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Deutsche Filme auf der Berlinale : Verloren in Afghanistan

Wahrheit ist nicht nur im Kino eine Frage der Übersetzung: Mohsin Ahmady und Ronald Zehrfeld in „Zwischen Welten“ Bild: dpa

Ästhetischer Überschuss als Mangelware: Feo Aladags Wettbewerbsbeitrag „Zwischen Welten“ ist solide und blutarm - und zwei weitere prominente Produktionen aus Deutschland?

          3 Min.

          Wovon erzählt man eigentlich in einem Film über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan? Zunächst braucht man eine deutsche Hauptfigur, am besten einen Offizier, einen Mann mit Verantwortung und Befehlsgewalt. Dann einen afghanischen Widerpart – keinen Taliban, sondern einen Partner, einen Übersetzer beispielsweise, der für die Deutschen arbeitet, aber zugleich für das Land steht, aus dem er stammt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beide Männer müssten vom Krieg am Hindukusch gezeichnet sein, der eine, weil er einen Bruder, der andere, weil er seinen Vater darin verloren hat; und beide müssten durch den Einsatz, an dem sie teilnehmen, in ein moralisches Dilemma geraten; der Afghane, weil er zwischen seiner Übersetzertätigkeit und seiner Familie, der Deutsche, weil er zwischen seinen Offizierspflichten und der Hilfeleistung für ein verblutendes Mädchen zu wählen hätte.

          Was kann man gegen „Zwischen Welten“ einwenden?

          Das alles sieht man nun in Feo Aladags Wettbewerbsbeitrag „Zwischen Welten“, und man kann dem Film nicht vorwerfen, dass er diese Geschichte auf die leichte Schulter nähme. Er geht sehr gründlich vor, von der Ankunft des Bundeswehrmajors Jesper (Ronald Zehrfeld) über die Einrichtung eines Beobachtungspostens in einem abgelegenen Dorf bis zu den Gefechtsszenen, die für einen Spielfilm dieser Größenordnung unvermeidlich sind.

          Im Dialog: der Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) und der Übersetzer Tarik
          Im Dialog: der Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) und der Übersetzer Tarik : Bild: dpa

          Und er lädt dem Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady) nicht allein die Last auf die Schultern, die afghanische Kultur zu repräsentieren, sondern erfindet auch zu ihm eine Gegenfigur, einen Warlord und Clanführer, der mit seinen Männern den Stützpunkt gegen die Taliban verteidigt, in dem sich die deutsche Truppe niederlässt.

          Was also kann man gegen „Zwischen Welten“ einwenden? Im Grunde nichts, denn der Film tut genau das, was im deutschen Fördersystem möglich ist, er entfaltet einen zeitgenössischen Stoff, spitzt ihn dramatisch zu, setzt ihn kinematographisch um, reichert ihn mit (freilich etwas verwirrend inszenierten) Actionszenen an und führt die Geschichte zu einem für den Zuschauer bedrückenden, aber durchaus realistischen Schluss. Man könnte also restlos glücklich sein über Feo Aladags Film, so wie es die Gremien und Fernsehsender sind, die ihn finanziert haben, das ZDF, die Filmförderungsanstalt, das Medienboard Brandenburg und viele andere.

          Die Frage nach dem, was am Kino im eigentlichen Sinn Kino ist

          Wäre da nicht die Frage nach dem ästhetischen Überschuss der Erzählung, also nach dem, was am Kino im eigentlichen Sinn Kino ist. Denn so erfolgreich der Film sich bemüht, für möglichst jeden Aspekt seiner Thematik einen Stellvertreter im Bild zu haben (bis auf die Taliban, die gesichts- und wortlos bleiben), so austauschbar bleiben die Mittel, mit denen er das alles auf die Leinwand bringt. Hätte man aus dem Recherche-Tagebuch, in dem die Regisseurin tief berührt über die Not und die Ängste der afghanischen Bevölkerung berichtet, nicht die Konsequenz ziehen und der Lebenswelt des Übersetzers mehr Raum in der Geschichte geben können?

          Musste der heimische Warlord wirklich eine solche Schießbudenfigur sein? Und so großartig der schweigsame Ronald Zehrfeld auch hier wieder ist: Warum verliert die Kamera ihn eigentlich immer dann aus dem Blick, wenn es richtig ernst wird? Man kann dem Film noch viele Fragen stellen, aber er wird sie nicht beantworten, denn die Antwort auf alle denkbaren Fragen hat der Vorspann mit den Namen der Fördergremien gegeben: Dies ist es, was im deutschen System des staatlich finanzierten Kinos möglich war. Ein mittlerer Film über ein großes zeitgeschichtliches Thema. Geschenkt? Verschenkt.

          Frau trifft Herumtreiberin: Corinna Kirchhoff und Kathleen Morgeneyer in Maria Speths „Töchter“
          Frau trifft Herumtreiberin: Corinna Kirchhoff und Kathleen Morgeneyer in Maria Speths „Töchter“ : Bild: Madonnen Film

          Und das gilt nicht nur für „Zwischen Welten“, sondern leider auch für viele andere deutsche Produktionen, die abseits des Wettbewerbs auf dem Festival laufen. Maria Speths „Töchter“ etwa, der im „Forum“ gezeigt wird, macht aus einer Muttertragödie ein Soziologieseminar.

          So drehbuchhaft, wie man es sich nur wünschen kann

          Eine Frau (Corinna Kirchhof) sucht in Berlin ihre verschwundene Tochter, stattdessen trifft sie eine Herumtreiberin (Kathleen Morgeneyer), und nun hagelt es Klischees aus der Wohngemeinschaftsküche: hier das wilde, dort das zahme und spießige Leben, hier die Kohle, da die Kunst. Oder Johannes Nabers „Zeit der Kannibalen“ in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“, der ohne das ständige Hantieren an der Story ein wirklich spannender Film geworden wäre: Zwei Unternehmensberater (Sebastian Blomberg und Devid Striesow) sitzen in einer namenlosen afrikanischen Metropole fest und zittern um ihre Jobs, eine Kollegin (Katharina Schüttler) kommt als Supervisorin hinzu, es geht um Geld und Sex auf engstem Raum.

          Drei Kollegen und sehr wenig Platz: Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler und Devid Striesow in „Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber
          Drei Kollegen und sehr wenig Platz: Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler und Devid Striesow in „Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber : Bild: Pascal Schmit

          Aber statt seinen Figuren den Raum zu lassen, sich zu entwickeln, denkt sich Naber immer neue Stolperfallen für sie aus. Man sieht sie straucheln und stürzen, und am Ende bricht die Wirklichkeit durch die Tür, aber da ist der Film auch schon aus: Feierabend. Vor zwanzig Jahren hieß es, es gebe nicht genügend Professionalität im deutschen Kino, man brauche bessere Drehbücher und Plots. Jetzt sind die Filmschüler von damals erwachsen, und ihr Kino ist so drehbuchhaft, wie man es sich nur wünschen kann. Nur lebt es halt nicht. Zeit zum Umdenken.

          Die Regisseurin von „Zwischen den Welten“ Feo Aladag posiert mit den Schauspielern Mohsin Ahmady (links) und Ronald Zehrfeld (rechts)
          Die Regisseurin von „Zwischen den Welten“ Feo Aladag posiert mit den Schauspielern Mohsin Ahmady (links) und Ronald Zehrfeld (rechts) : Bild: dpa

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