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Was bleibt von der Berlinale 2016? : Die Geburt einer Nation

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Wo „24 Wochen“ in Nahaufnahme streitet, schreit und weint, schweigt „Soy Nero“ von Rafi Pitts meist in Breitbild. Und entfernt sich, das ist das Kunststück, trotzdem kein bisschen von seiner Hauptfigur. Nero, 17 Jahre alt, in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und dann nach Mexiko abgeschoben, spricht wenig; wenn, dann allerdings mit perfektem amerikanischem Akzent – was ihm wenig nützt, weil er für die Kategorien des racial profiling trotzdem immer ein Latino bleibt. „Boundaries are important“, sagt der Mann, der ihn im Auto mit nach Los Angeles nimmt, und zeigt ihm seine Waffe. Überall sieht man Grenzen, und wer sie wann passieren darf – oder eben nicht. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, natürlich, dann die um das Wohnhaus seines Bruders, die ihn vor Polizeikontrollen schützt, sobald er drin ist, und schließlich muss er, welch eine Ironie, als Greencard Soldier selbst gewaltsam eine Grenze sichern. Er, der sich wegen eines falschen Ausweises inzwischen Jesús nennt, zusammen mit dem Soldaten Mohammed – eine der vielen Symboliken des Films, die ihn aber gar nicht beschweren. „Soy Nero“ erzählt leichtfüßig, elegant und schön. Und diese merkwürdig abstrakte Schönheit, die aus all den konkreten, gemeinen Vorgängen entsteht – das ist der moralische Beitrag, für den das Kino gemacht ist. Julia Dettke

„Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ erzählt von der gescheiterten philippinischen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts.

Jedes Gemeinwesen braucht so etwas wie ein „Birth of a Nation“, wobei man an dem klassischen Beispiel von D.W. Griffith sieht, dass erst die Revisionen des Gründungsmythos (in Amerika aktuell durch die gleichnamige Überschreibung von Nate Parker) diesen bedeutsam erhalten. Man geht nicht zu weit, wenn man den achtstündigen „Hele Sa Hiwagang Hapis“ („A Lullaby to the Sorrowful Mystery“) von Lav Diaz als eine Betrachtung über die Geburt der philippinischen Nation sieht – wobei die Mythen hier zugleich im Stadium ihres Entstehens und ihrer kritischen Revision zu sehen sind. Zufällig war gerade der Kinematograph erfunden worden, als die indigenen Bewohner des südostasiatischen Archipels sich 1896 gegen die Spanier zu erheben begannen. So kommt es im Film auch zu einer Filmvorführung, die wiederum, unter den besonderen Bedingungen einer Gala im Berlinale-Palast, die zugleich eine Pressevorführung war, höchst eigentümliche Resonanzen ergab. Das Festival hatte sich mit diesem Beitrag bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gestreckt, denn wenn ein Film im Wettbewerb läuft, dann braucht es ja die ganze Prozedur: roter Teppich, Defilee im Saal, Scheinwerfer auf die Stars.

Die Filme von Lav Diaz aber sind dafür schlecht geeignet (auch wenn sie allen Glamour verdienen): Sie verlangen nach Konzentration, es ist immer auch ein Exerzitium, sich diesen Erzählungen auszusetzen, die oft mehr Meditationen sind und zu denen es seit seinem Meisterwerk „Evolution einer philippinischen Familie“ (2004) schon das Stichwort gibt. Ein evolutionäres Tempo bestimmt die Arbeiten von Lav Diaz auch dann, wenn es um eine Revolution geht wie im aktuellen Fall. Fast schon könnte man sich an „Game of Thrones“ erinnert fühlen, wo die Machtfrage in einem mythischen Reich durch endlose Quests, die konkret meist Fußwanderungen sind, gelöst wird (noch ist sie ja offen). Bei Lav Diaz sehen wir Pilger auf dem Weg zu einem Ursprung, der immer schon durch Verrat verdorben ist, und ob es einen reinigenden Opfergang geben kann, das verliert sich in der Klage ominöser „Weißer“, die in einer Höhle die Riten der Kolonialherren seltsam inkulturieren. Die Philippinen kreißen immer noch, und Lav Diaz ist der Mäeut dieser schwersten aller Geburten – eines freien Staates. Bert Rebhandl

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