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Eröffnung der Berlinale : Ein überirdisches Gespann

Die Risiken dieser Reform liegen auf der Hand. In den neunziger Jahren liefen manchmal bis zu acht Hollywood-Produktionen im Berlinale-Wettbewerb, diesmal ist es keine einzige. Wenn Johnny Depp, Sigourney Weaver und Roberto Benigni wie versprochen vor dem Festivalpalast posieren, freuen sich die Fotografen, aber einen Auftrieb wie in Venedig und Cannes wird es nicht geben. Die Berlinale war schon immer mehr Pflicht als Feier, doch mit der strengeren Auswahl könnte auch der Blick der Sponsoren und Kulturpolitiker auf das Festival strenger werden. In jedem Fall ist es gut, dass sich Chatrian vorerst auf dessen künstlerische Seite konzentrieren und die kommerzielle seiner Kodirektorin überlassen kann. Der Wettbewerb und die Encounters-Reihe sind Chatrians Inszenierung, und an ihnen vor allem wird man ihn messen müssen.

Die Frau, die liest: Sigourney Weaver als Literaturagentin in „My Salinger Year“, dem Eröffnungsfilm der Berlinale

Der Film, der gestern Abend die Berlinale eröffnete, läuft nicht im Wettbewerb, und das ist auch gut so. Philippe Falardeaus „My Salinger Year“ hat viele unübersehbare Qualitäten, aber ihm fehlt jeder Wille zur ästhetischen Radikalität (was auch schon wieder eine Qualität ist), und die Problemlage vor der Kamera ist ebenfalls ziemlich übersichtlich.

Strapaziös und bestrickend

Die junge Joanna (Margaret Qualley) nimmt in den neunziger Jahren einen Job bei einer alteingesessenen New Yorker Literaturagentin (Sigourney Weaver) an, deren wichtigster Klient der vor aller Welt verborgen lebende Autor des „Fängers im Roggen“ ist. Eigentlich will Joanna selbst Romane schreiben, aber als sie den Auftrag bekommt, J. D. Salingers Fanpost zu verwalten, kann sie der Versuchung nicht widerstehen, auf einige der Briefe persönlich zu antworten, statt den Absendern die übliche Standard-Absage zu schicken. Es dauert ein ganzes Jahr, ehe Joanna sich entschließt, die Agentur wieder zu verlassen und ihrer wahren Berufung zu folgen, und der Film begleitet sie auf diesem Weg zu sich selbst mit einer Geduld, die manchmal strapaziös und manchmal bestrickend ist.

Wäre „My Salinger Year“ ein Film von Woody Allen, würde man von einem Alterswerk sprechen. Bei dem dreißig Jahre jüngeren Kanadier Falardeau, der sich geradezu unverschämt sicher auf Woody-Allen-Territorium bewegt, muss man eher von einem Kabinettstück reden. Was den Film am Ende vor der schieren Kinogemütlichkeit bewahrt, ist nicht die Story von Joanna Rakoff, die tatsächlich für Salinger gearbeitet hat, sondern die Besetzung. Margaret Qualley – eine Tochter von Andie MacDowell – als Joanna ist hinreißend; und Sigourney Weaver ist überirdisch. Diesen beiden hundert Minuten lang zuschauen zu dürfen ist das reine Geschenk, und wenn die Berlinale noch mehr solche Überraschungen parat hat, kann sie nur gewinnen.

Der auf kleiner Flamme weiterköchelnde Skandal um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivaldirektors Alfred Bauer ist damit natürlich nicht vom Tisch, und auch das Gemunkel um die verbalen Ausrutscher des Jurypräsidenten Jeremy Irons könnte bei entsprechender Unvorsichtigkeit wiederaufleben. Trotzdem haben Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek die kritische Sympathie verdient, die zu jedem echten Neuanfang gehört. Es liegt schließlich nicht nur an ihnen, ob die Berlinale als Kamel erscheint, das die ausgetretenen Pfade weitertrottet, oder als Schiff, das auf den wilden Meeren der filmischen Zukunft kreuzt. Sondern auch an uns.

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