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Berliner Bauprojekte : Blütezeit der Spekulanten

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Über Carstenn schwärmte sogar der scharfe Berlin-Kritiker Werner Hegemann: „Er hat als Städtebauer Großartigeres geleistet als jeder preußische König.“ Denn Carstenn wollte das britische Vorbild der Grundstücks-Erbpacht auf Berlin übertragen, um Bodenspekulation zu verhindern – mit welchem Erfolg, verrät das Buch leider nicht. Zusammen mit dem Volkswirtschaftler David Born gründete Carstenn einen „Bauverein auf Aktien“, in dem jeder Grundstückskäufer zugleich Bauherr und Bewohner war. Mit dem Gründerkrach von 1873 platzten jedoch viele Großprojekte, und der Preisverfall bereitete den Boden für neue Akteure.

König der Baulöwen

Nachdem stadtbekannte Baugrößen wie C.H.W. Conrad am Wannsee und J.W. Walther im Grunewald ihre gewaltigen Villenkolonien errichtet hatten, trat mit Georg Haberland der König der Baulöwen auf. Mit seiner 1890 gegründeten „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ wurde er zum universellen Systemanbieter. In eigener Regie und auf eigene Rechnung entwickelte Haberland in Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg und Tempelhof die stolzen Mietskasernen mit bis zu zwölf Zimmer großen Wohnungen und grünen Höfen und finanzierte den U-Bahnanschluss gleich mit. Dabei ließ er, so Wolfgang Schäche, durch sein „planmäßiges, kontextliches Vorgehen seine Klientel an dem wirtschaftlichen Erfolg seiner immensen Geschäfte teilhaben“. Ohne Haberland, der ebenfalls Stadtverordneter war, hätte es später die Landmarken des Ullstein-Hauses, der Wertheim-Erweiterung am Leipziger Platz und das majestätische Karstadt-Gebäude am Hermannplatz wohl nicht gegeben.

Richtig gute Laune kommt bei dem letzten Bauherrn auf, Heinrich Mendelssohn, einer echten bauhistorischen Entdeckung, der in der Zwischenkriegszeit mit strahlend modernen Geschäftshäusern ganz Berlin zu einer europäischen Großstadtperle machen wollte. Er veranstaltete auch den legendären Hochhaus-Wettbewerb am Bahnhof Friedrichstraße 1921/22, bei dem Mies van der Rohe seinen epochalen Glaskristall entwarf. Als Mendelssohn zehn Jahre später das Europa-Hochhaus am Anhalter Bahnhof errichten ließ, schrieb er auf das Bauschild: „Wir glauben an Deutschland. Wir glauben an Berlin. Wir bauen deshalb voller Optimismus das Europa-Haus.“ Zwei Jahre später musste er vor den Nationalsozialisten fliehen. Mendelssohn war so etwas wie ein Stuntman der Immobilienbranche, der kein Risiko scheute und nach 1945 wieder in Berlin weiterarbeitete: „Wer den Mut hat, Millionär zu werden“, so sein Credo, „muss auch den Mut haben, pleitezugehen.“

Leider bleiben im Buch die Vorarbeiten von Bauforschern wie Christoph Bernhardt oder Ludovica Scarpa unerwähnt. Man wundert sich auch über den Mangel an Archivquellen. Aber das rührt wohl daher, dass die Museen und Akademien von jedem drittklassigen Architekturfürsten eigene Nachlässe anlegen, während das Wirtschafts- und Unternehmerlager solche Ehrpusseligkeit weniger kennt. Dabei ist es angesichts der heutigen Wachstumsnöte im totregulierten Wohnungsbau überaus lohnend, auf die Blütezeit der Spekulanten im wirtschaftsliberalen neunzehnten Jahrhundert zu schauen. Sie schufen in Berlin und anderen Großstädten annehmbare Unterkünfte für Hunderttausende von Großstädtern, und das in einer Qualität und Geschwindigkeit, die den öffentlichen wie privaten Kapitalsammlern im heutigen Immobiliengeschäft die Schamröte ins Gesicht treiben müsste.

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