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Berliner Ensemble : Bühne frei für Autoren!

  • -Aktualisiert am

Berliner Sensation: Ein Nachfolger für Claus Peymann ist denkbar - Oliver Reese mit Klaus Wowereit Bild: dpa

Seit 1999 ist Claus Peymann Intendant im Berliner Ensemble. So lange, dass der angekündigte Personalwechsel einer Sensation gleicht: Oliver Reese löst ihn 2017 ab. Dessen Pläne sind vielversprechend.

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          Berlin, das Weltdorf, das den Ruf hat, so hektisch zu leben, dass die Touristen, die in sechs Wochen wieder mal vorbeischauen, die Misthaufen vom letzten Mal schon wieder in unaufhörlicher Raserei umgeschichtet, abgerissen oder aber mit einer total neuen Glasfassade versehen vorfinden, ist in Sachen Theater geradezu ein Ausbund an Behäbigkeit und Entschleunigung. Nirgendwo sonst amtieren Intendanten länger: Ostermeier der Haltbare an der Schaubühne geht in sein fünfzehntes Jahr, Castorf der Ost-Ewige an der Volksbühne in sein dreiundzwanzigstes und Peymann der Interviewbare am Berliner Ensemble in sein sechzehntes (wobei Ulrich Khuon der Strebsame am Deutschen Theater erst in sein fünftes geht, aber seine Pensionsgrenze im Haus an der Schumannstraße locker überschreiten dürfte).

          Da kommt es schon einer Sensation gleich, wenn sich nun plötzlich was Revolutionäres tut: Peymann, der 2017 achtzig Jahre alt ist, wird (muss?) dann das Berliner Ensemble verlassen, das er ja im steten Altherren-Wettstreit mit Rolf Hochhuth, dem dann sechsundachtzigjährigen Besitzer der Immobilie, als sein Privateigentum betrachtet zu haben schien, das er irgendwie mit nach Hause nehmen könne, um dort nach Feierabend oder auch im Ruhestand damit rumzuspielen. Neuer Chef im alten Haus Brechts aber wird Oliver Reese, im Jahr 2017 gerade Anfang fünfzig, für Berliner Verhältnisse geradezu superjung, zurzeit noch Intendant des Schauspiels Frankfurt.

          Spiel- und figurenfreudig

          Reese hat seit seinem Amtsantritt 2009 das Haus am Main nach den Gemütlichkeitsekstasen der Eschberg- und den Schwurbel-Ödnissen der Schweeger-Zeit wieder - mal mehr, mal weniger - zu einer Anziehungsfläche gemacht. Auf der sich selbst noch in schlechteren Aufführungen diejenigen spiel- und figurenfreudig präsentieren, derentwegen man ins Theater geht: die Schauspieler. Seine Platzausnutzung (in diesem November an die 94 Prozent) ist gewaltig, das Theater in der Großstadtwelt verankert. Was Oliver Reese fürs Weltdorf Berlin plant, ist dann doch, wenigstens im Prognose-Modus, etwas Neues, Seltenes, will sagen: selten Gewordenes.

          Bleibt bis 2017 dort sitzen: Intendant Claus Peymann

          Wo der ausgebrannte Peymann in den Post-Brecht-Staub, der auf dem Haus am Schiffbauerdamm immer noch liegt, sozusagen als „Kaukasischer Kreidegreis“ sanft lustige Kringel hineininszeniert hat, aber mit Peter Stein, Luc Bondy und Bob Wilson auch gastweise für funkelnden Sternenstaub sorgte, will Reese, der bis 2009 nebenan, im Deutschen Theater, als Chefdramaturg fungierte, ein „Theater der Autoren“ installieren. So wird denn auch der Dramatiker Moritz Rinke („Wir lieben und wissen nichts“), Spezialist für Komplex-Schlendereien entlang des gehobenen Boulevards, Reeses Ko-Direktor. Das ist immerhin schon mal ein Signal.

          Es berührt dabei aber doch ein bisschen komisch, wenn Reese bei der heiligen Thalia (oder der Sankt Opportunitas?) schwört, dass er Roman- und Film-Adaptionen, die er in Frankfurt alle naslang im Programm hatte, für Berlin verabscheue, sondern dort große, neue Stücke herausbringen wolle - nicht fürs kleine, sondern fürs große Format, auch und gerade von internationalen Autoren. Einen Spielplan ganz aus genuin dramatischen Novitäten! Dass man das noch erleben darf! Inszeniert nicht von den üblichen Verdächtigen, den Kimmigs, Kriegenburgs und Dröses - die bei Reese in Frankfurt gut im Geschäft waren, aber von Hamburg über München bis Wien überall wie in einem großen langweiligen Regie-Einheitsbrei-Pool ihre szenischen Elaborate hinterlassen. Sondern von neuen Leuten, die er auf- und auszubauen sich zutraut.

          Reeses Pläne aber, die Peymann in einer ersten Reaktion sofort mit einem leberwurstbeleidigten hamletschen „Der Rest ist Schweigen“ quittiert hat, sind, abgesehen davon, dass eine Rinke-Schwalbe noch keinen Autorensommer macht, eine so schöne Botschaft, dass man sie kaum zu glauben wagt. Es bleibt aber, gleichgültig, ob Reese das Autorentheater hinkriegt, das er sich vornimmt: aufs innigste zu wünschen.

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