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Berlinale-Star Cate Blanchett : Der träumende Mund

Zwischen den beiden Polen Stirn und Mund findet bei ihr die Schlacht um den wahren filmischen Ausdruck statt: Cate Blanchett Bild: Reuters

Metamorphosen einer Schauspielerin: Cate Blanchett ist der große Star der diesjährigen Berlinale. Doch für die Australierin ist die Welt des Kinos längst nicht alles. Darin liegt ihre besondere Stärke. Ein Porträt.

          5 Min.

          Sie spielt, wie sie spricht. Wo andere Schauspielerinnen die Augen aufreißen, ihre Haare in die Kamera halten oder sich wie Nicole Kidman mit Hilfe einer künstlichen Nase in Diven und Dichterinnen verwandeln, da macht Cate Blanchett fast alles mit ihrem Mund. Es ist dieser Mund, der einem als Erstes einfällt, wenn man an ihre Filmrollen denkt – seine Farbskalen, seine Bewegungen, seine expressiven Nuancen, je nachdem, ob sie eine Elbenkönigin spielt oder eine verarmte Society-Lady, eine Agentin oder eine drogensüchtige Kriminelle. Und dann die Stirn, die mit ihrer kühlen Glätte den Gegenpol dieses Gesichts bildet, den Pol der Ruhe: als wohnten in diesem Kopf Gedanken, die nie ans Tageslicht gelangen dürfen, wie die Monster unter der reglosen Oberfläche des Meeres.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und wenn Cate Blanchett vor die Kamera tritt, wenn sie das märchenhafte Inventar ihrer Kinofiguren aufschlägt, dann ist es, als fände zwischen diesen beiden Polen die Schlacht um den wahren filmischen Ausdruck statt, der Streit zwischen Hitze und Kälte, Bewegung und Erstarrung, und als hänge die Einmaligkeit ihres Spiels davon ab, dass der Ausgang dieses Streits bis zum Ende offenbleibt.

          Man könnte ihr alles zutrauen

          Denn das ist das Kontrastmittel ihres Zaubers: die Unberechenbarkeit. Nie steht sie genau da, wo man sie hinhaben will. Als sie zum ersten Mal ins Licht der Weltöffentlichkeit tritt, mit achtundzwanzig in „Oscar und Lucinda“, ist sie noch ganz Gefühlswesen, Herzdame, eine reiche Erbin, Glasfabrikbesitzerin, spielsüchtig und sterblich verliebt (in Ralph Fiennes). Aber schon in ihrem nächsten Film, der sie endgültig berühmt macht, in Shekar Kapurs „Elizabeth“, tut sie immer genau das Gegenteil dessen, was man erwartet. Sie sitzt im Tower, dann fällt ihr der Thron von England zu, aber statt ein Blutgericht über ihre Feinde zu halten, verzeiht sie ihnen. Dann soll sie heiraten, stattdessen nimmt sie sich einen Liebhaber (Joseph Fiennes, den Bruder von Ralph). Sie übersteht ein Attentat, lässt die Anstifter ermorden, regiert endlich unangefochten – und verzichtet auf ihr Glück. Als bleichgeschminkte Puppe in Brokat wird sie zur mächtigsten Monarchin der Welt. Und noch immer traut man ihr alles zu, auch den Sprung aus der königlichen Rüstung, wie er sich in der Fortsetzung der Geschichte von 2007 immer wieder ankündigt und dann doch nicht passiert.

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          Man spürt, wie es denkt hinter dieser Stirn. Und wie es nicht aufhört, zu grübeln und zu zweifeln, auch wenn die nächste große Rolle, nach mehreren unterschätzten Filmen (etwa Anthony Minghellas „Talentierter Mr. Ripley“ und Gillian Armstrongs Kriegsdrama „Charlotte Gray“), schon wieder eine Ikone ist. Als Elbin Galadriel sagt sie dem jüngsten Hobbit Frodo, wo es im Reich des „Herrn der Ringe“ langgeht – aber so, wie sie das tut, ist es die reinste Kino-Dialektik: zwischen der wundermilden Miene der blonden Magierin, die mit ihren wallenden Locken über dem blütenweißen Gewand ständig von Licht umwabert scheint, und der dunkel murmelnden, gurrenden Stimme, die aus dieser Verkleidung dringt und beileibe nicht nur Angenehmes mitzuteilen hat.

          Hollywood aber auch Theater

          Noch fünfmal hat Cate Blanchett in den vergangenen dreizehn Jahren die Elbenherrscherin gespielt, und wenn sie sich auf diese Rolle beschränkt hätte – und ein paar karrierefördernde Farbtupfer wie das russische Biest Irina Spalko in „Indiana Jones“ und die CIA-Schurkin Marissa Wiegler in „Wer ist Hanna?“ –, dann wäre sie heute womöglich nicht mehr als ein Sternchen am Hollywood-Firmament, so wie ihre Mit-Elbin Liv Tyler. Aber die Welt des Kinos ist für Mrs. Blanchett nicht genug. Schon in der Schule spielte sie Theater, und der erste Preis, den sie gewann, lange vor den Oscars für „Aviator“ und „Blue Jasmine“, belohnte ihren Auftritt als eines von Caryl Churchills „Top Girls“ mit der Sydney Theatre Company. Ende 2008 übernahm sie die Leitung der Company zusammen mit dem Dramatiker und Drehbuchautor Andrew Upton, mit dem sie seit achtzehn Jahren verheiratet ist. 2012 gastierte sie als Lotte in „Groß und Klein“ von Botho Strauß mit ihrer Truppe in Europa. Wenn man liest, die Tournee sei ein Triumph gewesen, fragt man sich, wie die Berichte wohl geklungen hätten, wenn die Hauptdarstellerin kein Filmstar gewesen wäre. Aber das ist Ketzerei. Fest steht, dass auch die Theaterkritiker Cate Blanchett zu Füßen lagen. Außer ihr gelingt das zurzeit nur zwei Schauspielerinnen auf der Welt: Meryl Streep und Isabelle Huppert.

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