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Berlinale-Wettbewerb : Lass die Gitarre stecken, Cowboy

Ungezielte Schüsse aus verbogenen Flinten: Mit Filmen mit Robert Pattinson und Hugo Weaving beginnt der Alltag der Berlinale. Gemessen am Anspruch des Filmfestivals beginnt er schwach.

          2 Min.

          Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird Irland von einer verheerenden Hungersnot heimgesucht. Die Kleinpächter, deren Kartoffelernte verfault ist, werden von ihren englischen Grundherren aus ihren Häusern vertrieben. Eine Million Menschen verhungern oder erliegen Krankheiten, eine weitere Million wandert aus nach Amerika. Ein irischer Soldat, der in Afghanistan für die Briten gekämpft hat, findet bei seiner Rückkehr das Haus seiner Familie in einen Schweinestall verwandelt vor. Sein Bruder ist am Galgen, seine Mutter am Fieber gestorben, seine Schwägerin erfriert mit ihren Kindern in ihrem zerstörten Heim. Der Mann wird zum Rächer seines Volkes, er tötet alle, die er für schuldig am Tod seiner Angehörigen hält. Ein anderer ehemaliger Soldat bekommt von den Behörden den Auftrag, den Mörder zu stellen. Aber die Loyalität des Jägers ist brüchig, denn er verdankt dem Mann, den er einfangen soll, sein Leben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Kurz nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts landet ein Mann an der amerikanischen Westküste. Er hat eine Gitarre auf dem Rücken und ein Zwergpony im Schlepptau, er trinkt keinen Whisky und mag keine Huren. Der Mann ist in Liebesdingen unterwegs, er heuert einen Priester als Reisegefährten an, aber als er in der Wildnis einem Trapper begegnet und sofort losballert, ahnt man, dass die Sache kompliziert werden wird.

          Die Frau, die Samuel Alabaster (Robert Pattinson) heiraten will, hat dann ebenfalls eigene Pläne, so dass die Frage der Heirat mit Schießeisen geklärt werden muss. Es geht nicht gut aus für Samuel Alabaster, den Mann mit der Gitarre, aber auch der Priester kriegt sein Teil ab, und dass Penelope, die Frau, um die sich alles dreht, am Ende glücklich in den Sonnenuntergang reitet, kann man gleichfalls nicht behaupten.

          Auf den ersten Blick haben die beiden Wettbewerbsbeiträge „Black 47“ (außer Konkurrenz) und „Damsel“ nichts gemeinsam außer der Tatsache, dass ihre Regisseure, der Engländer Lance Daly und die amerikanischen Brüder David und Nathan Zellner, die Geschichten beide im Postkutschenzeitalter angesiedelt haben. Aber ein Festival ist der Ort, an dem das Unähnliche sich ähnlich wird, und so kann man auch „Damsel“ und „Black 47“ miteinander vergleichen, selbst wenn dabei nur herauskommt, dass jeder auf ganz eigene Weise gescheitert ist. Der eine überträgt die Erzählmuster des Westerns mit ihren schweigenden Killern, Verfolgungsritten und Lagerfeuern auf eine geschichtliche Katastrophe und macht seinen Stoff dadurch kleiner, als er im Kino sein darf. Der andere spielt ein bisschen mit der Bilderwelt des Westens herum und kommt dann zu dem Schluss, dass man nichts davon ernst nehmen muss.

          Mia Wasikowska, die Dame in „Damsel“, schießt aus einer verbogenen Flinte, und dieses Requisit sagt alles über einen Film, der eine Komödie zu sein versucht, weil er in Wahrheit nichts zu erzählen hat. Aber auch die Witze der Zellner-Brüder zünden nicht, weil sie nicht aus den Figuren, sondern nur aus dem Bedürfnis heraus entwickelt sind, 113 Filmminuten irgendwie über die Runden zu bringen. Im Vergleich dazu ist „Black 47“ mit eineinhalb Stunden angenehm kurz und auch sehr viel weniger verschwätzt.

          Marcelo Martinessi stellt mit Ana Ivanova (l.), Margarita Irun und Ana Brun den Film „Las Herederas“ auf der Berlinale vor.
          Marcelo Martinessi stellt mit Ana Ivanova (l.), Margarita Irun und Ana Brun den Film „Las Herederas“ auf der Berlinale vor. : Bild: AFP

          Der dritte Film im Wettbewerb kommt aus Paraguay. „Las Herederas“ handelt von zwei älteren Frauen, die sich in einer ererbten Villa durch den Ausverkauf ihrer Besitztümer durchschlagen. Dann muss die eine wegen Kreditbetrugs ins Gefängnis, und die andere lernt plötzlich ein Leben kennen, vor dem ihre Freundin sie immer abgeschottet hat.

          Das Regiedebüt des aus Asunción stammenden Marcelo Martinessi ist beileibe kein filmischer Meilenstein, aber auf seine ruhige und selbstgenügsame Weise gelingt ihm alles, was er erreichen will. Dazu wirft er treffende Seitenblicke auf ein Land, das auf der Weltkarte des Kinos bislang nur schwache Konturen hat. Im Vergleich zu den anderen Wettbewerbsfilmen ist das viel. Für den Anspruch, den die Berlinale hat, ist es viel zu wenig.

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