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Berlinale-Wettbewerb : Holt den Revolver aus der Mülltonne

Der kürzeste Film und die längste Landstraße der Berlinale: Sally Potters „Party“ und Thomas Arslans „Helle Nächte“ im Wettbewerb. Hoffentlich liefert die zweite Hälfte des Festivals noch mehr solcher Extreme.

          3 Min.

          Ihr Film, sagt die britische Regisseurin Sally Potter über ihren Berlinale-Beitrag „The Party“, sei „in einem Moment entstanden, in dem wir über die aktuellen Ereignisse in der Welt am liebsten weinen würden“. Sieben Personen versammeln sich in „The Party“ in einem Londoner Reihenhaus, um die Nominierung von Janet (Kristin Scott Thomas) zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett der Labour Party zu feiern: Janets Ehemann, ihre beste Freundin, deren eigener Gatte, eine weitere Freundin, deren schwangere lesbische Lebensgefährtin und der Mann ihrer künftigen Büroleiterin. Worüber aber reden, worüber streiten sie? Was ist es, das in den Zeiten von Brexit und Trump die Seelen bewegt?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist die Liebe. Genauer: der Betrug. Janet hat eine Affäre, Bill will Janet für seine Geliebte verlassen, Martha hat Angst, Jinny zu verlieren, wenn deren Mutterinstinkte erwachen, und Tom ist mit der Frau verheiratet, mit der Bill in Marthas Apartment geschlafen hat. Nur Gottfried, der Deutsche in der Runde, hat keine Rechnung offen. Bruno Ganz spielt ihn mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon Hitler und Kohlhaas und einen Engel im „Himmel über Berlin“ verkörpert hat, also auf sehr britische Art, während die anderen Darsteller, abgesehen von dem buddhahaften Timothy Spall als Bill, sich beträchtliche Mühe geben, hysterisch zu wirken. Zweimal wird eine Pistole in eine Mülltonne geworfen und wieder herausgefischt. Die Hors d’œuvres verkohlen im Ofen. Nicht nur die Toilettenschüssel füllt sich mit Erbrochenem. Zudem ist der Film in Schwarzweiß gedreht, so dass jede Einstellung wie in dokumentarischem Weihwasser gebadet wirkt. Dennoch ist „The Party“ nicht die Komödie der Stunde geworden. Warum?

          Glamour der Berlinale: Die Regisseurin Sally Potter (l.) mit Bruno Ganz und Kristin Scott Thomas beim Photocall.

          Weil es um nichts geht. Oder jedenfalls nichts, was über den Rahmen, in dem es passiert, hinaus bedeutsam wäre, selbst bei Patricia Clarkson nicht, die als April die postfeministische Zeitgeist-Zynikerin der Zehnerjahre spielt, einen Typus, dessen Haltbarkeitsdatum im letzten November abgelaufen ist. Jeder der sieben Akteure, die Sally Potter vor die Kamera geholt hat, ist eine Schau für sich, aber als Ensemble bleiben sie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Vielleicht hätte die Regisseurin, statt das Drehbuch zu ihrem Film zu schreiben, lieber Luis Buñuels „Würgeengel“ von 1962 neu drehen sollen, eine bessere Geschichte über die Unmöglichkeit, dem Verhängnis zu entkommen, das vor der Tür steht. Statt dessen hat Alex de la Iglesia den Stoff für seinen Thriller „Die Bar“ gekapert, der morgen außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft. Im Kino geht nichts verloren.

          Hoffen auf die zweite Hälfte

          Mit einundsiebzig Minuten Länge ist „The Party“ der kürzeste Spielfilm im Hauptprogramm. Das passt zur Halbzeit des Festivals, dessen zweiter Akt hoffentlich jene Glanzlichter bringt, die der erste vermissen ließ. In diesem Jahr sind die Filmfestspiele dabei auf die Hilfe zweier Altmeister angewiesen, die dem Zeitgeist schon lange nicht mehr hinterherlaufen, auf Volker Schlöndorff („Rückkehr nach Montauk“) und Aki Kaurismäki. Wobei Kaurismäki bei der Ökonomie des Erzählens früh Maßstäbe gesetzt hat: Sein Film „Ariel“, der 1989 im Berlinale-Forum lief, dauert dreiundsiebzig Minuten. „Die andere Seite der Hoffnung“, mit dem er im Wettbewerb des Festivals debütiert, ist nun mit epischen achtundneunzig Minuten angekündigt. Die Jahre, sieht man, fordern ihren Tribut.

          Schlöndorffs Montauk-Film ist der dritte deutsche Beitrag im Wettbewerb; der erste, Thomas Arslans „Helle Nächte“, lief gestern. Ein Zweipersonendrama: Vater und Sohn, unterwegs in der Wildnis Nordnorwegens. Michael (Georg Friedrich) hat Luis (Tristan Göbel) seit Jahren nicht mehr gesehen, jetzt steht der Junge an der Schwelle zum Erwachsensein, und der Tod des Großvaters schafft den Anlass, der die beiden zusammenbringt. Wobei es der Vater ist, der um die Liebe des Kindes wirbt, als könnte er sein eigenes Scheitern, die Beziehung, die er zerstört, und die Familie, die er nicht gelebt hat, damit ungeschehen machen.

          Den Filmen der sogenannten Berliner Schule, zu der auch Thomas Arslan gehört, wird oft vorgehalten, sie stilisierten die Wirklichkeit zu sehr. Das lässt sich von „Helle Nächte“ nicht behaupten. Hier wird alles, was zu der Geschichte gehört, beim Nennwert genommen: die norwegische Landschaft, der Gaskocher vor dem Zelt, in dem Luis und Michael schlafen, der Range Rover, der aus Benzinmangel am Straßenrand stehenbleibt. An dieser Nüchternheit hat der Film aber auch seine Grenze. Er erzählt nicht, er sammelt Momente. Einmal blickt die Kamera drei Minuten lang aus dem Autofenster auf die im Nebel verdämmernde Landstraße. Für ungeduldige Zuschauer ist das eine Grenzerfahrung: eine geballte Ladung Zeit.

          An der Straße, die zum Berlinale-Palast führt, wirbt die Firma L’Oreal mit dem Slogan „Berlin, mon amour“ für ihren neuen Lippenstift. Die dafür auf den Plakaten lächeln, wirken von weitem wie Hollywoodstars, erst beim Näherkommen sieht man, dass es einheimische Celebrities sind: Iris Berben, Heike Makatsch, Lena Meyer-Landrut. So geht es einem mit der Berlinale insgesamt. Auf den ersten Blick erscheint sie ungeheuer weltgewandt, auf den zweiten dann doch ziemlich deutsch.

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