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Berlinale : Der diskrete Charme der alten Welt

Bill Murray und Tilda Swinton geben Autogramme Bild: AFP

Auf dem Weg ins Unbekannte trifft man bei der Berlinale nicht nur im „Grand Budapest Hotel“ erst mal viele Bekannte.

          Der erste alte Bekannte, den ich bei dieser 64. Berlinale traf, war mein jüngeres Selbst. Seit Jahren habe ich mein Foto auf dem Festivalausweis nicht erneuert. Das hält jung und hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass all die anderen alten Bekannten, die Kollegen, Pressebetreuer und Festivalmitarbeiter, die man auf dem Festival trifft, einem sehr viel älter vorkommen. Solche Wahrnehmungsveränderungen sind bei der Berlinale ganz normal. Sie treten schon im Frühstadium auf, und wenn man sich die Eröffnungsgala anschaute, ob im Saal oder vorm Fernsehgerät, dann kamen einem das Pidgin-Englisch des Festivalchefs Dieter Kosslick und die Anke-Engelke-Moderationen älter vor, als man selber heute schon aussieht, weil sie aus einer Zeit stammen könnten, als man selbst noch seinem Passbild glich. Wobei man schon etwas erstaunt war, dass Kosslick in diesem Jahr eher neben sich zu stehen als bei sich zu sein schien.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch der Film, der das Festival dann eröffnete, spielte auf seine Weise mit dem Charme der alten Zeiten. Wes Anderson, der große Verschrobene unter Amerikas Regisseuren, hat sein „Grand Budapest Hotel“ in Görlitz und Babelsberg gefunden, was kein Wunder ist, da es aussieht wie eine filigrane Spielzeuglandschaft, irgendwo zwischen Augsburger Puppenkiste und Märklin-Eisenbahn, bevölkert mit einer ganzen Galerie von Stars, die auf den ersten Blick nur sehr schwer zu erkennen sind. Tilda Swinton als alte Millionärin oder Harvey Keitel als glatzköpfiger Knastbruder, um nur zwei aus der langen Liste zu nennen, werden zu neuen Unbekannten, und man könnte bei diesem Film ein Ratespiel veranstalten, wer wen zuerst erkennt. Ist das nicht Léa Seydoux? Und dort, das ist doch Mathieu Amalric! Und Adrien Brody und Bill Murray!

          Eher Kulinariker als Cineast

          Worum genau es geht, ist schwer zu sagen, das Land Zubrowska und das Hotel, in dem Ralph Fiennes als Concierge Gustave regiert, sind irgendwo in Europas alten Vor- oder Zwischenkriegszeiten verloren, nostalgiegesättigt, mit der hingebungsvollen Liebe zum Detail gezeigt, wie sie so obsessiv nur Wes Anderson pflegt, aber nicht ohne Grausamkeiten und hässliche Zwischenfälle. Doch auch darin liegt etwas Märchenhaftes, und wenn es dann am Ende über Monsieur Gustave heißt: „Seine Welt war schon verschwunden, als er sie betrat“, dann umschreibt das auch ganz schön, wie es einem als Zuschauer mit den Wes-Anderson-Welten ergehen kann.

          Für einen Eröffnungsfilm war das jedoch eine gute Wahl, die paar Verstimmten hielten sich in Grenzen, die Dauernörgler, die seit Jahren jeden Auftaktfilm für ungeeignet erklären, weil ihnen der Anfang offenbar Angst macht. Dagegen helfen dann im Zweifel Alkohol und eine warme Mahlzeit, und wenn auch bei der Musicalabspielstätte, die nun für zehn Tage „Berlinale-Palast“ heißen darf, niemand an ein Grand Hotel oder den Charme des alten Europa denkt, so beweist doch Dieter Kosslick, der im Zweifelsfall wohl eher als Kulinariker denn als Cineast in die Festivalgeschichte eingehen wird, seit Jahren, dass auch fast zweitausend Gäste, welche zum Eröffnungsempfang geladen werden, menschenwürdig verpflegt werden können.

          Womöglich weiter hinaus ins Unbekannte

          Es ging auch bei der Party natürlich so zu, wie man es kennt. Die modische Erscheinungen reizen zu Gehässigkeiten, die wir uns mal verkneifen, und der Witz, dass auf den Einladungskarten nicht deshalb „Abendgarderobe“ steht, weil man ernstlich mit ihr rechnet, sondern um die Zahl der Gäste in Jogginghosen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, der ist mit diesem Satz auch verbrannt für künftige Festivals. Sehr vertraut auch der Eindruck, man kenne viele prominente Gesichter aus der „Hörzu“ oder dem laufenden Fernsehprogramm, weil der deutsche Film allein nun mal seine Schauspieler nicht ernähren kann. Den Regierenden Bürgermeister Wowereit vermisste dagegen niemand – vielleicht hat er ja auch schon 2013 seine letzte Berlinale im Amt erlebt.

          Und wer zeitig ins Bett gegangen ist, der sitzt an diesem Freitag Morgen auch schon wieder im Berlinale-Palast, in dem deutschen Film „Jack“ von Edward Berger. Er spielt in einem Berlin, das sehr weit weg liegt vom Potsdamer Platz. Ein Zehnjähriger und sein sechsjähriger Bruder, eine überforderte junge Mutter, die beiden Erzeuger über alle Berge - das klingt nach Sozialdrama über verwahrloste Kinder und Heimerziehung. Ist es aber nicht. Berger folgt den beiden Kids auf ihrem Weg durch die Stadt, voller Empathie, ohne auf die Tränendrüse zu drücken und mit einem feinen Gespür für ein Berlin, das der auswärtige Festivalbesucher nie zu sehen bekommen wird, wenn er nicht aus Versehen mal in die U-Bahnlinie 7 steigt und bis zur Haltestelle Siemensdamm fährt.

          Die Berlinale, hat Jury-Mitglied Christoph Waltz, der es wissen muss, gesagt, wage sich möglicherweise weiter ins Unbekannte hinaus als Cannes. Ein Film wie „Jack“, unspektakulär, aber genau erzählt, ist ein erster Beleg dafür – und die tröstliche Versicherung, dass man, zumindest im Kino, nicht bloß den alten Bekannten und den üblichen Verdächtigen begegnet.

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