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Der vierte Tag der Berlinale : Nach Tadschikistan, mit einem Koffer voller Geld

Froh, wieder in Berlin zu sein: George Clooney Bild: AP

George Clooney wickelt alle um den Finger, Dieter Kosslick erzählt einen Produzententhriller, und eine Fromme überlässt einer Verfallenen die Leinwand: Der vierte Tag der Berlinale.

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          George Clooney ist der beste Verkäufer, den sich der Produzent und der Regisseur des Films „Monuments Men“ nur wünschen können. Wie er im glänzenden hellgrauen Anzug in die Suite im dritten Stock des Berliner Szenehotels Soho House geschlendert kommt, jeder Zoll ein jovialer Kino-Gentleman, hat er die zehn deutschen Journalisten, die sich zum halbstündigen Roundtable-Interview mit dem Star aus Amerika versammelt haben, schon um den Finger gewickelt, ehe überhaupt die erste Frage im Raum steht. Und da Clooney in Personalunion Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller von „Monuments Men“ ist, kann er über den Film reden, ohne auf irgend jemanden Rücksicht nehmen zu müssen, es sei denn auf das eigene Image als Aushängeschild der liberalen Intelligenzia von Hollywood.

          Ein Statement zum Auswendiglernen

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er sei froh, wieder in Berlin zu sein, sagt Clooney, denn hier kümmere man sich wirklich um das Weltkino. Außerdem hätten die Deutschen, wie man im Irakkrieg gesehen habe, ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein, und das Studio Babelsberg sei sowieso der ideale Produktionsort für seinen Film gewesen. Als er nach dem Problem Raubkunst im Allgemeinen und dem Fall Gurlitt im Besonderen gefragt wird, antwortet er so diplomatisch-routiniert, dass man das Statement sofort an alle bundesdeutschen Kulturminister zum Auswendiglernen schicken möchte: Es gebe so viele Museen auf der Welt, und praktisch jedes habe irgendwelche Kunstwerke in Besitz, die ihm nicht gehörten, also müssten alle zusammen zu einem Ausgleich kommen. Ach, George, sag uns, wo die Blumen sind!

          Der Produzent Karl Baumgartner hat einen Preis für sein Lebenswerk erhalten

          Der Produzent Karl Baumgartner, der am Samstag die Goldene Berlinale-Kamera verliehen bekam, ist sozusagen die Gegenpersönlichkeit zu Clooney: ein Mann im Hintergrund, ein Finanzier aus Leidenschaft, ein Freund der Regisseure, nicht der Stars. Und doch würde auch ohne Menschen wie ihn das Kino, wie wir es kennen, nicht funktionieren. Baumgartner hat mit seiner Verleih- und Produktionsfirma Pandora den internationalen Autorenfilm nach Deutschland gebracht, von Emir Kusturica („Underground“) über Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine“) und Jane Campion („Das Piano“) bis Aki Kaurismäki („Le Havre“).

          Einer wie er ist nicht zu ersetzen

          Kaurismäki war es auch, der im Cinemaxx am Potsdamer Platz die Laudatio auf den von schwerer Krankheit gezeichneten Preisträger hielt, ein Auftritt, der, wie es sich gehörte, mehr einem Slapstick als einer Festrede glich. Dass Baumgartner, wie Kaurismäki erzählte, beim Pokern nicht zu schlagen ist, passt ebenso ins Bild wie die Anekdote, die Berlinale-Chef Kosslick zum Besten gab und die von einem Koffer voller Geld handelte, mit dem der Produzent zu einem Drehort in Tadschikistan flog, um ein ins Stocken geratenes Projekt wieder flott zu kriegen. Einer wie Baumgartner ist im deutschen Kino nicht zu ersetzen, auch nicht durch ein Dutzend Fördertöpfe.

          Dass um 12 Uhr mittags ein Film wie Lars von Triers „Nymphomaniac“ läuft, ist auf einem Filmfestival ganz normal

          Ihren großen Sonntag hat die Berlinale jetzt hinter sich. Dass man innerhalb eines verlängerten Vormittags erst einen knapp zweistündigen Film über ein Mädchen, das sich aus wahnhafter Frömmigkeit zu Tode hungert, und dann einen zweieinhalbstündigen über eine Nymphomanin ansehen muss, die am Sterbebett ihres Vaters feuchte Knie bekommt, mag für Außenstehende wie eine Zumutung klingen. Aber auf einem Filmfestival ist es eben ganz normal, dass um neun Uhr Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“ und um zwölf Uhr Lars von Triers „Nymphomaniac“ läuft, und beide Filme haben auch, vielleicht von denselben Leuten, am Ende ihren Applaus bekommen, auch wenn man sich schwer vorstellen kann, wie ihre Heldinnen miteinander ins Gespräch kommen könnten: die eine jung, rein und auf verstörende Weise opferbereit, die andere innerlich und äußerlich kaputt, so erloschen, wie es ein Mensch nur sein kann. Aber im Kopf des Filmguckers treffen sie doch irgendwie zusammen, und sei es nur für einen kurzen, flüchtigen Moment.

          Am Montag herrscht dann wieder der Alltag im Wettbewerb des Festivals: erst ein chinesischer, dann ein norwegischer Film, schließlich das jüngste Werk des Berlinale-Veteranen Alain Resnais. Aus Hans Petter Molands „Kraftidioten“ gab es am Eröffnungsabend einen kurzen Clip zu sehen, in dem ein Schneepflug einen Range Rover über eine verschneite Piste verfolgt. Freuen wir uns also auf das Duell der Giganten des Nordens.

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