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Berlinale-Preisverleihung 2016 : Im Zeichen der Flüchtlinge

Bild: Reuters

Die Berlinale beweist wieder einmal politische Geistesgegenwart. Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Fuocoammare“ erhält den Goldenen Bären. Auch gegen die übrigen Sieger ist wenig einzuwenden.

          Meryl Streep, hatte man sich gesagt, der großen Meryl Streep wird man jede Entscheidung verzeihen, die sie als Jurypräsidentin verantworten muss. So schlimm kam es dann gar nicht, denn die Jury unter Streeps Führung sprach den Goldenen Bären der 66. Berlinale dem italienischen Dokumentarfilm „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi zu, der auch zu den Favoriten der internationalen Filmkritik gezählt hatte. Es ist eine ästhetisch überzeugende Entscheidung und zugleich eine deutliche politische Akzentsetzung, da der Film auf der Insel Lampedusa gedreht wurde, die durch ihre Lage zwischen Sizilien und Tunesien fast schon zu einem Synonym für das Flüchtlingsdrama geworden ist.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Rosi, der mit seiner Dokumentation „Sacro GRA“ („Das andere Rom“) 2013 bereits den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hatte, hat fast ein Jahr auf der Insel gelebt, er hat selbst Kamera und Ton besorgt und einen ganz eigenen Blick auf die Verhältnisse gerichtet, der auf die üblichen Darstellungstechniken des Dokumentarfilms weitgehend verzichtet. Er zeigt den Alltag einiger Inselbewohner, einen zwölfjährigen Jungen, einen Radiomoderator, den Arzt, der auch die Flüchtlinge untersucht, er zeigt auch das Elend der Flüchtlinge, die Überlebenden und die Toten – und das Erstaunliche daran ist genau dieser Gegensatz, zwischen einem Leben, das einfach so weitergeht wie zuvor, und dem Sterben draußen auf dem Meer. Die bisweilen diskutierte Frage, ob Dokumentarfilme in die Wettbewerbe großer Festivals gehören, beantwortet „Fuocoammare“ ganz einfach durch seine Qualität.

          Auch bei den anderen Bären gibt es nicht allzu viel auszusetzen. Dass der philippinische Beitrag  „Hele Sa Hiwagang Hapis“ („A Lullaby to the Sorrowful Mystery“) von Lav Diaz einen Preis bekommen würde, war von Anfang an klar. Man lädt nicht einen Achtstundenfilm ein in den Wettbewerb, man räumt nicht einen ganzen Kinotag für ihn frei, um ihn dann leer ausgehen zu lassen. Der Alfred-Bauer-Preis „für einen Spielfilm der neue Perspektiven eröffnet“ war da genau die passende Kategorie.

          Ob nun allerdings Danis Tanovic für seinen Beitrag „Smrt u Sarajevu“ („Death in Sarajevo“) unbedingt den großen Preis der Jury erhalten musste, kann man sich schon fragen. Zu zäh, zu konstruiert wirkt diese bosnische Identitätssuche, die hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo spielt. Das Hotel Europa kommt einem eher wie eine bewohnte Allegorie vor und nicht wie ein realer Schauplatz, und dass ein Studiogast auftritt, der Gavrilo Princip heißt, wie der Schütze von 1914, hilft auch nicht recht bei der Beantwortung der Frage, ob dieser Princip denn nun Held, Terrorist oder bloß ein fehlgeleiteter Neunzehnjähriger war.

          Zur besten Regisseurin gewählt: Mia Hansen-Love Bilderstrecke

          Den besten Erstlingsfilm erkannte die Jury in „Inhebbek Hedi“ von Mohamed Ben Attia aus Tunesien. Er zeigt, wenn man so will, eine andere Seite des sogenannten nordafrikanischen Mannes, einen jungen, eher antriebslosen Autoverkäufer, der sich mit der Entscheidung zwischen Tradition und Moderne, arrangierter Ehe oder Liebesheirat abquält. Der Hauptdarsteller Majd Mastoura erhielt auch den Silbernen Bären als bester Darsteller. Da wären einem schon ein paar andere Kandidaten eingefallen, zum Beispiel die beiden jungen Männer aus André Téchinés Film „Quand on a 17 ans“, der bei den Preisen überhaupt nicht berücksichtigt wurde. Was nur schwer nachvollziehbar ist.

          Beste Regie für „L'avenir“

          Den Preis für die beste Darstellerin erhielt die Dänin Trine Dyrholm für ihre Rolle in „Kollektivet“ („The Commune“). In Thomas Vinterbergs leicht autobiografisch gefärbter Geschichte um eine Kopenhagener Kommune in den siebziger Jahren spielt sie eine Fernsehmoderatorin, die an eine offene Beziehung glauben will, bis ihr Ehemann möchte, dass auch seine deutlich jüngere Freundin in die Kommune einzieht.

          Auch mit dem Preis für die beste Regie kann man nicht ernstlich hadern. Die Französin mit dem skandinavischen Namen, Mia Hansen-Love, erhielt ihn für „L’avenir“, in dem Isabelle Huppert eine Philosophielehrerin spielt, die von ihrem Mann verlassen wird und sich mit dem Altern arrangieren muss. Einen silbernen Bären für das beste Drehbuch bekam Tomasz Wasilewski, der zugleich bei „Zjednoczone Stany Milosci“ („United States of Love“) Regie geführt hat. Im Film verschränken sich die Geschichten von vier Frauen im Polen der frühen neunziger Jahre zu einem recht trostlosen Kleinstadtpanorama, das von der Aufbruchsstimmung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weitgehend unberührt erscheint. Den silbernen Bären für eine besondere künstlerische Leistung vergab die Jury an Mark Lee Ping-Bing, den Kameramann des chinesischen Wettbewerbsbeitrags „Chang Jiang Tu“ („Crosscurrent“).

          Mit der Preisverleihung und der Vorführung des Siegerfilms ging die 66. Berlinale am Samstagabend zu Ende – und die meisten Galabesucher werden froh gewesen sein, dass nicht Lav Diaz‘ 482-Minuten-Film siegte, da man sonst erst in den frühen Morgenstunden aus dem Berlinale-Palast gekommen wäre.

          Im Vergleich zu den Vorjahren erschien das Angebot im Wettbewerb 2016 ein wenig ausgeglichener. Totalausfälle gab es nicht, aber eben auch keine wirklich herausragenden Beiträge, von denen man noch in Jahren reden wird.  Der einzige deutsche Beitrag, „24 Wochen“, fand bei der Jury nicht genug Gefallen für einen Preis, was auch in Ordnung geht. Festivaldirektor Dieter Kosslick konnte wie gewohnt die Berlinale als das große Publikumsfestival mit weit mehr als 300.000 verkauften Eintrittskarten preisen. Und dank der Entscheidung der Jury durfte man zugleich politische Geistesgegenwart beweisen.

          Die Sieger

          Goldener Bär: „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi

          Silberner Bär bester Darsteller: Majd Mastoura („Inhebbek Hedi“)

          Silberner Bär beste Darstellerin: Trine Dyrholm („The Commune“/ „Kollektivet“)

          Silberner Bär beste Regie: Mia Hansen-Love („L’avenir“)

          Silberner Bär beste Kamera: Mark Lee Ping-Bing („Chang Jiang Tu“ / „Crosscurrent“)

          Silberner Bär bestes Drehbuch: Tomasz Wasilewski („Zjednoczone Stany Milosci“ / „United States of Love“)

          Großer Preis der Jury: „Smrt u Sarajevu“ („Death in Sarajevo“) von Danis Tanovic

          Alfred-Bauer-Preis: „Hele Sa Hiwagang Hapis“ („A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ von Lav Diaz

          Bester Erstlingsfilm: „Inhebbek Hedi“ von Mohamed Ben Attia

          Goldener Bär bester Kurzfilm: „Balada de um Batráquio“ von Leonor Teles

          Silberner Bär Kurzfilm: „A Man Returned” von Mahdi Fleifel

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