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„Grand Budapest Hotel“ eröffnet Berlinale : Das Kino, eine Konditorenkunst

Im rosa Fahrstuhl auf dem Weg nach Wunderland: Szene aus „Grand Budapest Hotel“ mit Tilda Swinton und Ralph Fiennes (rechts) Bild: AP

Zuckerbäckerisch bunte Bilder, stummfilmhafte Effekte, eine Geschichte wie aus der Spieldose: Wes Andersons zauberhaft versponnener Film „Grand Budapest Hotel“ eröffnet die Berlinale.

          Sie saß auf dem Podium neben dem Jurypräsidenten, in einem weißen, schulterfreien Kleid mit schwarzer Gürtelschnalle, und niemand stellte ihr eine Frage. Greta Gerwig ist das Gesicht des jungen amerikanischen Kinos, und sie ist das jüngste Gesicht in der Jury der diesjährigen Berlinale; aber auf der Jurypressekonferenz am Donnerstagmorgen wirkte sie zwischen dem Produzenten James Schamus und ihrem Kojuror Christoph Waltz so allein, als käme sie aus einer anderen Welt. Als dann doch eine Journalistin das Wort an sie richtete, gratulierte sie ihr zuerst zu einer Oscar-Nominierung, die Gerwig gar nicht bekommen hatte, und dann wollte die Fragerin bloß wissen, ob sie sich für die Filme einer ganz bestimmten amerikanischen Regisseurin interessiere, die auch in Berlin liefen. Und Greta Gerwig sagte ja.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vielleicht wäre Greta Gerwig ja besser als Star zur Berlinale gekommen, zum Beispiel in Wes Andersons Eröffnungsfilm „Grand Budapest Hotel“, in den sie schon deshalb so gut hineingepasst hätte, weil so viele andere großartige Schauspieler mitspielen: Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Edward Norton, Jude Law, Bill Murray, Willem Dafoe, Adrien Brody, Harvey Keitel, Matthieu Amalric, F. Murray Abraham und einige mehr.

          Opulent wie eine Herrentorte

          Wenn das Leben, wie es in „Forrest Gump“ heißt, eine Schachtel Pralinen ist, dann ist „Grand Budapest Hotel“ eine ganze Herrentorte, und dass es in dem Film um nicht viel mehr geht als darum, süße und bittere Bildermassen auf kunstvolle Weise zu schichten, hindert nicht daran, ihn zu genießen. Am Anfang zieht eine Kette von Rückblenden die Erzählung aus der jüngsten Vergangenheit über die achtziger und sechziger bis in die frühen dreißiger Jahre herab. Hier regiert der allmächtige Concierge Gustave (Fiennes) über das titelgebende Grandhotel, das gerade seine letzte Blütezeit erlebt. Als Gustaves langjährige adlige Geliebte Madame D. (Swinton) ermordet wird, erbt der Concierge ein kostbares Renaissancebildnis, das ihm der Sohn der Toten (Brody) jedoch missgönnt.

          Vor der Vorführung schnell noch ein paar Autogramme: Auch Bill Murray spielt in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ mit Bilderstrecke

          Es beginnt ein ebenso kompliziertes wie kurzweiliges Verfolgungs- und Versteckspiel, das durch Schlösser, Klöster, Grüfte, Zuchthäuser und Zugabteile zurück in jene Hotelhalle führt, von der die Geschichte ihren Ausgang nahm. Aber das ist nur die zuckerbäckerische Oberfläche des Films. In Wahrheit geht es in „Grand Budapest Hotel“, wie in allen Filmen Wes Andersons, darum, eine Welt zu erfinden, die sich selbständig neben der Wirklichkeit behauptet.

          Verneigung vor dem Zauber des Gestrigen

          Wenn man wissen will, wie das in diesem Fall aussieht, muss man sich vorstellen, die Coen-Brüder hätten Stefan Zweigs Lebensrückblick „Die Welt von gestern“ mit dem Personal eines Hergé-Comics verfilmt. Es gibt lustige und grausige Schurken, soignierte Butler und brüllende Faschisten, süße Konditorenmädel und stummfilmhafte special effects, und an die Stelle des tapferen Reporters Tim tritt der Lobby-Boy Zero (Tony Revolori), der Gustaves Abenteuer teilt und als alter Mann in der Rahmenhandlung sein Leben erzählt.

          In einer Szene stürzen die beiden auf einem Schlitten von einer Skisprungschanze herab, rasen auf einen Abgrund zu und landen kopfüber im Schnee. Aber natürlich brechen sie sich nichts. Sie sind Figuren eines Traums, den ein verspielter Amerikaner vom alten, versunkenen Vorkriegseuropa träumt, von einem Land namens Zubrowka, das es nie gegeben hat und das gerade deshalb so wunderbar kinematographisch wirkt.

          Noch wunderlicher vielleicht als das reibungslose Funktionieren dieser Spieldosen-Geschichtslandschaft ist die Art, wie Andersons Darsteller in ihre Rollen ein- und untertauchen. Man muss wirklich dreimal hinschauen, um in dem smarten Militärpolizeichef Henckels den Schauspieler Edward Norton und in dem Knastbruder Ludwig den großen Harvey Keitel zu erkennen. Und wenn man nicht wüsste, dass viele Szenen in einem berühmten Görlitzer Jugendstil-Warenhaus und in der nahen Altstadt gedreht wurden, würde man „Grand Budapest Hotel“ für eine Ausgeburt des Studios Babelsberg halten. Es gibt ein Kino, das sich bewusst von der Gegenwart abwendet, um ein Spiel ganz nach seinen eigenen Regeln zu spielen. Man muss es nicht mögen, aber man kann es lieben. Zu diesem Kino gehört Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“.

          Bei der Vorstellung der Jury übrigens wurde der neben Greta Gerwig sitzende Christoph Waltz nach den Unterschieden zwischen Berlin und Cannes gefragt. Zum einen, sagte er, gebe es in Berlin natürlich keinen Strand. Andererseits aber wage sich die Berlinale „weiter ins Unbekannte hinaus“ als die Kollegen an der Croisette. Und: „Das Essen ist in Cannes besser.“ Ein Satz, der eine neue Hauptstadt-Debatte auslösen könnte. Der Kampf der Festivals geht weiter.

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