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Eröffnung der Berlinale : Ein überirdisches Gespann

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian mit Goldenem Bären Bild: Reuters

Kinokabinettstücke und andere Kleinigkeiten: An diesem Donnerstag wurden die siebzigsten Berliner Filmfestspiele eröffnet. Zum ersten Mal leitet eine Doppelspitze das Festival – und einiges soll anders werden.

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          Eine Kurzgeschichte von Italo Calvino erzählt von einer Hafenstadt in einem Wüstenland, die den Reisenden, die sich ihr vom Meer her nähern, in Gestalt eines Kamels, den Karawanen aus dem Landesinnern dagegen in der Form eines Schiffes erscheint. So kann man auch ein Filmfestival auf zwei verschiedene Arten betrachten. Für die Filmschaffenden, die aus aller Welt anreisen, ist es eine Bühne, auf der sie ihre Werke ins Licht der Öffentlichkeit stellen können. Für das Publikum dagegen, das diese Werke zehn Tage lang begutachten darf, ist das Festival vor allem ein Schauspiel, ein aus vielen Auftritten zusammengesetztes Ganzes, eine Aufführung, die so kein zweites Mal stattfindet. Und diese Aufführung braucht einen Regisseur.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vor drei Wochen stand Carlo Chatrian, der neue künstlerische Direktor der Berliner Filmfestspiele, auf einem Podium im Haus der Bundespressekonferenz und präsentierte die Filme des Wettbewerbs. Er las nicht nur ihre Titel vor, sondern sagte zu jedem einzelnen Beitrag ein paar Sätze, erklärte, warum er diesen Regisseur und jene Regisseurin aufregend und ihre Arbeiten passend für das Hauptprogramm des Festivals fand. Das hatte es auf der Berlinale noch nicht gegeben: einen Festivalchef, der seine Auswahl nicht bloß bekanntgab, sondern begründete. Dann kündigte Chatrian auch noch die neue Reihe „Encounters“ an, die er persönlich kuratiert und für die er drei eigene Preise erfunden hatte, um „neue Stimmen des Kinos zu unterstützen“, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt.

          Vom Großereignis zum kuratierten Event

          Die Berlinale, die seit diesem Donnerstag zum siebzigsten Mal stattfindet, hat als Vehikel des Kalten Krieges angefangen, als Forum der Ost-West-Versöhnung weitergemacht und im Zeichen der filmischen Globalisierung das neue Jahrtausend erreicht. Mit Chatrian und seiner Kodirektorin Mariette Rissenbeek, die als Geschäftsführerin fungiert, tritt das Festival, wenn nicht alles täuscht, in ein neues Entwicklungsstadium ein. Vom ständig expandierenden Großereignis, das unter seinem vorigen Direktor Dieter Kosslick oft vor allem durch die Menge der Filme auffiel, die es in die Kinos, und die Zahl der Stars, die es vor die Fernsehkameras brachte, wird es zum kuratierten Kultur-Event, bei dem die Handschrift des Direktors ebenso bedeutsam ist wie die des einzelnen Künstlers.

          Chatrian hat den Spielraum, den ihm die Teilung der Leitungsfunktionen eröffnete, klug genutzt, er hat den Wettbewerb und die Retrospektive ausgedünnt, zwei Nebenreihen eingestellt und die Gesamtzahl der gezeigten Filme von vierhundert auf dreihundertvierzig gesenkt, ohne deshalb an den Kinovorstellungen zu sparen. Jene Produktionen, die früher vor allem deshalb um den Goldenen Bären konkurrierten, damit ihre Darsteller über den roten Teppich laufen konnten, werden sämtlich als „Berlinale Special“ und „Special Gala“ gezeigt. Das heißt noch nicht, dass die Auswahl automatisch besser ist, aber sie ist klarer strukturiert, der Wettbewerb deutlicher vom übrigen Programm abgesetzt.

          Die Risiken dieser Reform liegen auf der Hand. In den neunziger Jahren liefen manchmal bis zu acht Hollywood-Produktionen im Berlinale-Wettbewerb, diesmal ist es keine einzige. Wenn Johnny Depp, Sigourney Weaver und Roberto Benigni wie versprochen vor dem Festivalpalast posieren, freuen sich die Fotografen, aber einen Auftrieb wie in Venedig und Cannes wird es nicht geben. Die Berlinale war schon immer mehr Pflicht als Feier, doch mit der strengeren Auswahl könnte auch der Blick der Sponsoren und Kulturpolitiker auf das Festival strenger werden. In jedem Fall ist es gut, dass sich Chatrian vorerst auf dessen künstlerische Seite konzentrieren und die kommerzielle seiner Kodirektorin überlassen kann. Der Wettbewerb und die Encounters-Reihe sind Chatrians Inszenierung, und an ihnen vor allem wird man ihn messen müssen.

          Die Frau, die liest: Sigourney Weaver als Literaturagentin in „My Salinger Year“, dem Eröffnungsfilm der Berlinale

          Der Film, der gestern Abend die Berlinale eröffnete, läuft nicht im Wettbewerb, und das ist auch gut so. Philippe Falardeaus „My Salinger Year“ hat viele unübersehbare Qualitäten, aber ihm fehlt jeder Wille zur ästhetischen Radikalität (was auch schon wieder eine Qualität ist), und die Problemlage vor der Kamera ist ebenfalls ziemlich übersichtlich.

          Strapaziös und bestrickend

          Die junge Joanna (Margaret Qualley) nimmt in den neunziger Jahren einen Job bei einer alteingesessenen New Yorker Literaturagentin (Sigourney Weaver) an, deren wichtigster Klient der vor aller Welt verborgen lebende Autor des „Fängers im Roggen“ ist. Eigentlich will Joanna selbst Romane schreiben, aber als sie den Auftrag bekommt, J. D. Salingers Fanpost zu verwalten, kann sie der Versuchung nicht widerstehen, auf einige der Briefe persönlich zu antworten, statt den Absendern die übliche Standard-Absage zu schicken. Es dauert ein ganzes Jahr, ehe Joanna sich entschließt, die Agentur wieder zu verlassen und ihrer wahren Berufung zu folgen, und der Film begleitet sie auf diesem Weg zu sich selbst mit einer Geduld, die manchmal strapaziös und manchmal bestrickend ist.

          Wäre „My Salinger Year“ ein Film von Woody Allen, würde man von einem Alterswerk sprechen. Bei dem dreißig Jahre jüngeren Kanadier Falardeau, der sich geradezu unverschämt sicher auf Woody-Allen-Territorium bewegt, muss man eher von einem Kabinettstück reden. Was den Film am Ende vor der schieren Kinogemütlichkeit bewahrt, ist nicht die Story von Joanna Rakoff, die tatsächlich für Salinger gearbeitet hat, sondern die Besetzung. Margaret Qualley – eine Tochter von Andie MacDowell – als Joanna ist hinreißend; und Sigourney Weaver ist überirdisch. Diesen beiden hundert Minuten lang zuschauen zu dürfen ist das reine Geschenk, und wenn die Berlinale noch mehr solche Überraschungen parat hat, kann sie nur gewinnen.

          Der auf kleiner Flamme weiterköchelnde Skandal um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivaldirektors Alfred Bauer ist damit natürlich nicht vom Tisch, und auch das Gemunkel um die verbalen Ausrutscher des Jurypräsidenten Jeremy Irons könnte bei entsprechender Unvorsichtigkeit wiederaufleben. Trotzdem haben Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek die kritische Sympathie verdient, die zu jedem echten Neuanfang gehört. Es liegt schließlich nicht nur an ihnen, ob die Berlinale als Kamel erscheint, das die ausgetretenen Pfade weitertrottet, oder als Schiff, das auf den wilden Meeren der filmischen Zukunft kreuzt. Sondern auch an uns.

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