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Berliner Bauprojekte : Blütezeit der Spekulanten

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Heinrich Mendelssohn wollte Berlin zu einer europäischen Großstadtperle machen. Als er das Europa-Hochhaus errichten ließ, schrieb er auf das Bauschild: „Wir glauben an Deutschland. Wir glauben an Berlin.“ Zwei Jahre später musste er vor den Nationalsozialisten fliehen. Bild: Carsten Eisfeld

Als durchregulierter Wohnungsbau noch nicht die Regel war: Ein Sammelband des Architekturhistorikers Wolfgang Schäche verrät, was das moderne Berlin seinen Bauherren verdankt.

          Bei fast jedem nennenswerten Gebäude der Neuzeit haben die Bauhistoriker sämtliche Planskizzen durchleuchtet und alle Ziegelsteine umgedreht. Doch bei der Suche nach dem Grund für die künstlerischen Qualitäten und praktischen Annehmlichkeiten vieler Werke haben die Wissenschaftler den Elefanten im Raum der Baukunst meist übersehen: den Auftraggeber und Finanzier. Dabei steht diese Spezies mitten im Baugeschehen, vor allem beim explosiven Stadtwachstum seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

          Damals gründeten flinke wilhelminische Bauunternehmer sogenannte „Terraingesellschaften“, die Ländereien rings um die Städte aufkauften, Straßen, Plätze und Kanalisation bauten und die erschlossenen Grundstücke dann parzellenweise an private Bauherren verkauften. Oft errichteten die Projektentwickler die Wohn- und Geschäftshäuser auch selbst und gaben ihren Kunden sogar noch die Kredite zum Kauf. Ihre Spekulationsobjekte fanden bei Anlegern aus dem Bürgertum und dem Handwerkerstand reißenden Absatz. Denn der Kapitalmarkt war damals noch schwach entwickelt: Mangels Versicherungen, Sparkassen und Rentenanlagen diente die Immobilieninvestition als beste Altersvorsorge.

          Noch heute begehrte Großstadtlagen

          Diese wenig bekannten Produzenten der aufsteigenden Weltstadt schufen um 1900 Neubauquartiere, die bis heute zu den begehrtesten Großstadtlagen zählen. Ihnen widmet der Architekturhistoriker Wolfgang Schäche jetzt einen opulenten Sammelband mit sechs repräsentativen Porträts. Zusammen mit seinen Koautoren Daniel Ralf Schmitz und David Pessier wendet sich Schäche energisch gegen den kunstwissenschaftlichen Hochmut, den profitorientierten Bauherrn nur als Widersacher des Architekten zu sehen: „Gute Architektur ist immer auch von guten Bauherren abhängig.“

          Das Buch beginnt mit einem der ersten Berliner Großinvestoren, der in fester Gewinnerwartung auf anonyme Käufer und Mieter spekulierte, und das ausgerechnet am berühmten Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Diese barocke Schmuckanlage wäre weniger vornehm ausgefallen, hätte nicht der Zimmermeister Carl August Heinrich Sommer 1842 die Hälfte der Platzkanten zusammengekauft und nach dem Entwurf von Hofbaurat August Stüler im damals revolutionsfreudig-klassizistischen Stil umbauen lassen.

          Der Pariser Platz hat seine vornehme Anmutung dem Zimmermeister Carl August Heinrich Sommer zu verdanken, der ihn im revolutionsfreudig-klassizistischen Stil umgestalten ließ.

          Zuvor hatten dort Baumwollfabrikanten und Branntweindestillateure mehr oder weniger glücklich gearbeitet und investiert, bis Sommer nicht nur seinen Gewerbehof, sondern auch die Projektentwicklung mit gehobenen Stadtwohnungen für Militärs und Staatsdiener startete – bis hin zum Haus der Familie des Malers Max Liebermann, die 1857 ans Brandenburger Tor zog. Wie der Bauherr Sommer und sein Architekt es schafften, die zuvor dominierende Traufhöhe des Tores vertikal zu durchbrechen, lässt sich nur mit dem Selbstbewusstsein einer Kulturepoche erklären, die noch keinen Denkmalschutz brauchte. Allerdings hatten es Investoren damals leichter, weil sie direkte Drähte zur Stadtpolitik hatten: Sie saßen meist als Stadträte in den sogenannten „Hausbesitzer-Parlamenten“ des neunzehnten Jahrhunderts, denen der Ausgleich zwischen Eigennutz und Gemeinwohl noch nicht ganz fremd war.

          Jenseits des Zentrums hing die Stadterweiterung mit Landhauskolonien von der Entwicklung des Verkehrswesens ab. Dabei spielten die Terraingesellschaften oft eine Hauptrolle. So verwandelte der mächtige Baupionier Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde von 1862 an den Berliner Südwesten in ein grünes, wenngleich etwas steriles Wohnparadies, indem er den Eisenbahngesellschaften kräftige Finanzierungsspritzen gab und ihnen sogar die Bahnhofsgebäude schenkte. Damalige Bahnbetreiber waren noch ganz auf Truppen- und Gütertransporte konzentriert, weshalb sie den Halt auf freiem Feld erst lernen mussten, wo der neue Stadttypus des Pendlers schon auf sie wartete.

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