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Nina Hoss auf der Berlinale : Diese und jene Dinge des Lebens

Die Familie als Schicksalsgemeinschaft: Nina Hoss und Lars Eidinger in „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond Bild: Vega Film

Filmfestivals behandeln die großen Fragen der Gegenwart, aber manchmal sind die kleinen Fragen des Alltags wichtiger. Das zeigt das Schweizer Familiendrama „Schwesterlein“ mit Lars Eidinger und Nina Hoss.

          3 Min.

          Lisa, eine Theaterautorin, kommt nach Berlin, um ihren Zwillingsbruder Sven, einen Schauspieler, aus dem Krankenhaus abzuholen. Er hat Leukämie. Gemeinsam verbringen sie in paar Tage bei ihrer Mutter, dann fliegen sie in die Schweiz, wo Sven weiterbehandelt wird und Lisa mit ihrer Familie lebt. Ihr Mann leitet ein Elite-Internat in der Nähe von Lausanne; Lisa dagegen befindet sich in einer Schreibkrise, seit ihr Bruder erkrankt ist. Sven hofft auf ein Comeback als Hamlet an der Schaubühne, in der Rolle, die ihn berühmt gemacht hat, dann geht es ihm schlechter, bei einem Paraglider-Flug verliert er das Bewusstsein. Die Knochenmarkstransplantation, die er von seiner Schwester empfangen hat, war vergebens, und dem Kranken bleiben nur noch wenige Behandlungsmöglichkeiten. Er entscheidet sich für das Sterben. Sie fliegen zurück nach Berlin, und Lisa nimmt ihre Kinder mit, was den Zwist, der sich in ihrer Ehe angebahnt hat, überkochen lässt, während Sven dahinsiecht. An einem jener Abende, die in Berlin den Sommer ankündigen, sitzt Lisa im schönsten Winkel Charlottenburgs unter einem Baum und weint.

          Nina Hoss trägt diesen Film

          Andreas Kilb
          (kil.), Feuilleton

          Gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt? Die Zerstörung der Natur, die Qualen der Unterdrückten, die rassistische Bedrohung? Muss man sich das wirklich ansehen, wie in „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ein Mensch um einen anderen kämpft, bis nichts mehr hilft und nur noch Trauer und Erschöpfung bleiben? Es ist wahr, auf Filmfestivals, und besonders auf der Berlinale, werden die großen Fragen der Gegenwart verhandelt, und jene, die sie am lautesten stellen, können mit gesteigerter öffentlicher Aufmerksamkeit rechnen. Aber im Kino zählt nicht die Lautstärke, sondern die Intensität, mit der es erzählt, und deshalb war „Schwesterlein“ der Film dieses Berlinale-Tages.

          Dabei hat sicher geholfen, dass die beiden Schweizer Regisseurinnen ihre Hauptrollen mit Nina Hoss und Lars Eidinger besetzt haben, den beiden besten Schauspielern des deutschen Theaters (und womöglich auch des deutschen Films), und dass sie ihre Erzählung so nah an der Wirklichkeit ansiedeln, dass Thomas Ostermeier, der mit Eidinger an der Schaubühne den „Hamlet“ inszeniert hat, sich darin selbst verkörpern kann (wenn auch unter anderem Namen). Aber den letzten Schritt zur Fiktion müssen die Darsteller dennoch allein gehen, und es ist Nina Hoss, die dabei am weitesten gelangt. Die vielen Projektionen vorwiegend männlicher Phantasien, die sie zuletzt im Kino dargestellt hat, lässt sie in „Schwesterlein“ ebenso souverän hinter sich wie die Outriertheiten der Bühne. Sie trägt diesen Film, so wie sie vor Ewigkeiten Christian Petzolds „Yella“ getragen hat, und Lars Eidinger, der vor der Kamera selten die zweite Geige spielt, überlässt ihr ohne Widerspruch die Führung. Kein Themenfilm, nur ein Kammerspiel über die Dinge des Lebens, aber eines, das diesen Dingen so nahe kommt, wie ihnen das Kino überhaupt nur nahe kommen kann.

          Emotionale Krüppel im digitalen Zeitalter

          Es ist ungerecht, den französischen Beitrag „Effaçer l’historique“ mit „Schwesterlein“ zu vergleichen, auch wenn beide von Regisseurs-Duos gedreht wurden und am gleichen Tag im Berlinale-Wettbewerb liefen. Aber selbst in Berlin sieht man selten direkt hintereinander zwei Filme, die einander so spinnefeind sind, deren Geschichten sich gegenseitig abstoßen wie Wasser und Öl. Wo der eine in Krankenzimmern und Altbauwohnungen spielt und von Liebe und Tod erzählt, blickt der andere in die Baukastenwelt jener Vorstädte, in denen die Gefühle ebenso warenförmig sind wie die Einrichtung der Einfamilienhäuser, in denen seine Figuren leben.

          „Effaçer l’historique“ ist die französische Version des Satzbefehls „Verlauf löschen“, nach diesem Motto entwerfen Benoît Delépine und Gustave Kervern in ihrem siebten gemeinsamen Spielfilm ihre drei Helden Marie, Bertrand und Christine. Alle drei sind Opfer des Smartphones, emotionale Krüppel im digitalen Zeitalter, Kreaturen der Ich-AG-Kultur; die Gelbweste haben sie ausgezogen, um auf Facebook Likes zu sammeln, und nicht der allmächtige Staat, das Sextape auf Instagram ist ihr größter Feind.

          Dass man mit solchen Realkarikaturen keine plausible Erzählung, sondern nur eine grelle Nummernrevue bestücken kann, versteht sich fast von selbst. Trotzdem betrachtet man diese französische Farce eine ganze Weile lang mit schauderndem Vergnügen, wie ein Bild im Zerrspiegel, das den eigenen Alltag zur Kenntlichkeit entstellt. Erst als „Effaçer l’historique“ versucht, den Alptraum zu so etwas wie einem Abschluss zu bringen, versagt der ätzende Esprit seiner Autoren. So einfach lässt sich mit dem Kino eben doch nicht tricksen. Es hält jede Flunkerei aus, aber zuletzt kommt es darauf an, dass wir glauben, was man uns erzählt.

          Weiteres zur 70. Berlinale finden Sie im Internet unter www.faz.net/Berlinale

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