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„Fifty Shades of Grey“ : Vergiss die Peitsche!

Liebe ist, wenn deine Neurosen zu den Neurosen deines Partners passen: Szene aus „Fifty Shades of Grey“ Bild: AP

Ein Bucherfolg unter der Gürtellinie, ein Film unter Niveau: „Fifty Shades of Grey“. Dieser Unfug tut weh, fesselt aber kein bisschen. Soll das wirklich der Stand des Schmuddel-Entertainments im dritten abendländischen Jahrtausend sein?

          Erst gab es den Weltbestseller als Text, dann als Hörbuch, jetzt als Film; aber vielleicht wäre es doch das Beste, diese triste Mittelstands-Kitschplörre in kleine Fläschchen abzufüllen und das Etikett „Porno Zero“ draufzukleben: garantiert ohne sexuellen Brennwert, aber dafür mit besten synthetischen Zusatzstoffen, von Libido-Surrogat-Extrakt bis Lifestylekonservierungsmittel.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil die Regisseurin Sam Taylor-Johnson nicht erst gestern vom Heuwagen ins Filmgeschäft gepurzelt ist, hat „Fifty Shades of Grey“ zwar auch ein paar ansatzweise hübsche Szenen: schlanke weibliche Finger liebkosen eine Kaffeetasse, das Angeschnalltwerden im Hubschrauber schickt den Schatten eines kleinen Vorlustschauders übers Gesicht der schönen Hauptdarstellerin Dakota Johnson, ein Tänzchen zu Sinatras „Witchcraft“: „It’s such an ancient pitch, but one that I’ll never switch, ’cause there’s no nicer witch than you“ - in dieser letzten Sequenz wird sogar etwas wie Erotik ahnbar im von der quälenden Hormonotonie strohdummer Popo-Aufnahmen und hauchdünner Höschen regierten Machwerk. Dass freilich das sexuell Anregendste an einem Sadomaso-Film von 2015 die Kunst eines seit siebzehn Jahren toten Mafia-Unterhalters ist, spricht Bände über die Talsohle der enthemmt-verklemmten Dauerlustsimulation, in der sich die Massenkultur derzeit täglich lautstark versichert, dass heute ja zum Glück so gut wie nichts mehr verboten ist.

          Erlaubt sind neuerdings offenbar auch Storykonstruktionen wie diese: Eine sensible Literaturstudentin soll für ihre Uni-Zeitung einen steinreichen jungen Telekom-Unternehmer interviewen, den Jamie Dornan mit der magischen Intensität einer Tube Gesichtsfeuchtigkeitscreme für den Herrn spielt. Die Studentin legt sich beim Gespräch in seinem Büro sofort den Bleistift auf die bebende Unterlippe und schaut ihn an, als wäre sie noch Jungfrau, obwohl ihr bester Freund wie ein Gigolo aussieht und ihr Job-Kollege im Baumarkt wie ein Badehosen-Model.

          Zu fest auf den Hintern gehauen

          Der Unternehmer bietet ihr einen Vertrag an: Mätressenstatus gegen sexuelle Totalunterwerfung. Sie denkt tatsächlich darüber nach - und vertreibt sich und ihm die Wartezeit mit Probepeitschen und Testvögeln. Nach einer Weile stellt sich heraus, dass seine sadistische Triebstruktur von einer schweren Kindheit und von ambivalenten Missbrauchserfahrungen mit einer älteren Frau rührt. Die zutraulich zitternde Unschuld aus dem Seminar jedoch knackt seinen Charakterpanzer, er entdeckt die Liebe - zu spät, er hat ihr etwas zu fest auf den Hintern gehauen, sie lässt ihn sitzen. Ende. Aussicht auf Teil zwei? Wehe! Ist dieser Unfug wirklich der Stand des Schmuddel-Entertainments im dritten abendländischen Jahrtausend? Hat der Marquis de Sade für nichts und wieder nichts geschäumt, hat Kathy Acker sich vergebens unaussprechliche Leibespartien gepierct, hat Bruce LaBruce umsonst die Filmavantgarde von hinten verführt? Man könnte melancholisch werden, wenn man sieht, wie unterfordert Reitgerte, Lederfessel, Handschelle und Haarpeitsche in „Fifty Shades of Grey“ ihren Daseinszweck verfehlen, der bekanntlich darin besteht, dass Menschen ihre Sexualität eben nicht als hirnlosen Brunftrausch erleiden müssen, sondern sie mit Willen, Phantasie, Vertrauen und gegenseitiger Fürsorge selbst noch im Kontrollverlust gestalten können.

          Die seit den allerersten zaghaften Pornographie-Freigaben in reichen Ländern immer mal wieder in den Mainstream schwappende Sadomaso-Mode, die etwa die „Kiara und Alina“-Bücher, aber auch so seltsam naiv-verspielte Produkte wie die „Nana & Kaoru“-Mangas von Ryuta Amazume hervorgebracht hat, handelt (wie Sex in der bilderreichen Weltgesellschaft heute insgesamt) von komplizierten Sehnsuchts- und Frustkonstellationen zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Da ringt das Emanzipatorische mit dem Korrupten, die Selbstermächtigung mit der Ausbeutung.

          Der fast völlig charmefreie „Fifty Shades“-Film dagegen handelt einfach von einer öden Zweierkiste, in der ein gesichtsloser Prinz und ein harmloses Aschenputtel einander nichts Gescheiteres beweisen, als dass sie die Verletzungen, die ihnen der Plot zumutet, weder genießen noch überwinden können. Wie sagt die Domina? „Hau ab, du Depp, du bist züchtigungsunwürdig!“

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