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Der sechste Berlinale-Tag : Vom Museum zur Revolution

  • -Aktualisiert am

So entstehen Ausstellungsräume: Szene aus „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen Bild: Navigatorfilm

Auf Festivals spielen Dokumentarfilme in der Regeln eine Nebenrolle - zwei Beispiele von der Berlinale: „Das große Museum“ und „Al Midan“. Begründen lässt sich die Benachteiligung nicht.

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          Die Ziffer 3 kann man so oder so schreiben. Entweder mit schönen Rundungen oder mit Ecken und Kanten. Wenn man es mit den spitzen Winkeln in der 3 übertreibt, dann wirkt die Ziffer „bissig“. Und das geht natürlich gar nicht. Das ist ein „no go“, wie man man heute sagen würde, und wie es auch Paul Frey, Geschäftsführer für das Finanzielle im Kunsthistorischen Museum zu Wien, formuliert. Johannes Holzhausens Dokumenarfilm „Das große Museum“ lässt uns zu Augenzeugen einer Sitzung in dieser Rieseninstitution werden, in der Frey sich von einem graphischen Entwurf, der zur Begutachtung vorgelegt wird, ein wenig hinreißen lässt. Er extemporiert, lässt sich über eine zackige 3 aus, als wäre sie ein Störenfried. Und er hat ja auch recht. Wenn das Kunsthistorische sich dazu herablässt, sich eine neue Identität, oder vielleicht doch ein wenig bescheidener: einen neuen Auftritt zu geben, dann muss jedes I-Tüpfelchen und natürlich auch jede andere graphische Auskragung genauestens sitzen.

          Dass Paul Frey, ein Mann der Zahlen, seine Finesse im Blick auf die Ziffer aber so nachgerade zelebriert, hat aber wohl auch damit zu tun, dass er gefilmt wird. Die anwesende Kamera verführt ihn zu einer kleinen Show. Und so haben wir bei „Das große Museum“, den ich am Montag im Cubix am Alexanderplatz gesehen habe, und der am kommenden Sonntag noch einmal auf dem Programm steht, auch ein sehr schönes Beispiel für die Nuancen des Dokumentarischen, die auf der Berlinale umso bessere Chancen haben, sich zu entfalten, als hier wirklich gut ausgestattete Säle selbst für die Nebenreihen (in diesem Fall das Forum) zur Verfügung stehen.

          Spielfilme bevorzugt

          Das Cubix ist, auch wenn es ein wenig abseits vom Potsdamer Platz liegt, wo der Großteil der professionellen Berlinale-Gäste ihre Kreise ziehen, mein persönlich bevorzugter Berlinale-Ort geworden. Und da kann ich dann auch gleich noch mit einem Irrglauben aufräumen. Es ist nämlich keineswegs unmöglich (oder ein Fulltimejob), bei der Berlinale Karten zu bekommen. Ganz im Gegenteil. Ich hatte zwei Tage Besuch, wollte etwas bieten, und versuchte es jeweils mittags an der Tageskasse meines bevorzugten Kinos. Keiner der nachgefragten Filme war (zu diesem Zeitpunkt) ausverkauft.

          Erinnerungen an die ägyptische Revolution: „Al midan / The Square“ von Jehane Noujaim
          Erinnerungen an die ägyptische Revolution: „Al midan / The Square“ von Jehane Noujaim : Bild: Noujaim Films

          So kam ich auch an Karten zu „Al Midan“ („The Square“), zu dem am Dienstagabend zwar die Regisseurin Jehane Noujaim nicht gekommen war; sie wurde aber von einem prominenten Aktivisten der ägyptischen Revolution vertreten, von dem Schauspieler Khalid Abdalla, der in amerikanischen Filmen wie „United 93“ zu sehen ist, der eigentlich in London gelebt hat, sich aber seit 2011 neu erfunden hat. Er möchte nur eigentlich Dokumentarfilmemacher sein, erwähnte er während des Publikumsgesprächs in einem Nebensatz. Und bei der rasant zunehmenden Bedeutung dieser filmischen Form könnte man sich eigentlich allmählich die Frage stellen, warum in den Wettbewerben der großen Festivals eigentlich immer noch die Spielfilme so einseitig bevorzugt werden. Es muss wohl mit dem Starsystem zu tun haben. Ein Goldener Bär für die Wirklichkeit – wo kämen wir da hin!

          Wo bleiben die einfachen Leute?

          Mit „Al Midan“ bekommen wir einen Überblick über die drei Jahre, in denen die ägyptische Demokratiebwegung nach anfänglicher Euphorie einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen musste. Khalid Abdalla benannte nach der Vorführung einen Zeithorizont für die Ziele „Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit“. Er sprach von Jahrzehnten, die Ägypten brauchen würde, um sich aus der Geiselhaft durch eine übermächtige, von Eigeninteressen in ihrem Handeln bestimmten Armee befreien zu können. Der Film ist im übrigen nicht gänzlich unumstritten, und nach der Vorführung auf der Berlinale konnte man auch eher ein Gespür dafür als konkrete Hinweise auf die Gründe bekommen.

          Die prominente Rolle des in feinem britischen Englisch argumentierenden Abdalla ließ manche Teilnehmer an der Revolution von einem Ungleichgewicht in der Repräsentation der beteiligten Gruppen sprechen. Wo bleiben die einfachen Leute? Diese Frage, die in einem Bericht der „New York Times“ aufgeworfen wurde, dem Beobachtungen von Vorführungen von „The Square“ in Kairo zugrundelagen, hat tatsächlich eine gewisse Berechtigung.

          Der plausibelste Einwand gegen den Film hat wohl direkt mit seinem ambitionierten Vorhaben zu tun: Dies ist eindeutig so etwas wie eine erste kanonische Erzählung vom Arabischen Frühling in Ägypten, die sich eindeutig an ein westliches Publikum wendet. Der Video-on-demand-Gigant Netflix fungiert als „Weltvertrieb“, das Crowdfundingportal Kickstarter war wesentlich an der Finanzierung beteiligt, und nun ist „The Square“ eben doch ein ganz schön großes Ding geworden. Das sieht man dem Film insofern an, als die Balance zwischen den individuellen Schicksalen und dem Druck der Ereignisse nicht ganz gefunden wurde. Eine kleinere, spezifischere Perspektive wäre wohl interessanter gewesen.

          Von Relauch einer ehrwürdigen Institution zur Revolution eines ganzen Gemeinwesens ist es zweifellos ein großer Sprung. Es sind aber genau diese Sprünge, aus denen Festivalerfahrung besteht.

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