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Kinosäle bei der Berlinale : Schnarchdramatik

Der Berlinale Palast am Potsdamer Platz Bild: Jens Gyarmaty

Raschelnde Popcorntüten, tiefe Sessel und Dunkelheit: Im Kinosaal schläft es sich gut. Die Berlinale ist da keine Ausnahme.

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          Dass wir den Kinoschlaf respektieren gelernt haben, verdanken wir dem Kollegen Michael Althen. In seinem wunderbar lakonischen und liebevollen Duktus pflegte er zu sagen, vor der Leinwand einzuschlafen bedeute, dem jeweiligen Film zu vertrauen. Folglich darf die diesjährige Berlinale als extrem vertrauenswürdig gelten: In den drei ersten Vorstellungen, die wir besuchten, entschlummerte zu den unterschiedlichsten Tageszeiten stets jemand neben uns.

          Das hatte neben der Vertrauensbildung zum gezeigten Werk auch noch jeweils einen inhaltlichen Reiz, denn in Thomas Arslans „Helle Nächte“ geht es nicht zuletzt um den gestörten Schlaf eines seiner Protagonisten. Das morgendlich sanfte Schnurcheln aus dem Parkett vermittelte dem hellhörigen Berlinale Palast schon vor dem Finale, dass alles gut werden würde.

          Bei dem chinesischen Film „Ciao Ciao“, den eine Abendvorstellung im Panorama zeigte, musste man der Dame rechts von uns Anerkennung zollen für das akustische Geschick, mit dem sie die scheinidyllische Landschaft eines Bergtals in Yunan durch ihr Gesäge bereits um jene zerstörerische Komponente bereicherte, die erst eine Kinostunde später sichtbar werden sollte. Und am späten Nachmittag erzählte der tschechische Science-Fiction-Klassiker „Ikarie XB 1“ im Rahmen der Retrospektive unter anderem davon, dass die Besatzung eines im Jahr 2163 nach Alpha Centauri reisenden Raumschiffs reihenweise in einen rätselhaften Tiefschlaf fällt.

          Die Reihen im vollbesetzten Saal dagegen blieben mit einer Ausnahme hellwach, denn der einzelne Schnarchende bewies Ausdauer und Sensibilität zugleich. Verblüffen musste seine vegetative Fähigkeit, die Lautstärke seiner Schlummergeräusche dem von ihm verschlafenen Film anzupassen: bei lärmenden Passagen ein lautes Aufschnaufen, bei leisen ein feines Röcheln. Die ausgefuchste Dramaturgie von „Ikarie XB 1“ wurde so auf die schönste Weise akustisch im Saal gespiegelt. Wir müssen unser Verständnis des Kinoschlafes ebenso erweitern wie das des Beziehungsgeflechts zwischen Leinwand und Publikum. Auch die Filme dürfen einem Schlafenden vertrauen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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