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Forum des Jungen Films : Auf der Suche nach dem kritischen Bild

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Ein Kollektivfilm wie „Ouvertures“ vom The Living and the Dead Ensemble lässt sich auch, wie „The Viewing Booth“, als künstlerisches Werk sehen, das zugleich die Bedingungen seiner Entstehung thematisiert: Ein Stück des karibischen Dichters und Philosophen Édouard Glissant dient als Textmaterial für eine Art kollektiver Begehung eines historischen Bezugsraums durch eine Gruppe junger Leute aus Haiti. In Deutschland weiß man vor allem durch eine Novelle von Kleist (und damit auf durchaus zwiespältige Weise), dass neben der Französischen Revolution in der Kolonie auch eine Sklavenrevolution stattfand, die aber in der Tradierung im Westen geradezu abgespalten wurde – dabei müsste sie doch integral zu jeder Revolutionsgeschichte gehören.

In „Ouvertures“ (der Titel spielt auf den wichtigsten Protagonisten an, auf den Sklavenführer Toussaint Louverture, der in einer Festung in Frankreich starb) wird das Wort der Literatur zu einem Übertragungsmedium uneingelöster historischer Chancen: Das Ensemble ergreift dieses Wort und ergreift dabei auch eine Filmgeschichte, die für das Gründungsereignis der Nation Haiti bisher weitgehend blind war.

Allgegenwart der Antike in Italien

Ein drittes Beispiel zu einer Bestimmung der Rolle des Forums im Kontext der neu aufgestellten Berlinale wäre der italienische Film „Zeus Machine. L’invincibile“ von David Zamagni und Nadia Ranocchi. Hier kommt ein reflexives Moment ins Spiel, das häufig unterschätzt wird: Witz. In zwölf Szenen widmet sich das Regieduo dem Mythos von Herakles, als dem Helden aus den Geschichten der alten Griechen, der am ehesten mit einem heutigen Superhelden zu vergleichen wäre. Das italienische Kino hat eine nicht unbedeutende, selten aber wirklich gewürdigte Tradition von Geschichten über Muskelmänner in Sandalen, namentlich den Maciste, den der hyperpatriotische Schriftsteller D’Annunzio in Karthago (er-)fand und der dann zu einem merkwürdigen Wiedergänger quer durch die Epochen Italiens im 20. Jahrhundert wurde: eine Figur, mit der die Antikenrezeption auf das Niveau von simpler Schaustellerei und Protzerei sank, die sich aber heute bestens gegen die eigene Muskelfaserung lesen lässt.

Zamagni und Ranocchi spielen in ihrer „Zeus-Maschine“ mit der Allgegenwart der Antike in Italien, sie bevölkern gleichsam den nationalimaginären Skulpturenpark neu aus dem Geist von Slapstick und billiger Show, aber auch von jugendlichem Geprotze.

Dass man dabei unwillkürlich an Inszenierungen von Virilität zu denken beginnt, mit denen populistische Politik gerade in Italien als Heldenarbeit verbrämt werden soll, ist zweifellos nicht unbeabsichtigt.

Man könnte sagen: Das Forum sucht die Instanz für eine Beglaubigung von Bildern nicht außerhalb von ihnen, sondern in einer Freilegung von deren Innenleben. Vielleicht liegt in dem Wechselspiel zwischen „Encounters“, der neuen, von Carlo Chatrian geschaffenen Berlinale-Sektion, und dem Forum tatsächlich eine produktive Herausforderung, von der das gesamte Festival profitieren könnte. Die ersten Tage deuten jedenfalls in diese Richtung.

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