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Filme auf der Berlinale 2017 : Starke Frauen mit Geheimnissen

Véro Tshanda Beya und Papi Mpaka in „Félicité“ Bild: Andolfi

Verschlossen, mutig und gegen alle Widerstände: In den Filmen „Félicité“ und „Una mujer fantástica“ müssen zwei Frauen die Kämpfe ihres Lebens ausfechten.

          3 Min.

          Im besten Fall ist ein Filmfestival eine Welterweiterungsveranstaltung, die den Kopf, die Sinne und auch das Herz für Landschaften, Figuren, Geschichten öffnet, die etwas ganz Neues erzählen. Manchmal allerdings macht sich auch der gegenteilige Effekt bemerkbar, und die Welt scheint zu schrumpfen - auf bekannte Geschichten mit bekannten Gesichtern, in bekannter Weise dargeboten. Das riesige Programm der Berlinale bietet beides, wobei traditionell im Wettbewerb die Welt eher schrumpft, während sie sich in den anderen Programmschienen häufiger weitet. Die Frage ist, wie glücklich die Filme verteilt sind (auf die Sektionen, die Anfangszeiten, die Abspielorte) und ob die Welterweiterung, wenn man es auf sie abgesehen hat, auf den zweiten Blick nicht nur altes Zeugs in neuer Verpackung ist.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesem Jahr weitete sich am Wochenende die Welt auch im Wettbewerb. Zum Beispiel in „Félicité“ von Alain Gomis, der sich als franco-bissau-guineisch-senegalesischer Filmemacher bezeichnet, geboren und wohnhaft in Paris.

          Kinshasa. Die unzementierten Straßen und niedrigen Häuser des Viertels, in dem der Film spielt, lassen weder vermuten, dass wir uns in einer Stadt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern befinden, noch dass irgendwo hier in der Nähe Museen, Botschaften oder Flughäfen gebaut wurden. Die Menschen sind auf sich allein gestellt. Sie trinken viel. Sie bestehlen einander vielleicht. Wenn einer von ihnen stirbt, spenden die anderen für die Beerdigung. Unter den Lebenden ist die Unterstützung nicht immer so groß. Jeder sieht, wo er bleibt. Aber als einmal ein uniformierter Verkehrspolizist mitten auf einem staubigen Platz, der nur durch ihn als Kreuzung gekennzeichnet wird, den Arm hebt und heftig in seine Trillerpfeife bläst, bleiben alle stehen, die Radfahrer, die Fußgänger, die Autos, die Motorroller. Ein absurder Augenblick, als sei das Leben in dieser Gegend eine surrealistische Performance. Einen Kühlschrank zu reparieren dauert länger als die Geschichte des ganzen Films.

          Es ist die Geschichte der Sängerin Félicité, die in einer Bar mit einer Band Musik macht, eine Mischung aus verschiedenen traditionellen und zusammengemixten Formen, die tanzbar ist, ekstatisch manchmal, oft traurig, fast immer von Melancholie durchzogen. Félicité läuft unantastbar aufrecht durch die Welt, verdient gut, setzt sich durch. Bis einer ihrer Söhne einen Motorradunfall hat und schwer verletzt im Krankenhaus liegt, aber erst operiert wird, wenn sie eine Million Kongo-Dollar herbeigeschafft hat. Was ihr nicht gelingt. Ihr Sohn verliert ein Bein.

          Das Gesicht dieser Frau, gespielt von Véro Tshanda Beya, ist unvergesslich. Ernste Augen, manchmal mit einem Anflug von Ironie, manchmal mit einer Spur Hochmut darin, plötzlich dann fast vollkommen tot. Sie bewegt sich schnell, während ihr die Kamera im Nacken sitzt, entschlossen, sie zögert nicht, einen Polizisten einzuschalten, um ausstehende Honorare einzutreiben, einen Polizisten, den sie dann bezahlen muss. Tabu (Papi Mpaka), ein oft betrunkener Mann, der ihr Liebeserklärungen macht, aber mit anderen Frauen abzieht, wird ein Gefährte, der Wald, der die staubige Straße umgibt, eine Zuflucht, der Fluss, der durch ihn fließt, ein Todesort vielleicht. Die Nächte im Wald sind mythische Augenblicke, in denen sich Félicité in ein Zwischenreich begibt, aus dem Tabu sie einige Mal wieder herausholt.

          Die Welt, die sich hier öffnet, ist auch die der Musik des Kollektivs Kasai Allstars, in dem sich Musiker aus Bands verschiedener kongolesischer Ethnien zusammengeschlossen haben. Dagegen steht ein Stück von Arvo Pärt, das ein symphonisches Amateurorchester in einem Zelt spielt, irgendwo, einfach so, ernst, versunken, konzentriert. Am Ende wissen wir, dass wir diese Welt nicht begreifen werden, weil sie keine Struktur durchzieht, die wir durchschauen könnten. Spurenlesen führt nirgendwo hin. Die Welt von Félicité verschließt sich wieder, aber ihr Bild, das bleibt.

          Wie auch das Bild der „phantastischen Frau“, der Titelfigur von Sebastian Lelios Beitrag aus Chile, ebenfalls im Wettbewerb und gespielt von Daniela Vega. Sie heißt Marina, und auch sie singt, mal Schlager in Bars, am Ende auch Händel im Konzertsaal. Dazwischen liegt eine Leidensgeschichte, gegen die sich Marina mit allem wehrt, das ihr zur Verfügung steht, weil sie ein großes Leid bereits hinter sich hat - vermuten wir. Marina ist transsexuell, und mit dem zwanzig Jahre älteren Orlando ist sie glücklich. Aber Orlando stirbt, da ist der Film noch keine Viertelstunde alt. Und für den Rest der Zeit setzt seine Familie alles daran, um Marina zu demütigen, auszuschließen und zu kriminalisieren. Marina widersteht. Ihr Gesicht undurchdringlich, ihre Haltung aufrecht, ihre Stimme bittend, bestimmt, ohne Weinerlichkeit. Ihr gegenüber werden die anderen, der Sohn, die Exfrau und andere Verwandte des Toten, die Polizisten und Ärzte zu gehässigen, gnadenlosen, selbstgerechten Ungeheuern.

          Ein Mann stirbt, und seine Frau will ihn betrauern. Das ist die ganze Geschichte. In diesem Fall ein Drama. Einmal kommt ein Sturm auf, und mitten in Santiago fliegen die Scheiben aus den Fenstern, die Äste von den Bäumen, und Marina muss sich gegen den Wind stemmen, bis sie fast waagrecht zur Straße lehnt. So ist ihr Leben. Zum Vorspann sahen wir in diesem Film Aufnahmen der gewaltigen Iguazú-Wasserfälle, zu denen Orlando eine Reise geplant, aber die Tickets verlegt hatte. Erst als der Sturm kommt, wissen wir, worauf diese Bilder vorauswiesen.

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