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Filme im Berlinale-Wettbewerb : Die Moral kommt zum Dessert

Es gibt Haltungen, und es gibt Unterhaltungen, aber beides läuft selten zusammen. Zwei Filme aus Ungarn und Amerika im Wettbewerb der Berlinale, die von Fleisch und Familien handeln.

          2 Min.

          Metaphern sind im Kino kein Fremdwort, sondern ein natürliches Ausdrucksmittel. Filme sprechen in Bildern, Bilder reden miteinander, was man sieht, ist nie nur das, was man sieht. „Eine Frau ist eine Frau“ heißt ein Film von Godard, aber das gilt nicht in allen Fällen, jedenfalls nicht, was die Filme und die Frauen dieser Berlinale angeht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Wettbewerbsbeitrag „On Body and Soul“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi beginnt mit dem Bild zweier Hirsche im Wald. Ein Bulle und eine Kuh, sie streifen gemeinsam durchs Laub, wittern, äsen, zärtlich legt der Bulle seinen Kopf auf den Hals seiner Partnerin. Dann sieht man eine Fabrik, in der Rinder zu Fleisch verarbeitet werden. Eine neue Qualitätskontrolleurin hat gerade angefangen, der Betriebsdirektor interessiert sich für sie, aber nicht zu sehr. Zufällig stellt sich heraus, dass beide Nacht für Nacht den gleichen Traum träumen, vom Hirschbullen und seiner Kuh. Zuerst wollen sie nicht glauben, was ihnen geschieht, dann versuchen sie, das Geschehen zu steuern.

          Das Team um dem den Film „The Dinner“ von Oren Moverman (l.): Laura Linney, Richard Gere und Steve Coogan.

          Im Kern erzählt „On Body and Soul“ nur davon, wie zwei einsame, auf jeweils eigene Weise beschädigte Menschen zueinanderfinden: Sie (Alexandra Borbély) ist Autistin, kontrollsüchtig, berührungsscheu, er ist alt und hat einen gelähmten Arm. Aber um dieses Paar herum hat die Regisseurin eine wahre Menagerie von Metaphern aufgebaut: lebende Tiere, sterbende Tiere, tote Tiere, Stofftiere. Der Rang eines Films hängt auch davon ab, wie konsequent er seine Metaphorik in Handlung übersetzt. Bei Ildikó Enyedi geht diese Konsequenz nach der Hälfte der Geschichte verloren. Der Schlachthof ist nur noch Kulisse, der Wald gerät außer Sicht. Die Liebenden, als sie sich endlich gefunden haben, träumen nicht mehr.

          Als ginge es nur um die Details des Desserttellers

          Oren Movermans Film „The Dinner“ kommt scheinbar ohne Metaphern aus. Im Vorspann sieht man, wie kulinarische Leckerbissen zubereitet werden, dann folgen Szenen einer Teenagerparty: Drogen, Sex, Alkohol. Drei Jungs machen sich betrunken auf den Heimweg. Bevor sie zu Hause ankommen, wird etwas passieren, das der Film erst langsam enthüllt, um uns nicht gleich den Spaß am Abendessen mit Laura Linney, Richard Gere, Rebecca Hall und Steve Coogan zu verderben.

          „The Dinner“ ist bereits die dritte Verfilmung eines 2009 erschienenen Romans des Niederländers Herman Koch, der in Amerika und Westeuropa zum Bestseller wurde. Koch hat sein Buch nach dem Muster eines siebengängigen Edelmenüs gegliedert, vom Amuse-Gueule über Hauptgericht und Käsewagen bis zum Digestif. Diese Struktur ist für seine Geschichte, in der es darum geht, wie ein Kongressabgeordneter (Gere), sein Bruder (Coogan) und ihre Frauen (Linney und Hall) versuchen, die nächtliche Untat ihrer Söhne an einer obdachlosen Frau zu bewältigen, gerade richtig, für Movermans Film ist sie fatal. Denn sie hindert ihn daran, den zentralen Konflikt, in dem es eben nicht nur darum geht, ein Verbrechen zu vertuschen, sondern um die Frage, wie man als Vater, Bruder, Ehemann und Ehefrau vorbildlich oder wenigstens moralisch sauber leben kann, so zuzuspitzen, dass er sich in filmische Aktion übersetzt. Was in „The Dinner“ an Bewegung zu sehen ist, findet fast nur in den Rückblenden statt, während sich die Haupthandlung in Dialogen mit Kellnern und Küchenchefs verzettelt, als ginge es nicht ums Eingemachte, sondern nur um die Details des Desserttellers.

          Im Kreis ihrer Schauspieler und Schauspielerinnen: Die Regisseurin von „On Body and Soul“ Ildiko Enyedi.

          Es könnte natürlich auch sein, dass der ganze Film als große Metapher zu lesen ist, so wie vor Zeiten „Das große Fressen“, das auch von der inneren Krise einer übersättigten Gesellschaft erzählte. Aber dafür ist „The Dinner“ schlicht zu flach, zu undeutlich, zu konzeptlos inszeniert. Typisch die Szene, in der Coogan, der wie eine tickende menschliche Zeitbombe herumläuft, und der etwas steifbeinige Gere gemeinsam das Schlachtfeld von Gettysburg besuchen. Was immer hier zwischen den beiden passieren sollte: Man sieht es nicht. Auch in Berlin gibt es Filme, von denen man nur träumen kann.

          „Unterhaltung mit Haltung“ hat Dieter Kosslick bei der Eröffnungsgala als Motto dieses Festivals ausgegeben. Nach zwei Tagen im Wettbewerb der Berlinale kann man sagen, dass an der Formel noch gearbeitet werden muss. Es gibt Haltungen, und es gibt Unterhaltungen, aber beides läuft selten zusammen.

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