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Arendt-Ausstellung im Netz : Macht sie uns nicht passend!

Die große Berliner Ausstellung über Hannah Arendt setzt erst mal auf digitale Kultur. Ob sie ausreicht, um unsere Urteilskraft im Sinne der kritischen Publizistin zu schärfen?

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          Fast nebenbei hat Hannah Arendt einmal eine Bemerkung gemacht, die man gern jeder Diskussion über das historische Urteilen voranstellen würde. So schreibt sie 1964 in ihrem Eichmann-Buch: „Das Argument, dass man nicht urteilen kann, wenn man nicht dabeigewesen ist, überzeugt jedermann überall, obwohl es doch offenbar sowohl der Rechtsprechung wie der Geschichtsschreibung die Existenzberechtigung abspricht. Im Gegensatz zu diesen Konfusionen ist der Vorwurf der Selbstgerechtigkeit, den man gegen die Urteilenden erhebt, uralt, aber er ist darum nicht begründeter.“

          Hannah Bethke
          (hbt.), Feuilleton

          Hannah Arendt scheute sich nicht, zu urteilen – eigensinnig und unbeirrt auch dann, wenn ihr massive Kritik entgegenschlug, wie das in den Kontroversen um ihr Buch über den Eichmann-Prozess in Jerusalem der Fall war. In Adolf Eichmann, einst SS-Obersturmbannführer und des millionenfachen Mordes an den Juden angeklagt, erkannte sie die „Banalität des Bösen“ und löste damit große Empörung aus. Sie sei ihm auf den Leim gegangen, wurde ihr vorgeworfen, und verharmlose das Verbrechen, weil sie nicht die Grausamkeit, sondern das Banale der Nazis hervorhob. Dabei hatte sie eigentlich genau das Gegenteil gesagt: Gerade in der Banalität liege doch das Beunruhigende. Wer sich die Nazis als Monster vorstelle, laufe nicht Gefahr, die Frage nach der eigenen Schuld zu stellen. Die Normalität Eichmanns sei „viel erschreckender als all die Greuel zusammengenommen“.

          „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“

          Darum also ging es: Die Täter waren wie viele – und nicht Dämonen, die mit der eigenen Lebenswirklichkeit nichts zu tun hatten. Arendt stellte die entscheidenden Fragen ihrer Zeit. Wer die Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verstehen will, kommt nicht an ihr vorbei. Das öffentliche Interesse an ihrer Person und Wirkungsgeschichte ebbt nicht ab. Es gibt unzählige Literatur, Filme, Audio- und Videomaterial; das legendäre Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1964 ist längst auf Youtube zugänglich, wo es sogar einen eigenen „ArendtKanal“ gibt.

          Mit einer großen Ausstellung wollte das Deutsche Historische Museum in Berlin (DHM) einen neuen Zugang wagen. Die Eröffnung musste ausfallen, doch nun ist sie auf der Website des Museums in Teilen online zu sehen, und man gewinnt immerhin einen Eindruck, wie es hätte werden können – und allein schon das macht Lust auf mehr. Interesse weckt die Ausstellung nicht allein aufgrund der historischen Relevanz der politischen Philosophie Arendts, sondern weil sie vor allem dort zu Widerspruch reizt, wo Arendts Denkungsart für den politischen Konsens der Gegenwart adaptiert wird.

          Ein Beispiel dafür ist die Rezeption Arendts aus feministischer Perspektive. Das Museum arbeitet mit Bildausschnitten und Hörcollagen. Teilweise ist Arendt im Originalton zu hören, andere ihrer Texte werden – ein wenig zu gewollt – von der Schauspielerin Bibiana Beglau gesprochen. Einen längeren Audiobeitrag gibt es zur Frage, warum Arendt keine Feministin gewesen sei. In der Tat machte sie die Geschlechterfrage nicht zu ihrem Thema. Im Interview mit Günter Gaus erklärt sie, das habe für sie persönlich keine Rolle gespielt: „Ich habe einfach gemacht, was ich machen wollte, und ich habe mir nie überlegt, dass das gewöhnlich Männer machen, und jetzt macht das eine Frau.“

          Wer Arendt zu einer Vordenkerin der Gleichberechtigung und Emanzipation stilisieren will, muss sich an dieser Äußerung stören. Wie konnte sie die Frauenfrage als unwichtig abtun? Zeigt sich in ihrer unterwürfigen Liebesbeziehung zu Martin Heidegger, wie die Philosophin Simone Dietz nahelegt, bereits der „problematische Kern“ ihrer Geschlechterbeziehung? Schon diese irritierten Fragen zeugen von einer fehlenden Distanz zur eigenen Beobachterposition. Gegenwart und Geschichte werden vermischt, wenn man zum Beispiel Arendts Begriff der Pluralität mit dem heute so beliebten Gebot der Diversität gleichsetzt, nur um ihr Werk dann doch noch anschlussfähig zu machen. Hannah Arendt passt nicht ins heutige Schema – und sie sollte auch nicht passend gemacht werden, wenn ihre politische Theorie für etwas anderes steht.

          An anderer Stelle zeigt sich die Vereinnahmung ihres Denkens in einem Satz, der ihr oft in den Mund gelegt wird, aufgrund einer entscheidenden Auslassung aber sinnentstellend ist: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Das DHM bewirbt die Ausstellung mit genau diesem Zitat, das Arendt 1964 im Gespräch mit Joachim Fest geäußert hat – allerdings mit einem völlig anderen Bezug: Sie sprach über die Moralphilosophie Kants. Und so endet auch der eigentliche Satz: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen bei Kant.“ Das aber hat doch einen sehr anderen Sinn als die pauschalisierende Aussage, die daraus abgeleitet worden ist.

          Trotz alter Fehler besticht die Ausstellung aber auch mit neuen Ideen: Thematisiert wird etwa die „Lex Arendt“, ihr persönlicher Wiedergutmachungsantrag auf eine nachträgliche Anerkennung ihrer Habilitation, die sie 1971, wenige Jahre vor ihrem Tod, vor dem Bundesverfassungsgericht durchsetzen konnte. Eine anschauliche Analyse dazu bietet der Begleitband zur Ausstellung, der im Piper Verlag als eigenständiger Sammelband konzipiert ist und eine Reihe von interessanten Beiträgen zur Arendt-Forschung vereinigt. Bislang eher unbekannt war auch Arendts Arbeit für die Organisation „Jewish Cultural Reconstruction“, die im amerikanisch besetzten Teil Deutschlands operierte, um von den Nazis geraubtes Kulturgut ausfindig zu machen und in die Vereinigten Staaten sowie andere Länder zu schicken. Raphael Gross, der Präsident des DHM, sieht darin, wie er auf Nachfrage erklärt, „eine direkte Linie zur aktuellen Provenienzforschung“.

          Vom räumlichen Aufbau bekommt man online nur eine vage Ahnung. Nach Auskunft der Kuratorin Monika Boll folgt die Ausstellung mit etwa dreihundert Objekten zeithistorischen Themenpunkten, die für Arendts Blick auf das zwanzigste Jahrhundert prägend waren. Im Zentrum stehe die Eichmann-Kontroverse. Von jeder Stelle aus soll man das Modell des Krematoriums II Auschwitz-Birkenau sehen, das der polnische Künstler Mieczyslaw Stobierski schon 1994/95 für das DHM angefertigt hat.

          Es werden auch Arendts persönliche Gegenstände ausgestellt, wie ihre Aktentasche, ein Pelzcape, ihre Kette. Das kann voyeuristisch wirken, fügt sich allerdings in das Konzept, sie auch jenseits ihres intellektuellen Wirkens als Persönlichkeit zu zeigen. Viele dieser privaten Objekte sind dem DHM jetzt von einer Nichte Arendts geschenkt worden.

          Das Material ist umfangreich, und doch stellt sich am Ende die Frage, inwieweit eine Ausstellung die Tiefe von Arendts Denkens darstellen kann, die doch vor allem eine gründliche Lektüre ihrer Texte erfordert. Auch deshalb würde man gern mehr von der Schau sehen und in einen lebendigen Dialog treten – analog, nicht aus der Ferne. Vorerst aber müssen wir uns mit der digitalen Kultur begnügen. Ob sie ausreicht, um unsere Urteilskraft im Sinne Hannah Arendts zu schärfen? Das DHM hat einen vielversprechenden, wenn auch streitbaren Anfang gemacht.

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