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Was bleibt von der Berlinale 2016? : Die Geburt einer Nation

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Bild: AP

Eine gutgelaunte Lektion von Michael Moore, ein Lebenszeichen von Spike Lee, starke moralische Reibungshitze und ein Achtstundentag mit Lav Diaz – vier Blicke auf das, was von der Berlinale bleibt.

          6 Min.

          Dafür, dass Michael Moores jüngster Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015 ist, wirkt er erstaunlich inaktuell. Er spielt in Europa, wo der Filmemacher in unterschiedlichen Ländern friedlich „einfällt“, um die besten Ideen dieses Kontinents in seine Heimat zu importieren. Und das Europa, das er zeigt, ist so idyllisch und idealistisch, so freundlich, fortschrittlich und mitmenschlich, dass man fast weinen möchte, weil all die vielen Probleme, von denen wir täglich in der Zeitung lesen, falls wir nicht etwa in Moabit leben und sie mit unseren eigenen Augen sehen können, ausgeblendet sind. Wie schön wäre es, wenn es hier wirklich so schön wäre. Aber vielleicht ist es das ja, jedenfalls auch, und wir brauchen einen Amerikaner, um das wieder zu sehen?

          Eigentlich richtet sich „Where to Invade Next“, der am Donnerstag ganz normal ins Kino kommt, an ein amerikanisches Publikum, idealerweise sogar an die, die dort das Sagen haben, die eine gesetzliche Krankenversicherung einführen könnten und dafür sorgen, dass Studieren nichts kostet, aber von vielen der guten europäischen Dinge hat in dieser Häufung vermutlich auch nicht jeder Europäer gehört. In Portugal wird niemand wegen Drogenbesitzes verhaftet. In Island gibt es eine beidseitige Geschlechterquote von 40 Prozent in Führungsetagen, die auch dafür sorgt, dass nirgends mehr als 60 Prozent Frauen sitzen. In Norwegen geht es bei Haftstrafen so menschlich zu, dass selbst im Hochsicherheitstrakt die Insassen selbst die Schlüssel zu ihrer Zelle haben – und dennoch gibt es nur eine Rückfallquote der Straffälligen von 20 Prozent (in den Vereinigten Staaten 80 Prozent). Und in Finnland sagen die rührendsten Lehrer, die ich je sah, einhellig, das Wichtigste, was sie ihren Schülern beibringen wollten, sei es, glückliche Menschen zu werden.

          In Deutschland bewundert Moore, wie anständig hier Angestellte behandelt werden, nicht zuletzt durch die Macht der Gewerkschaften. Und findet es vorbildlich, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht. Dass das im Schulunterricht auf dem Lehrplan steht, dass es Stolpersteine gibt (außer in München). „Warum stehen nicht auch wir zu unseren Sünden?“, fragt er sich beziehungsweise sein Land. Sich dazu zu bekennen, wer und was man ist, sei der erste Schritt zur Heilung. „Ich bin Amerikaner“, hört man ihn sagen, während historische Bilder einer Sklavenverbrennung zu sehen sind. „Ich lebe in einem großartigen Land, das mit Völkermord geboren wurde und auf dem Rücken von Sklaven erbaut.“

          Wie immer setzt er effektiv Musik ein, schreckt vor Klischees nicht zurück – und macht trotz leichter Ungenauigkeiten sehr überzeugend seinen Punkt. Was diesen Filmemacher wohl vor allem auszeichnet und auch diesen Film sehenswert macht, ist seine Empathie. Moore hört zu, kann Pausen aushalten, tritt mit den Menschen, mit denen er spricht, wirklich in Kontakt. Ach so, und lustig ist er auch. Johanna Adorján

          Lysistrata in Chicago: Teyonah Parris

          Gut, schlecht, gelungen, Genre verfehlt – es gibt Filme, bei denen diese Fragen einfach nur wahnsinnig uninteressant sind. Von Spike Lee hatte man nicht gerade viel erwartet, seine letzten Filme waren langweilig geworden, selbst ein smarter Bankraub-Thriller wie „Inside Man“ (2005) wirkte nicht mehr wie ein „Spike Lee Joint“. Wenn man etwas von ihm hörte, dann sprach er über Rasse, Klasse und Politik. Dass Hollywood ihm den Oscar für sein Lebenswerk zuerkannte, konnte man auch als grausame Prognose der Branche lesen: Da kommt wohl nichts mehr. Außer dem Protest gegen die Nichtberücksichtigung afroamerikanischer Künstler bei den Oscar-Nominierungen – und dem Boykott der Gala.

          Und dann steht da auf einmal im Kino ein Mann im orangefarbenen Dreiteiler mit Krawatte in Orange, Schwarz und Grün und mit einem Stock, es ist Samuel L. Jackson, wie ein Zuhälter aus dem Malbuch, er ist der Ein-Mann-Chor, er begleitet uns durch „Chi-Raq“, er rappt durch den Film.

          „Chi-Raq“ steht für die Kombination von Chicago und Irak, für die blutigen Bandenkriege im Süden der Stadt, wo Schwarze auf Schwarze schießen. Chi-Raq heißt auch der Anführer einer der Gangs. Es ist der erste Film, den Amazon produziert hat, wo man offenbar im Stadium des Aufbruchs noch mehr Mut hat als bei den Majors. Der politische Prediger Lee hat seine Stimme wiedergefunden, laut, volltönend, mit scharfer Rhetorik, oft plakativ, aber mit viel Drive und Rhythmus, mit dem Wummern der Bässe, den hämmernden Beats und umwerfend gut aussehenden Frauen, allen voran Teyonah Parris als Chi-Raqs Freundin Lysistrata – ja, genau, wie die Titelfigur aus der mehr als 2400 Jahre alten Komödie des Aristophanes über die Athenerinnen und Spartanerinnen, die in den Sexstreik treten, weil ihre Männer nicht aufhören, Krieg zu führen. Angeleitet von einer weisen alten Aktivistin (Angela Bassett), organisiert Lysistrata die Verweigerung, und die ist effektiv, weil die Homies sich nur für Waffen und Sex interessieren. „No Peace, No Pussy“ heißt der Slogan, und durch abgeschnittene Jeans und superknappe Tops verleihen sie ihm Nachdruck.

          Es geht wild zu, sehr bunt und wild durcheinander, es fließen Blut und Tränen. Klar wird bisweilen mit dem Hammer philosophiert, zwischen gereimten Dialogen, Musicalnummern, Melodramasplittern und statistischen Einschüssen, welche die Zahl der Toten im Irakkrieg und jene der Mordopfer in Chicago gegeneinanderstellen. Es ist ein Zickzackkurs auf gutem Soundteppich, brachial, riskant, eklektisch, öfter großartig als nervig. Vor allem jedoch ist dieser Film ein Zeichen ungebrochener Vitalität. Nach zwei Stunden weiß man wieder, was das ist: „A Spike Lee Joint“. Peter Körte

          Moralischer Spiegel: Julia Jentsch im deutschen Wettbewerbsbeitrag „24 h“

          Das war eine ziemlich moralische Berlinale, in ihren besten und in ihren schwierigsten Momenten: häufige Hinweise auf vergossene Tränen im Premierensaal, viel „richtig oder falsch“ auf der Leinwand, bei Pressekonferenzen immer wieder Appelle. Weil aber Film und Moral selten zusammenpassen, waren zwei der besten Filme im Wettbewerb solche, die existentielle Fragen verhandeln, ohne selbst irgendeinen Imperativ zu kennen.

          Darf man sein Kind abtreiben, im sechsten, siebten Monat noch, weil es eine starke Behinderung und „wahrscheinlich kein schönes Leben haben wird“, wie Astrid (Julia Jentsch) es der gesunden Tochter erklärt, die sie schon hat? Das fragt sich die erfolgreiche Kabarettistin, die dieses schöne Leben bisher hatte, in Anne Zohra Berracheds Abschlussfilm „24 Wochen“, und das fragt der Film natürlich auch die Zuschauer, quält einen (manche sagen: manipuliert) mit großen, grobkörnigen Ultraschallbildern und mit Julia Jentschs Gesicht, das einen von der Leinwand immer wieder direkt ansieht. Aber natürlich ist das eine unmögliche Entscheidung, und weil das auch der Film weiß, manipuliert er einen auch immer nur in eine Richtung: hin zur unbedingten Empathie, der Königsdisziplin des Kinos.

          Wo „24 Wochen“ in Nahaufnahme streitet, schreit und weint, schweigt „Soy Nero“ von Rafi Pitts meist in Breitbild. Und entfernt sich, das ist das Kunststück, trotzdem kein bisschen von seiner Hauptfigur. Nero, 17 Jahre alt, in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und dann nach Mexiko abgeschoben, spricht wenig; wenn, dann allerdings mit perfektem amerikanischem Akzent – was ihm wenig nützt, weil er für die Kategorien des racial profiling trotzdem immer ein Latino bleibt. „Boundaries are important“, sagt der Mann, der ihn im Auto mit nach Los Angeles nimmt, und zeigt ihm seine Waffe. Überall sieht man Grenzen, und wer sie wann passieren darf – oder eben nicht. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, natürlich, dann die um das Wohnhaus seines Bruders, die ihn vor Polizeikontrollen schützt, sobald er drin ist, und schließlich muss er, welch eine Ironie, als Greencard Soldier selbst gewaltsam eine Grenze sichern. Er, der sich wegen eines falschen Ausweises inzwischen Jesús nennt, zusammen mit dem Soldaten Mohammed – eine der vielen Symboliken des Films, die ihn aber gar nicht beschweren. „Soy Nero“ erzählt leichtfüßig, elegant und schön. Und diese merkwürdig abstrakte Schönheit, die aus all den konkreten, gemeinen Vorgängen entsteht – das ist der moralische Beitrag, für den das Kino gemacht ist. Julia Dettke

          „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ erzählt von der gescheiterten philippinischen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts.

          Jedes Gemeinwesen braucht so etwas wie ein „Birth of a Nation“, wobei man an dem klassischen Beispiel von D.W. Griffith sieht, dass erst die Revisionen des Gründungsmythos (in Amerika aktuell durch die gleichnamige Überschreibung von Nate Parker) diesen bedeutsam erhalten. Man geht nicht zu weit, wenn man den achtstündigen „Hele Sa Hiwagang Hapis“ („A Lullaby to the Sorrowful Mystery“) von Lav Diaz als eine Betrachtung über die Geburt der philippinischen Nation sieht – wobei die Mythen hier zugleich im Stadium ihres Entstehens und ihrer kritischen Revision zu sehen sind. Zufällig war gerade der Kinematograph erfunden worden, als die indigenen Bewohner des südostasiatischen Archipels sich 1896 gegen die Spanier zu erheben begannen. So kommt es im Film auch zu einer Filmvorführung, die wiederum, unter den besonderen Bedingungen einer Gala im Berlinale-Palast, die zugleich eine Pressevorführung war, höchst eigentümliche Resonanzen ergab. Das Festival hatte sich mit diesem Beitrag bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gestreckt, denn wenn ein Film im Wettbewerb läuft, dann braucht es ja die ganze Prozedur: roter Teppich, Defilee im Saal, Scheinwerfer auf die Stars.

          Die Filme von Lav Diaz aber sind dafür schlecht geeignet (auch wenn sie allen Glamour verdienen): Sie verlangen nach Konzentration, es ist immer auch ein Exerzitium, sich diesen Erzählungen auszusetzen, die oft mehr Meditationen sind und zu denen es seit seinem Meisterwerk „Evolution einer philippinischen Familie“ (2004) schon das Stichwort gibt. Ein evolutionäres Tempo bestimmt die Arbeiten von Lav Diaz auch dann, wenn es um eine Revolution geht wie im aktuellen Fall. Fast schon könnte man sich an „Game of Thrones“ erinnert fühlen, wo die Machtfrage in einem mythischen Reich durch endlose Quests, die konkret meist Fußwanderungen sind, gelöst wird (noch ist sie ja offen). Bei Lav Diaz sehen wir Pilger auf dem Weg zu einem Ursprung, der immer schon durch Verrat verdorben ist, und ob es einen reinigenden Opfergang geben kann, das verliert sich in der Klage ominöser „Weißer“, die in einer Höhle die Riten der Kolonialherren seltsam inkulturieren. Die Philippinen kreißen immer noch, und Lav Diaz ist der Mäeut dieser schwersten aller Geburten – eines freien Staates. Bert Rebhandl

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