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Berlinale-Preisverleihung 2015 : Ein Goldener Bär für politischen Mut

Den Goldenen Bären gewann ein Abwesender. Jafar Panahi steht in Iran unter Hausarrest. Seine Nichte nahm den Preis für ihn unter Tränen entgegen. Bild: Reuters

Der Film des Iraners Jafar Panahi gewinnt den Goldenen Bären – ein klares politisches Signal in einem mäßigen Wettbewerb. Die übrigen Bären wurden dagegen möglichst breit gestreut.

          Während man sich anderswo auf Hochrechnungen stützt und Wahrscheinlichkeiten vertraut, schlägt das Urteil einer Filmfestival-Jury immer wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein. Die 65. Berlinale, die am Samstagabend mit der Preisverleihung zu Ende ging, machte da keine Ausnahme. Die Jury unter Vorsitz des amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky („Noah“, „Black Swan“) vergab den Goldenen Bären an den iranischen Film „Taxi“ von Jafar Panahi.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Hinterher werden zwar nun viele behaupten, das habe man doch absehen können, der Film sei ja ein Favorit gewesen – was aber nichts weiter heißt, als dass er der Favorit desjenigen war, der die Behauptung aufgestellt hat. Nicht nur auf der Berlinale sind schon ganz andere vermeintliche Favoriten böse gestrauchelt. Dennoch ist das eine politisch klare wie ästhetisch jederzeit vertretbare Entscheidung.

          Dem 54 Jahre alten Panahi, über den das Regime in Teheran seit 2010 Berufs- und Reiseverbot verhängt hat und der zudem noch einer Haftstrafe entgegensieht, ist es erneut gelungen, Material außer Landes zu schmuggeln. Der Regisseur selbst spielt in dem mit Laiendarstellern gedrehten Film einen Taxifahrer, der durch Teheran fährt. Aus den Erzählungen und Ansichten seiner wechselnden Fahrgäste entsteht ganz beiläufig ein Blick auf iranische Verhältnisse.

          Guatemala überzeugt bei Debüt

          Ähnlich entschlussfreudig zeigte sich die Jury bei der Vergabe der Darstellerpreise, indem sie Charlotte Rampling und Tom Courtenay auszeichnete, die in dem britischen Film „45 Years“ ein alterndes Paar spielen, dessen Ehe plötzlich durch einer lange zurückliegende Liebesgeschichte des Mannes aus dem Gleichgewicht gerät.

          Die weiteren Entscheidungen verrieten dann vor allem den Wunsch, möglichst viele Aspiranten mit einem Bären auszustatten. Den Großen Preis der Jury erhielt der chilenische Film „El Club“, der von einer isoliert lebenden Gruppe pädokrimineller Priester erzählt. Die Ehrung mit dem längsten Namen, den „Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet“, erhielt „Ixcanul“ von Jayro Bustamante – übrigens der erste Film aus Guatemala im Wettbewerb der Berlinale.

          Eine Einstellung wird geehrt

          Ein silberner Bär für die beste Regie ging ex aequo an Radu Jude für „Aferim!“, eine Art Balkan-Western, der um 1835 spielt, und an Małgorzata Szumowska für „Body“, der von einem Untersuchungsrichter und seiner magersüchtigen Tochter erzählt. Auch beim Bären für die beste Kamera mochte sich die Jury nicht auf einen Empfänger festlegen und zeichnete stattdessen gleich drei aus: Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk erhielten den Bären für ihre Arbeit in „Pod electricheskimi oblakami“ („Under Electric Clouds“), einem typisch postsowjetisch-allegorischen Untergangsopus, wie man es eigentlich nur noch auf Festivals findet. Und natürlich musste der Norweger Sturla Brandth Grøvlen geehrt werden für seine Leistung in dem deutschen Wettbewerbsbeitrag „Victoria“ von Sebastian Schipper, der in einer einzigen, 140 Minuten langen Einstellung gedreht ist.

          Der Preis für das beste Drehbuch ging an Patricio Guzmán für den zweiten chilenischen Beitrags „El botón de nácar“ („The Pearl Button“), dem einzigen Dokumentarfilm im Wettbewerb, der in Westpatagonien Spuren freilegt, die das Pinochet-Regimes hinterlassen hat. Guzmán ist auch Regisseur des Films.

          Statt unerforschlicher Jury-Ratschlüsse also eine Preisverteilung, die nachvollziehbarer ist als in vielen Jahren. Das doch recht magere Niveau des Wettbewerbs, das seit Jahren nicht nur von der Kritik bemängelt wird, können solche Entscheidungen natürlich nicht kompensieren. Sie lassen die Veranstalter allenfalls ein bisschen besser dastehen, weil die Entscheidung für Jafar Panahi  zumindest den Nimbus der Berlinale bekräftigt, unter den großen Festivals das politischste zu sein. Als Distinktionsmerkmal ist das auf Dauer zu wenig.

          Die Sieger

          Goldener Bär: „Taxi“ von Jafar Panahi

          Silberner Bär bester Darsteller: Tom Courtenay („45 Years“)

          Silberner Bär beste Darstellerin: Charlotte Rampling („45 Years“)

          Silberner Bär beste Regie: Radu Jude („Aferim!“) und Małgorzata Szumowska („Body“)

          Silberner Bär beste Kamera: Sturla Brandth Grøvlen („Victoria“) und Evgeniy Privin/Sergey Mikhalchuk („Pod electricheskimi oblakami“/ „Under Electric Clouds“)

          Silberner Bär bestes Drehbuch: Patricio Guzmán („El Botón de nácar“ / „The Pearl Button“)

          Großer Preis der Jury: „El Club“ von Pablo Larraín

          Alfred-Bauer-Preis: „Ixcanul“ von Jayro Bustamante

          Bester Erstlingsfilm: „600 Millas“ von Gabriel Ripstein (in der Sektion Panorama)

          Goldener Bär bester Kurzfilm: „Hosanna“ von Na Young-kil

          Silberner Bär Kurzfilm: „Bad at Dancing“ von Joanna Arnow

          Audi Short Film Award: „Planet” von Momoko Seto

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