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Was bleibt von der Berlinale 2016? : Die Geburt einer Nation

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Und dann steht da auf einmal im Kino ein Mann im orangefarbenen Dreiteiler mit Krawatte in Orange, Schwarz und Grün und mit einem Stock, es ist Samuel L. Jackson, wie ein Zuhälter aus dem Malbuch, er ist der Ein-Mann-Chor, er begleitet uns durch „Chi-Raq“, er rappt durch den Film.

„Chi-Raq“ steht für die Kombination von Chicago und Irak, für die blutigen Bandenkriege im Süden der Stadt, wo Schwarze auf Schwarze schießen. Chi-Raq heißt auch der Anführer einer der Gangs. Es ist der erste Film, den Amazon produziert hat, wo man offenbar im Stadium des Aufbruchs noch mehr Mut hat als bei den Majors. Der politische Prediger Lee hat seine Stimme wiedergefunden, laut, volltönend, mit scharfer Rhetorik, oft plakativ, aber mit viel Drive und Rhythmus, mit dem Wummern der Bässe, den hämmernden Beats und umwerfend gut aussehenden Frauen, allen voran Teyonah Parris als Chi-Raqs Freundin Lysistrata – ja, genau, wie die Titelfigur aus der mehr als 2400 Jahre alten Komödie des Aristophanes über die Athenerinnen und Spartanerinnen, die in den Sexstreik treten, weil ihre Männer nicht aufhören, Krieg zu führen. Angeleitet von einer weisen alten Aktivistin (Angela Bassett), organisiert Lysistrata die Verweigerung, und die ist effektiv, weil die Homies sich nur für Waffen und Sex interessieren. „No Peace, No Pussy“ heißt der Slogan, und durch abgeschnittene Jeans und superknappe Tops verleihen sie ihm Nachdruck.

Es geht wild zu, sehr bunt und wild durcheinander, es fließen Blut und Tränen. Klar wird bisweilen mit dem Hammer philosophiert, zwischen gereimten Dialogen, Musicalnummern, Melodramasplittern und statistischen Einschüssen, welche die Zahl der Toten im Irakkrieg und jene der Mordopfer in Chicago gegeneinanderstellen. Es ist ein Zickzackkurs auf gutem Soundteppich, brachial, riskant, eklektisch, öfter großartig als nervig. Vor allem jedoch ist dieser Film ein Zeichen ungebrochener Vitalität. Nach zwei Stunden weiß man wieder, was das ist: „A Spike Lee Joint“. Peter Körte

Moralischer Spiegel: Julia Jentsch im deutschen Wettbewerbsbeitrag „24 h“

Das war eine ziemlich moralische Berlinale, in ihren besten und in ihren schwierigsten Momenten: häufige Hinweise auf vergossene Tränen im Premierensaal, viel „richtig oder falsch“ auf der Leinwand, bei Pressekonferenzen immer wieder Appelle. Weil aber Film und Moral selten zusammenpassen, waren zwei der besten Filme im Wettbewerb solche, die existentielle Fragen verhandeln, ohne selbst irgendeinen Imperativ zu kennen.

Darf man sein Kind abtreiben, im sechsten, siebten Monat noch, weil es eine starke Behinderung und „wahrscheinlich kein schönes Leben haben wird“, wie Astrid (Julia Jentsch) es der gesunden Tochter erklärt, die sie schon hat? Das fragt sich die erfolgreiche Kabarettistin, die dieses schöne Leben bisher hatte, in Anne Zohra Berracheds Abschlussfilm „24 Wochen“, und das fragt der Film natürlich auch die Zuschauer, quält einen (manche sagen: manipuliert) mit großen, grobkörnigen Ultraschallbildern und mit Julia Jentschs Gesicht, das einen von der Leinwand immer wieder direkt ansieht. Aber natürlich ist das eine unmögliche Entscheidung, und weil das auch der Film weiß, manipuliert er einen auch immer nur in eine Richtung: hin zur unbedingten Empathie, der Königsdisziplin des Kinos.

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