Talkshow à la Markus Lanz wie im ZDF, von Persönlichkeiten bestimmte Formate, und der „Weltspiegel“ soll vom frühen Sonntag- auf den späten Montagabend wandern (von Insidern „Todeszone“ genannt).

          Der Einwände sind reichlich, pointiert formuliert von Georg Restle, dem Chef der „Monitor“-Redaktion im WDR, der meint, die ARD verschleudere ihr investigatives Po­tential und leiste einer „Trivialisierung“ Vorschub. Ehemalige Intendanten, Auslandskorrespondenten, Ma­ga­zinredakteure, freie Autorinnen und Autoren und der Deutsche Journalisten-Verband opponieren. Die Liste der Kritiker ist lang.

          Zu dieser hinzu gesellt hat sich die Landesarbeitsgemeinschaft Medien der Berliner Grünen: Es sei richtig, neben dem linearen Programm auch auf eine Stärkung der Mediathek zu setzen. Das entspreche dem gesetzlichen Auftrag und sei „wichtig für die gesellschaftliche Debatte in der mittlerweile bedrohten Demokratie“. Doch müsse man das lineare Programm beibehalten, mit Blick auf dieses sei „die Sendezeit auch ein journalistisch-redaktionelles Bekenntnis zur Relevanz“.

          Das ist die direkte Antwort auf einen Satz des Gesprächs von Christine Strobl in der F.A.Z. (16. Juli), der da lautete: „Im klassischen linearen Fernsehen spielen Sendeplätze und Verlässlichkeit nach wie vor eine große Rolle, aber ein Sendeplatz allein erzeugt noch keine Relevanz.“

          In Konkurrenz zum ZDF mit gleichartigen Sendungen zur selben Sendezeit treten zu wollen sei einfallslos, meint die Landesarbeitsgemeinschaft der Berliner Grünen. Der „schon mantrahaft von der neuen ARD-Chefetage vorgetragene Popanz der Anbiederung an ein jüngeres Publikum“ könne „nicht bedeuten, auf eigene Ideen zu verzichten“, heißt es von den Grünen in einer Polemik, der man (so man Christine Strobl nicht zuhört) vielleicht noch folgen mag.

          Alleingang einer „machtbewussten Frau“?

          Mit dem, was dann folgt, allerdings gewinnt die grüne Medienabteilung aus Berlin den Jackpot für misogyne Politunterstellung, meint sie doch, man könne sich „des Eindrucks nicht erwehren, dass bei der machtbewussten neuen Programmchefin der ARD, Christine Strobl, eine gewisse politische Agenda mitschwingt, wenn es darum geht, die Informationskompetenz der ARD in die reichweitenarme lineare Sendezeit zu verdrängen, statt die politischen Magazine wieder präsenter zu machen.“

          Soll das heißen, es gebe eine geheime Agenda zur Entpolitisierung der ARD? Die Christine Strobl allein durchsetzt? In der ARD setzt für das erste Programm und die Mediathek niemand irgendetwas allein durch. Da reden Chefredakteure, Programmdirektorinnen, Intendantinnen und Intendanten mit. Die Vorschläge, die in Rede stehen, führen nicht zu Entpolitisierung, sondern zu anderen Ansätzen und stellen Magazinmachern die Aufgabe, Neues in Angriff zu nehmen. Wie wäre es mit mehr Unberechenbarkeit anstelle ausgetretener Pfade?

          Auf dem Niveau, auf dem Berlins Grüne angelangt sind, kann man so etwas allerdings nicht diskutieren. Das ist ziemlich weit, um nicht zu sagen: ganz unten.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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