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Berliner Erwachsenenträume : Wir Eltern von Prenzlauer Berg

Auffangstation einer verlorenen Jugend: der neue Spielplatz im Bötzowviertel
          5 Min.

          Am Ende lief dann doch alles unfassbar friedlich ab, an jenem Donnerstagnachmittag in der Berliner Hans-Otto-Straße. Protestaktionen hatten sich zur Eröffnung weder angemeldet, noch waren sie unangemeldet ausgebrochen, Bezirksbürgermeister Matthias Köhne konnte ungestört seine Parolen verbreiten, und irgendwie schafften es seine Floskeln von Träumen und Kommunikation und Integration aller Altersgruppen sogar, die enorme soziale Brisanz zu entschärfen, die in den Augen mancher Zeitgenossen in der fast schon neokolonialistischen Aneignung städtischen Raums lag. Die Stimmung war, betrachtet man das erhebliche Aggressionspotential und die Unreife der meisten Anwesenden, fast heiter.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Natürlich konnten vereinzelte Ausbrüche von Gewalt nicht verhindert werden, der Kaspar zum Beispiel hatte dem Luka (Namen von der Redaktion geändert) ins Gesicht gekratzt, aber die zahlreich vertretenen Medienvertreter waren sensibel genug, den Vorfall nicht politisch zu instrumentalisieren. Und außerdem hatte der Luka ja angefangen und dem Kaspar einfach sein Förmchen weggenommen.

          Die Frage aber, was das denn überhaupt für ein Ort war, den der Bürgermeister da eingeweiht hatte, jener Ort namens „Der Traum“, die stellte sich in ihren ganzen Tragweite erst drei Tage später. Das Wetter hatte frühlingshafte Bedingungen hergestellt, und weil es Sonntag war, hatten endlich auch die Eltern Gelegenheit, den neuen Spielplatz in Betrieb zu nehmen. Es kamen sehr viele Eltern, mindestens hundert. Man sah vor lauter Erwachsenen kaum noch Kinder, leider oft nicht einmal die eigenen, was aber nur ein Grund dafür war, dass sich das Gefühl aufdrängte, die Kinder stünden hier gar nicht im Mittelpunkt.

          Ein friedliches Reservat für Elternträume: Dämmerung in der Hans-Otto-Straße
          Ein friedliches Reservat für Elternträume: Dämmerung in der Hans-Otto-Straße : Bild: Julia Zimmermann

          Die Szene erinnerte insgesamt eher an eine Vernissage. Bei näherer Überlegung waren die Parallelen unabweisbar: Überall standen abstrakte Kunstwerke herum, rätselhafte Objekte, die von ihren jungen Rezipienten mit den abwegigsten Interpretationen aufgeladen wurden. Einige sahen mystische Figuren in den Skulpturen, Feen oder Riesen, für andere war die politische Metaphorik deutlich („Ich war zuerst auf der Schaukel“), und erstaunlich viele Besucher sahen sich zur Interaktion mit den Installationen veranlasst. Kurator Köhne übte sich in schönstem Kunstkatalogjargon, sprach von einer „Welt der Traumfänger“, und natürlich störte sich niemand daran, dass die Eltern ihre Kinder zu der Eröffnung mitgenommen hatten. Das ist in Berlin halt so üblich. Selbst das amtliche Schild, das sich am Eingang für die politischen Fördermittel bedankte, schien noch auf ein Projekt zeitgenössischer Kunst hinzuweisen. Objekte, von denen man nicht wusste, ob man sie für Kunst halten soll, herumtobende Kinder, EU-Förderung: Es war wie in einer Galerie in Berlin-Mitte. Nur Sekt gab es keinen.

          Die Vorstellung jedenfalls, man wäre nur wegen der Kinder hier, schien plötzlich erheblich an Plausibilität einzubüßen. Zwar bemühten sich die Kinder, den Eltern die Illusion nicht zu nehmen, sie hätten ihnen mit diesem Besuch auf dem neuen Spielplatz einen Wunsch erfüllt, so wie sie auch tapfer das Theater mit dem Weihnachtsmann mitspielen, um ihre Eltern, die noch daran glauben, dass sie daran glauben, nicht zu enttäuschen. Die Kinder verstanden zwar nicht, warum der lustige Plastikhügel so tat, als sei er aus Stein. In Wahrheit war es ihnen völlig egal, ob sie auf neuen Klettergerüsten herumturnten, auf alten, im Wald oder auf einer Müllkippe. Aber sie freuten sich, dass die Eltern alles so schön hier fanden, so kreativ, so phantasievoll und so sicher. Und dass sie sich nicht um sie kümmern mussten. Als es langsam dunkel wurde, aber noch immer nicht kalt, standen die sogenannten Erwachsenen immer noch da und unterhielten sich. Nur die wenigsten spielten mit ihren Kindern, was weniger gegen die Eltern als für den Spielplatz spricht.

          Reminiszenzen einer verlorenen Jugend

          Es stimmt schon, was Günter Beltzig, der bekannteste Spielplatzgestalter des Landes, neulich in „Nido“ behauptete, der Fachzeitschrift für orientierungslose Wohlstandseltern: „Kinder brauchen keine Spielplätze. Es sind die Erwachsenen, die sie brauchen! Um die Kinder auszugrenzen und abzuschieben. Ein Spielplatz ist ein geschlossenes Terrarium, in das ich das Kind für eine gewisse Zeit stecke . . . und dann hole ich es wieder raus, möglichst unbeschädigt, möglichst sauber.“ Die Frage ist nur, welche Auswirkungen derart ideale ökonomische Bedingungen für eine am Rande des Spielplatzes entstehende Erwachsenenkultur haben. Im Prinzip nämlich herrschen die gleichen Rahmenbedingungen wie einst im Club oder an der Tankstelle: Man steht in der Gegend herum und hat nicht viel zu tun. Gewissermaßen ist diese Situation die Keimzelle aller Popkultur. Und dass meistens dann doch kaum Platten oder Filme dabei herauskommen, liegt nicht nur am inoffiziellen Alkoholverbot, sondern vor allem daran, dass auf dem Spielplatz das Abhängen weniger als Gewinn der Freiheit wahrgenommen wird denn als Verlust.

          Ein besonders beliebter gespielter Witz auf Spielplätzen ist es, sich an den Zaun zu stellen und zu rufen: „Ich will hier raus.“ Womöglich hat das auch damit zu tun, dass Eltern dort auf Menschen treffen, mit denen sie wenig verbindet: auf andere Eltern. Vor allem in einer Hölle der Homogenität wie Prenzlauer Berg glauben Eltern gerne an die Klischees, die ihnen unterstellt werden: Sie glauben, dass Eltern ihren Intellekt bei der Geburt ihrer Kinder abgeben; dass Eltern nur über Kinder reden; dass sie vergessen, wer sie früher gewesen sind, woran sie glaubten, was sie liebten.

          Das ist natürlich nicht immer falsch, sonst gäbe es ja das Klischee nicht. Aber gerade in projektionsbeladenen Bezirken wie diesem ist das in mehrfacher Hinsicht absurd: Denn erstens sind die Menschen oft gerade mit der Hoffnung hierhergezogen, einen Lebensstil fortzuführen, den sie für unkonventionell und autonom halten. Und zweitens sind es ja nicht die neuen gemeinsamen Gesprächsthemen, die bei anderen so langweilen, sondern die Haltung, die sie dazu einnehmen. Als Instrument zur Distinktion kultureller und politischer Dispositionen funktioniert der Spielplatz zugegebenermaßen nicht ganz so gut wie der Club, die Musik oder die Mode. Und vielleicht sollte man damit anfangen, die Motti der Spielplätze nicht mehr nach den Genres der Kinderbücher auszurichten, sondern nach jenen der verlorenen Jugend ihrer Eltern: Spielplätze für Punks und für Waver, für Hippies und für Streber, statt solche mit Indianerzelten und Piratenschiffen. Natürlich würde eine solche Umkodierung den Horror erst absolut machen. „Für immer Punk“? Nein, danke. Dann doch lieber für ein paar Jahre buddeln.

          Abziehbild des eigenen Lebensentwurfs

          Für die elterliche Selbstvergewisserung aber gibt es keinen besseren Ort als den klar abgetrennten Raum des Spielplatzes, auch wenn sich das nicht immer so deutlich offenbart wie an jenem durch und durch surrealen Sonntag. Es war unmöglich, den Ort zu betreten, ohne ein Statement abzugeben, eine Zugehörigkeit zu signalisieren, ohne die Zuschreibungen zu ratifizieren. Und zweifellos hätte man, hätte man auf der anderen Seite des Zaunes gestanden, auch mit dem Finger auf die seltsame Versammlung gezeigt, wie es immer wieder die belustigten Passanten taten, die zu alt oder zu jung oder einfach zu kinderlos waren, um daran teilzunehmen. Uns, die wir uns dort zwischen Tischtennisplatte und Trampolin zusammengerottet hatten, war schon klar, was die da draußen sahen: Sie sahen, wie im Innersten mehrerer konzentrischer Kreise, die Bionade-Eltern von Prenzlauer Berg, die Bugaboo-Fahrer vom Bötzowviertel, die Witzfiguren aus einem Alexander-Osang-Roman oder aus dem „Geo“-Artikel über die Hufelandstraße, den wir natürlich auch alle gelesen hatten. Wir wussten, was sie sahen, weil wir uns ständig selbst von außen sehen und weil wir eben nicht vergessen können, wer wir waren: Das ist ja unser Problem. Und unser Glück.

          Wir alle kannten das irritierende Gefühl sehr gut, mit dem Abziehbild des eigenen Lebensentwurfs konfrontiert zu werden, aber nicht jeden Tag ist es so schwer zu ignorieren. Sogar der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow kam, guckte und zeigte, das machte die Sache nicht unbedingt leichter. Die nostalgische Erinnerung an die eigene Jugend und die alternative history, die sich daraus ableitet, begleitet uns sowieso ständig. Da müssen die Protagonisten der eigenen Plattensammlung nicht extra persönlich vorbeikommen, auch wenn sie gleich um die Ecke wohnen. Wir waren hier drinnen, aber es fühlte sich an wie draußen.

          Die Menschen mit ihren Zeigefingern aber, sie gingen vorbei, und als es dann kühler wurde, packten wir unsere Schaufeln und Eimer und Kinder ein, schlichteten noch einen Streit und putzten noch eine Nase. Und als wir in die Augen unserer Kinder blickten, sahen wir keine Zweifel und keine Zäune und keine Klischees. Auf einmal fühlte sich alles sehr echt an. Vielleicht haben wir ja alles nur geträumt.

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