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Hillary Clinton mischt mit : Ich bin zu einer Art Rorschachtest für Frauen geworden

  • -Aktualisiert am

Hillary Clinton bei der Vorstellung von „Hillary“ auf dem Sundance Film Festival Ende Januar. Bild: AP

Zur Berlinale erscheint ein Filmporträt über Hillary Clinton, in dem sie Fehler eingesteht. Die Spaltung der Demokraten aber treibt sie mit ihrer Kritik an Bernie Sanders weiter voran. Sie bleibt bei den Demokraten im Spiel.

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          Im innerparteilichen Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur tun die Demokraten dem Amtsinhaber Donald Trump einen Gefallen nach dem anderen. Sie fallen mit Vehemenz übereinander her, so dass aus dem Blick gerät, wo ihr eigentlicher politischer Gegner steht. Jetzt haben sie auch die erste Abstimmung – den „Caucus“ – über ihre Kandidaten in Iowa vermasselt. Am Tag danach gab es noch kein offizielles Ergebnis. Zwei Kandidaten glaubten schon zu wissen, dass sie gewonnen haben: Pete Buttigieg und Bernie Sanders. Buttigieg hatte schließlich die Nase vorn.

          Sanders scheint indes für viele in seiner eigenen Partei ein so großer Schrecken zu sein, wie ihn sonst nur Donald Trump darstellt. Schon vor der letzten Präsidentenwahl verwendete die damalige Kandidatin Hillary Clinton ihre ganze Kraft darauf, Sanders aus dem Weg zu räumen. Jetzt ist sie zwar nicht Kandidatin, macht aber weiter, wo sie vor vier Jahren aufhörte. In Nanette Bursteins vierteiliger Dokumentation „Hillary“, die das Leben und die politische Karriere der ehemaligen Außenministerin spiegelt, sagt Hillary Clinton nämlich über Bernie Sanders einen Satz, der inzwischen vielfach aufgerufen wurde: „Niemand mag ihn, niemand will mit ihm zusammenarbeiten, er hat nichts zustande bekommen. Er war ein Karriere-Politiker.“

          Die Äußerung stammt aus dem Wahlkampf von 2016, den die Dokumentation ebenso beleuchtet wie andere Phasen in Clintons Leben. Doch Clinton bekräftigte ihre Aussage kürzlich in einem Interview mit dem „Hollywood Reporter“ anlässlich der Dokumentation, die auf dem Filmfestival von Sundance zu sehen war und auf der Berlinale gezeigt werden soll, bevor sie im März auf der Streaming-Plattform Hulu läuft. Auf die Frage, ob ihre Einschätzung über Sanders noch immer zutreffe, sagte Clinton: „Ja, das tut sie.“

          Die Filmemacherin Nanette Burstein (links) und Hillary Clinton auf dem Sundance Film Festival.

          In ihrem Gespräch mit dem „Hollywood Reporter“ kritisiert sie Sanders wegen angeblich frauenfeindlicher Attacken seines Teams. Die demokratische Kandidatin Elizabeth Warren behauptete, Sanders habe in Abrede gestellt, dass eine Frau die Präsidentenwahl gewinnen könne. Sanders streitet dies ab. Clinton sagte im Interview, entweder wisse Sanders nicht, was sein Wahlkampfteam und seine Unterstützer täten, oder er zwinkere ihnen zu, damit sie die Demokratinnen Kamala Harris und Elizabeth Warren angriffen. „Das ist ein Muster, das die Leute berücksichtigen sollten, wenn sie ihre Entscheidung treffen“, sagte Clinton und leistete so ihren Beitrag zu Spaltung der Demokratischen Partei.

          Ihr filmisches Porträt stellte Hillary Clinton gemeinsam mit der Filmemacherin Burstein Mitte Januar auf der Television-Critics-Association-Konferenz in Pasadena vor. Es habe bei den Fragen „keine Tabus“ gegeben, sagte Clinton über die 35 Stunden, in denen sie Burstein für Interviews zur Verfügung stand. Burstein zeigte sich beeindruckt. Es herrsche die Ansicht, dass Hillary Clinton extrem kontrolliert sei, sagte sie. „Aber ich habe das Gegenteil erlebt.“

          Ursprünglich sei es bei dem gesammelten Filmmaterial von mehr 1700 Stunden „eher um einen Wahlkampf-Film“ gegangen, sagte Hillary Clinton. Aber Nanette Burstein sei davon überzeugt gewesen, hier gebe es „eine größere Geschichte zu erzählen. Diese handele von der Geschichte weiblicher Emanzipation und des Aufstiegs von Frauen in der Gesellschaft.“ Da sie weder ein Amt anstrebte noch eins innehatte, sagte Clinton, habe sie sich darauf eingelassen. So stellt Nanette Burstein Hillary Clintons Aufstieg von der Jurastudentin in Yale zur First Lady, zur Außenministerin und schließlich unterlegenen Präsidentschaftskandidatin dar und geht dabei der Frage nach, wie Clinton zu einer in den Vereinigten Staaten ebenso angesehenen wie umstrittenen und angefeindeten Persönlichkeit wurde. Sie habe den Film gemacht, sagte Burstein, weil sie Clintons Geschichte als „symbolisch für unseren Umgang mit Frauen“ erachte. „Sie ist eine historische Figur, sie wirkt polarisierend, und ich wollte aufzeigen, wie es dazu kam.“ In dem Film, von dem für die Presse nur Ausschnitte zu sehen waren, kommen Frauen mit der Einschätzung zu Wort: „Ich würde ja eine Frau wählen, aber nicht diese Frau.“

          Es sei nicht einfach, sich selbst in Augenschein zu nehmen, sagte Hillary Clinton. Sie müsse sich „eingestehen, dass ich mitverantwortlich bin für viele Falschdarstellungen und Missverständnisse. Ich war nicht gut genug darin, diese Wahrnehmungen zu durchbrechen.“ Sie sei immer wieder überrascht gewesen über Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. „Das hat dazu geführt, dass ich noch vorsichtiger und verschlossener wurde, ein Teufelskreis.“ Meist habe sie das einfach abgeschüttelt und nicht weiter darüber nachgedacht. Jetzt sehe sie diesen Film und wünsche sich, „ich hätte einen besseren Weg gefunden“. Auf ihrem Grabstein, sagt Clinton im Film, würde sie gern stehen haben: Sie war weder so gut noch so böse, wie sie dargestellt wurde.

          Sie habe sich der öffentlichen Wahrnehmung erst bewusst werden müssen, sagte Clinton. „Ich bin ja zu einer Art Rorschachtest für Frauen und deren gesellschaftliche Rolle geworden, als ich im Rahmen von Bills Präsidentschaftskandidatur die Bühne betrat.“ Als ihr Mann sie seinerzeit gebeten habe, die Gesundheitsreform in Angriff zu nehmen, habe sie dies als nichts Besonderes empfunden, schließlich habe sie Ähnliches bereits in Arkansas getan. Nicht geahnt habe sie, „welchen Backlash die Tatsache auslöste, dass die First Lady den Versuch unternahm, eine bezahlbare und gute Krankenversicherung für alle auf die Beine zu stellen“. Sie sei ein „Blitzableiter“ gewesen. „Die Urteile über mich hatten nicht bloß mit mir zu tun, sondern auch mit dem historischen Moment und der Einstellung gegenüber Frauen.“

          Sie hoffe sehr, dass es mit der Betrachtung, Frauen müssten auch in der politischen Öffentlichkeit stets liebenswürdig sein, ein Ende habe. Das sei „Ausdruck einer unfairen und benachteiligenden Doppelmoral. Es muss uns klarwerden, dass Frauen dasselbe Recht auf emotionale Bandbreite haben.“ Die westliche Demokratie, befand Clinton, sei reformbedürftig, aber sie müsse weiterbestehen. Sich am politischen Prozess nicht zu beteiligen sei keine Option. „Nehmen Sie Ihre Stimme ernst“, redete Hillary Clinton dem Publikum ins Gewissen. „Falls Sie demokratisch wählen, geben Sie ihre Stimme dem Kandidaten, der am wahrscheinlichsten gewinnen wird. Denn Gott weiß, was passiert, wenn wir den jetzigen Amtsinhaber nicht in Rente schicken.“ Der aussichtsreichste Kandidat der Demokraten scheint im Augenblick, trotz des Siegs von Pete Buttigieg in Iowa, allerdings Bernie Sanders zu sein.

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