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Berlinale : Gute Neuigkeiten von niemals

Auf der Flucht: Johnny Ortiz in „Soy Nero“ Bild: dpa

Zwei Schlaglichter auf der Berlinale: Das Migrantendrama „Soy Nero“ von Rafi Pitts und das außer Konkurrenz gezeigte Agitprop-Monster „Chi-Raq“ von Spike Lee riskieren viel.

          Ein schöner junger Mann - sagen wir: attraktiv wie Elvis Presley in dem Western „Charro“ von 1969 - steht mit einem modernen Präzisionsgewehr in der Wüste und weiß nicht weiter. Das Wüstenbild ist globalstrategisch gemeint, man spricht da arabisch. Aber der junge Mann, der einerseits Nero, andrerseits Jesús heißt und vom trotzig-sinnlichen Johnny Ortiz gespielt wird, will eigentlich nur Bürger der Vereinigten Staaten werden, weil er da zwar aufgewachsen ist, dann aber mit seiner aus Mexiko stammenden Mutter nach Süden deportiert wurde und sich jetzt das Heimatrecht im Land der Kindheit als „Green Card Soldier“ verdienen will.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Gesetz, das diese Tür einen Spalt weit öffnet, dann aber viele der so rekrutierten Soldaten doch wieder durch eine andere Tür aus dem Sehnsuchtsstaat hinauswirft, gehört zu den zahlreichen Einfällen, mit denen der sogenannte Krieg gegen den Terror nach den Anschlägen vom 11. September 2001 alle Auxilia mobilisierte, deren seine Heerführer habhaft werden konnten - von arbeitslosen Schwarzen in den gesetzlosen urbanen Verfallszonen bis zu Mittelstandskindern mit Ehrgeiz, die anders keine anständige Ausbildung hätten ergattern können.

          Freudenfest und Krieg

          Kriegserlebnisse erzählt die zweite Hälfte des Films „Soy Nero“ von Rafi Pitts; die erste begleitet den schönen Jungen beim Übertreten der mexikanisch-nordamerikanischen Grenze und in Los Angeles. Am Anfang sieht man ihn einmal nachts unter einem Feuerwerk, mit dem die Glücklichen irgendetwas feiern, im Schutz von bunten Blitzen und Geböller an den Überwachungskameras der Nirgendszone vorbeihasten. Das Freudenfest der Reichen ist der Krieg der Armen: Mühelos begreift man die wohl knappste Metapher dieses Film, der es mit dem Allegorisieren manchmal ein wenig übertreibt - nicht jedes Verlassenheitsgefühl des Helden muss ein mit Teleobjektiv fotografierter Hitzeflimmermoment werden. Sicher aber gehört „Soy Nero“ zu den plausibleren Wettbewerbsbeiträgen der diesjährigen Berlinale, weil er sich immerhin an einen Stoff wagt, der als laufende Zeitgeschichte noch nicht verrät, wie alles enden wird.

          Wesentlich bravere Beiträge, die sich in Geschehnissen einrichten (mal gemütlich, mal weniger), deren Ergebnisse wir schon kennen, gibt es diesmal mindestens zwei zu viele: Die garstigen Nazi-Pappaufsteller in der Privatwiderstands-Moritat „Alone in Berlin“ von Vincent Perez sind eine Beleidigung des primitivsten historischen Wahrheitsempfindens, und Michael Grandages Der-Lektor-der-seines-besten-Autors-Ziehvater-wurde-Männermärchen „Genius“ wird nicht mal von Guy Pearce als F. Scott Fitzgerald vor der netten Banalität gerettet, auf die diese freundliche Literaturverkitschung wacker hinauswill.

          Zu sehen gibt’s hier freilich genug, nicht nur beim Produktions-Design, sondern vor allem für Menschenfans. Denn 2016 ist das Jahr der mehr als nur hübschen Menschen auf Berlins Festivalleinwänden: Allein den beiden Stars der symphonisch flutenden Liebes-Elegie „Chang Jian Tu“ von Yang Chao kann man stundenlang dabei zuschauen, wie sie einander auf und an einem Fluss dauernd verfehlen, der aussieht wie ein langes Tier aus Milch, mit schwarzen Adern aus Ästen von Uferbäumen. Man schaut ihnen hier übrigens tatsächlich stundenlang zu, diesem grüblerisch verliebten Qin Hao und seiner störrisch zarten Xin Zhi Lei - der Film ist so lang, wie er sentimental ist. Und genauso schön.

          Bandenkriegshölle des heutigen Chicago

          Die schönsten Menschen allerdings behaupten sich auf diesem Festival in den aussichtslosesten Verhältnissen, nämlich in „Chi-Raq“ - so heißt ein von Nick Cannon gespielter Nichtheld, so heißt seine Stadt, und so heißt auch der in Berlin außer Konkurrenz gezeigte Film, in dem Spike Lee diese beiden von der erstaunlichen Teyonah Parris auseinandernehmen und neu zusammenbauen lässt. Frau Parris spielt die formidabelste Lysistrata, die je eine Neufassung des antiken Dramas vom Liebesstreik der Frauen gegen kriegsverblendete Männer durchtanzt hat. In „Chi-Raq“, der Bandenkriegshölle des heutigen Chicago, so zeigen Statistiken, die am Anfang des Films mit rechtschaffen didaktischer Plakatwucht aufs Publikum eindreschen, werden derzeit mehr Menschen erschossen als Elitesoldaten der Vereinigten Staaten im selben Zeitraum in allen Kriegen, die diese Nation gegenwärtig führt.

          Samuel L. Jackson erläutert das Geschehen als idealisierter Pimp in feinstem Zwirn - wobei „idealisiert“ hier heißt: verdeutlicht, nicht verklärt; ein Iceberg Slim als Archetypenkreuzung aus Lehrer und Skeptiker, Kriminalitätskenner und Résistance-Professor, der den „self-inflicted genocide“ verstehbar macht, in dem junge Männer, Frauen und Kinder täglich sterben, weil eines der reichsten Gemeinwesen der Welt sie in die darwinistische Asozialität eines Humankatastrophengebietes gespuckt hat.

          Wie lange nicht mehr in seinen zuletzt oft eher auf handwerkliche Glätte und narrative Übersichtlichkeit getrimmten Filmen fängt Lee hier den historischen Moment ein, der gerade in unübersichtliche Bewegung gerät (die Bewegung heißt übrigens „Black Lives Matter“). Er wirft die beste Musik der Leute, um die es geht, ebenso in seine Schlacht wie rauschhafte Choreographien und die sexy Gravitas herrlichster Kostüme; er holt aus dem Silbenzauber seiner Reimdialoge, aus dem Pathos seiner Entscheidungssituationen und dem Ernst seiner ins Utopische verlängerten Anti-Reportage den Mut, überlebenswichtige Neuigkeiten zu verkünden, die nie gestimmt haben und nie stimmen werden: Wir machen jetzt, weil wir das Leiden satthaben, alles anders, auch die Kunst.

          Mit weißer Weste: Teynoha Parris und John Cusack in „Chi-Raq“

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