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Was bringt die Berlinale? : Das Meiste von allem, das Beste von Nichts

Einander seit langem zugetan: Die diesjährige Jury-Präsidentin Meryl Streep und der Berlinale-Chef Dieter Kosslick vor vier Jahren Bild: dpa

Dass nur ein einziger deutscher Film im Berlinale-Wettbewerb vertreten ist, hat seinen Grund. Auch das Star-Aufgebot ist übersichtlich. Die Filmfestspiele müssen sich in diesem Jahr mit kleinen Rekorden begnügen.

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          Was ein richtiges deutsches Festival ist, das braucht ein Motto – ob es auch das richtige Motto ist, wird da zur nachgeordneten Frage. Das „Recht auf Glück“ hat Direktor Dieter Kosslick für die 66. Berlinale ausgerufen, als hätte er eine Judikative an der Hand, die dem Recht Nachdruck verschaffte. Oder bei der sogar Kritiker das Recht auf gute Filme, die glücklich machen, einklagen könnten. Es könnte allerdings auch ein Übersetzungsfehler aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sein, wo bekanntlich nur vom „Streben nach Glück“ die Rede ist. So oder so ist dieses Glücksversprechen nach den Programmen der letzten Jahre ein ziemliches Risiko.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es sind zwar 434 Filme in diversen Sektionen und Subsektionen im Angebot, hier noch eine Hommage oder ein „Tribute“, dort noch ein Spezialscreening, aber zu oft hat sich in Berlin nur bestätigt, was Chandler seinen Marlowe in einem Anfall von übler Laune über den „Warenhausstaat Kalifornien“ sagen ließ: „Das Meiste von allem, das Beste von Nichts.“ Mag schon sein, dass es, wie im Sport, in diesem Jahr besser wird, als die sogenannte Papierform erwarten lässt. Im Wettbewerb fehlen die ganz großen Namen fast völlig, die Coen-Brüder eröffnen das Festival am Donnerstag mit ihrem „Hail, Caesar!“ nur außer Konkurrenz, auch Spike Lee und sein von Amazon produzierter Musikfilm „Chi-raq“ können keinen Bären gewinnen. Aber womöglich kommt Lee nach Berlin, er hat ja viel Zeit, weil er die Oscar-Gala boykottiert. Thomas Vinterberg ist dabei, André Téchiné auch, in den Besetzungslisten entdeckt man vereinzelt Stars. Diese Konstellation schließt Überraschungen nicht aus – angenehme wie unangenehme.

          Das Angebot sei halt karg gewesen

          Dass die Berlinale auch ein Schaufenster des deutschen Kinos ist oder sein soll, ist in den vierzehn Jahren von Dieter Kosslicks Amtszeit fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Umso mehr überrascht es, dass in diesem Jahr nur ein einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb zu sehen sein wird, „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, der zweite Film einer jungen Regisseurin. Sie erzählt von einer Kabarettistin (Julia Jentsch) und deren Mann (Bjarne Mädel), die entscheiden müssen, ob sie ein schwerkrankes Kind zur Welt bringen soll.

          Filmfestival 2016 : Berlinale widmet sich dem „Recht auf Glück“

          In den anderen Sektionen, von der „Perspektive deutsches Kino“ mal abgesehen, stolpert man auch nicht gerade über deutsche Produktionen, die auf verkanntes Potential schließen lassen. Wer mit Insassen der Branche spricht, hört immer wieder die Aussage, das Angebot sei halt karg gewesen. Dass derzeit eine ziemliche Flaute herrscht, dazu passt auch der Eindruck, den kürzlich die Vorauswahl zum deutschen Filmpreis hinterlassen hat: ein schwächliches Bild der vergangenen zwölf Monate. Daher ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass Regisseure und Produzenten lieber auf einen Platz in Cannes spekulieren.

          Der wunderbarste Star

          Die Berlinale muss sich mit kleinen Rekorden begnügen. So lang wie „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ von dem philippinischen Regisseur Lav Diaz war meiner Erinnerung nach noch nie ein Wettbewerbsbeitrag: 485 Minuten. Ulrike Ottingers Film „Chamissos Schatten“ im Forum, der einen 709 Minuten nach Alaska und in die Beringsee führt, bleibt hingegen eine gute Stunde hinter „Out 1 - Noli me tangere“ des verstorbenen Jacques Rivette zurück. Die Frage bei solchen tripartigen Kinoreisen ist bloß, ob sie beim Zuschauer eine gewisse meditative Grundhaltung voraussetzen oder ob er sie erst durch den Besuch erwirbt. In jedem Fall versetzt das Festival die Wahrnehmung in den permanenten Ausnahmezustand, sogar die Geschmacksnerven werden ja in Kosslicks Lieblingssektion, dem „Kulinarischen Kino“, schwer gefordert, weil der eingefleischte Vegetarier den Köchen diktatorisch jeglichen Fleischeinsatz untersagt.

          Unbedingt erwähnt werden muss natürlich noch, dass der größte, wunderbarste Star in diesem Jahr die Jury-Präsidentin ist. Wie unsinnig und unbegreiflich es bei der Vergabe der Bären am Ende auch mal wieder zugehen mag – Meryl Streep kann ich alles verzeihen.

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