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Berlinale : Wo war Michel Houellebecq?

Dünn und müde: Michel Houellebecq spielt Michel Houellebecq in Handschellen. Bild: Berlinale

Im Herbst 2011 verschwand der französische Schriftsteller Michel Houellebecq spurlos. In den Medien wurde gerätselt, wo er denn stecken könnte. Irgendwann war er einfach wieder da. Und erklärte: nichts. Jetzt gibt es einen Film über seine „Entführung“.

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          September 2011. Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist gerade auf Lesereise mit seinem Roman „Karte und Gebiet“ und verschwindet plötzlich. Bis heute weiß keiner genau, wo er gewesen ist. Nur Houellebecqs Freund, der Regisseur Guillaume Nicloux, behauptet, die Wahrheit zu kennen, und hat einen Film über die Tage des Verschwindens gedreht: „L’enlèvement de Michel Houellebecq“, „Die Entführung des Michel Houellebecq“, mit Houellebecq als Michel Houellebecq.

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das klingt nach Komödie und sieht auch so aus, wenn der Film anfangs den Schriftsteller in seiner Wohnung zeigt, dünn, müde, schlaff – und kurz darauf Bilder muskulöser Bodybuilder-Typen, die im Fitness-Studio zu ihren Übungen Gedichte aufsagen. Die Muskeltypen sind es, die Houellebecq wenig später auf dem Heimweg mit einer sargähnlichen grünen Kiste folgen, ihn knebeln, in die Kiste legen und in ein Haus nahe eines Schrottplatzes transportieren, das den Eltern eines der Entführer gehört, eine Stunde von Paris entfernt. Da sitzt Houellebecq nun, festgekettet zwischen Blümchentapeten, liest die wenigen Romane, die im Haus sind, führt poetologische Gespräche mit den Entführern, lässt sich im Bodybuilding unterrichten und bekommt zum Geburtstag eine Nacht mit Fatima, der Dorf-Prostituierten. François Hollande, der Präsident selbst, werde das Lösegeld bezahlen, behaupten die Entführer. Houellebecq glaubt nicht daran.

          Schriftsteller Michel Houellebecq und Regisseur Guillaume Nicloux
          Schriftsteller Michel Houellebecq und Regisseur Guillaume Nicloux : Bild: Privat

          Guillaume Nicloux hat gesagt, er wolle mit seinem Film „den Schlüssel zum Menschen Michel Houellebecq“ liefern. Und wenn man den Gleichmut sieht, mit dem Houellebecq als Houellebecq auf die Entführung reagiert; wenn man beobachtet, wie er, unbeholfen im eigenen Körper, die Ausnahmesituation als Normalität zu nehmen versucht und es nur vier Dinge sind, die ihm gefallen (Rauchen, Trinken, Schreiben, Frauen) – dann zeichnet der Film in der Tat ein eindringliches Porträt. Das Überraschendste jedoch ist, dass man diesen ganzen irren Film lang nicht aufhört, für möglich zu halten, dass es genau so gewesen ist.

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