https://www.faz.net/-gqz-9gx4c

November-Revolution : Du jazzt und du foxt auf dem Pulverfass

Schlachttage: Maschinengewehrstand aus Zeitungspapierrollen vor dem Mosse-Haus, 11. Januar 1919. Bild: bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer

Die eine will etwas zeigen, die eine etwas erklären: Zwei Berliner Ausstellungen erzählen die Geschichte der November-Revolution. Man kann sie auch als Hommage an den Fotografen Willy Römer lesen.

          Unvermutet liest man einen Namen, den man kennt. Auf einem Foto, das die Gebrüder Haeckel im November 1918 an der Ecke Unter den Linden/Charlottenstraße von regierungstreuen Soldaten mit Karabinern und Pistolen im Anschlag aufgenommen haben, hängt an der Mauerecke im Hintergrund ein Plakat. Es wirbt für einen „Bunten Abend“ im Berliner Konzerthaus, und unter den sechs Mitwirkenden, die darauf genannt werden, steht rechts an zweitoberster Stelle Curt Bois.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der einstige Kinderstar ist beim Ausbruch der Novemberrevolution siebzehn Jahre alt, er tritt im Theater des Westens, im „Cabaret Kurfürst“ im Brunnenpalast und eben auch im Konzerthaus auf. Siebzig Jahre später, nach Emigration und Rückkehr, wird er in Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ durch die Ödnis am Potsdamer Platz laufen und nach der Metropole suchen, die es nicht mehr gibt. Sein Rollenname bei Wenders ist Homer, und bei den Proben, erzählt der Regisseur, hat er sich immer wieder rücklings in die Arme von Otto Sander fallen lassen, weil er von einem Engel aufgefangen werden wollte, wie ihn Sander in dem Film spielt.

          Curt Bois im Konzerthaus: Hundert Jahre ist das her. 1991 ist der Schauspieler gestorben, und auf dem Potsdamer Platz stehen wieder Häuser, Verkehrsampeln und Weihnachtsmärkte. Dennoch kann man sich in der Ausstellung mit Fotos, Plakaten und anderen Dokumenten aus der Deutschen Revolution, die das Berliner Museum für Fotografie seit vergangener Woche zeigt, von den Bildern der Verwüstung nicht losreißen – leere Fensterhöhlen im Zeitungsviertel, im Neuen Marstall und in der Großen Frankfurter Straße (heute Karl-Marx-Allee), Panzer und Barrikaden am Alexanderplatz, Splittergräben am Oranienburger Tor. Die Zerstörungen, die im Dezember begannen und mit den Märzkämpfen von 1919 ihren Höhepunkt erreichten, waren ein Vorspiel für das, was der Stadt ein Vierteljahrhundert später blühte: eine Generalprobe für den Untergang der Zivilisation. Aber das wusste man damals nicht.

          Das stumme Epos jener Tage

          Im Gegenteil: Auf den Fotografien, die die Kuratoren chronologisch geordnet haben, herrscht stets eine Stimmung von Entschlossenheit, mal fröhlich, mal finster, aber nie von Resignation getrübt. Das Gefühl, eine neue, nie geahnte Wendung der Geschichte zu erleben, spiegelt sich in allen Gesichtern, in denen der Matrosen und Spartakisten wie der Truppen, die sie bekämpfen, in den Mienen der Kinder, die für „die deutsche Einheitsschule“ und die SPD werben, in den Trauerzügen, den Streikversammlungen und Aufmärschen. Jeder ist hellwach, keiner will die historische Stunde verpassen, und für manche ist es die letzte: Auf einer Aufnahme, die Willy Römer am 11. März 1919 in Lichtenberg gemacht hat, liegen die von Freikorpssoldaten erschossenen Zivilisten und Spartakuskämpfer auf der Straße wie Opfer eines Bombenangriffs. Am rechten Bildrand, scharf im hellen Frühlingslicht, fallen die Schatten der Gaffer.

          Man kann die Ausstellung auch als Hommage an den Fotografen Willy Römer lesen, denn von ihm stammt die bessere Hälfte der Bilder. Römer war beinahe überall, wo etwas Entscheidendes passierte, und er hat, wenn es der Wahrheitsfindung diente, sein Stativ beiseitegelegt, um mit der Kamera die Bewegung eines Lastwagens einzufangen, der bewaffnete Arbeiter im Januar 1919 zur Kampffront am Mosse-Pressehaus bringt. Römers Aufnahmen sind das stumme Epos jener Tage, und es nimmt seiner Erzählung nichts, wenn man weiß, dass er Szenen wie die mit der Erstwählerin – das Frauenwahlrecht galt seit Ende November – und dem Schutzmann, die gemeinsam zur Wahl für die Nationalversammlung gehen, für seine Zwecke nachgestellt hat.

          Kampfpause: Arbeitslose stärken sich mit Kaffee und Kuchen. Bilderstrecke

          Enno Kaufhold, einer der drei Gestalter der Schau, versucht in seinem Katalogaufsatz anhand der Fotos zu beweisen, dass die „proletarische Revolution“ keine war, weil die Mehrzahl der Abgebildeten bürgerliche Kleidung trug. Das entspricht der abfälligen Bemerkung Kesslers über den „kleinbürgerlichen Charakter“ der Ereignisse, geht aber am Pathos der Aufnahmen vorbei. Nicht die Klassenzugehörigkeit, sondern ihre Aufhebung war das kollektive Erlebnis der Novembertage, und die Sehnsucht nach Verbrüderung erlosch auch nach der Ermordung Liebknechts und Rosa Luxemburgs noch nicht. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung bekam die SPD 38, die radikale USPD nur sieben Prozent. Erst das Blutbad im März, bei dem sich Eberts Regierung ihrer Todfeinde bediente, um die letzten Spartakisten auszuschalten, und der Schock über die Versailler Vertragsbedingungen spalteten die junge Republik für immer.

          „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“

          In der Ausstellung „Berlin 18/19“, mit der das Märkische Museum in seinem Kellergeschoss den Jahrestag begeht, trifft man viele Fotografien Willy Römers und seiner Kollegen wieder, nur nicht als eigenständige Objekte, sondern als Illustrationen. Der Unterschied zwischen den Ausstellungen, könnte man sagen, ist der zwischen einem Kunst- und einem Geschichtsmuseum: Das eine will etwas zeigen, das andere will etwas erklären. Dass es dennoch auch hier Dinge zu sehen gibt, deren Qualität über die bloße Bebilderung hinausgeht, liegt an der klugen Auswahl der Kuratoren.

          Ein Plakat von Max Pechstein ist eben mehr als ein Wahlplakat und eine Zeichnung der Märztoten von Hans Baluschek mehr als eine Skizze aus den Straßenkämpfen. Die Warnung der Obrigkeit vor den um sich greifenden Massenvergnügungen, die in der Fotoschau auf einer Litfaßsäule in einer der Aufnahmen erscheint, wird im Märkischen Museum als Originalposter gezeigt: „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“. Die Verse, die Friedrich Hollaender zu dem Bild geschrieben hat, muss man sich dazudenken: „Berlin, dein Tänzer ist der Tod! / Berlin, halt ein, du bist in Not. / Von Streik zu Streik, von Nepp zu Nepp, / bei Mord und Nackttanz und beim Step, / du musst dich amüsieren ohne Unterlass! / Halt ein! lass sein! und denk ein bisschen nach: / Du tanzt dir doch vom Leibe nicht die Schmach, / denn du boxt und du jazzt und du foxt auf dem Pulverfass.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer

          Umfrage : Union und SPD legen zu

          Die Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur CDU-Vorsitzenden hilft der Union offenkundig in den Umfragen – sie kommt nun auf 31 Prozent. Die SPD liegt wieder zwei Punkte vor der AfD.
          Die Pubertät beginnt immer früher, heute oft schon im Alter von zehn Jahren.

          Konservierungsstoffe : Frühe Pubertät durch Pflegeprodukte?

          Die Pubertät beginnt heute im Durchschnitt sechs Jahre früher als vor 150 Jahren. Eine Langzeitstudie zeigt nun, dass die Nutzung von Pflegeprodukten durch Mütter und Töchter eine Erklärung sein könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.